Die Seele in den Religionen

    Flüchtiger Hauch der Lebenskraft

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    Holzschnitt: Abholung der Seele eines Sterbenden durch einen Engel.
    Ein Engel empfängt die Seele eines Sterbenden: Titelholzschnitt einer Schrift von Martin Luther über die Vorbereitung auf den Tod, erschienen 1520 © picture alliance / akg-images
    Von Kirsten Dietrich · 29.08.2021
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    Die Seele ist in vielen Religionen dasjenige, was den Menschen wesentlich ausmacht. Aber was macht sie selbst aus? Ist sie unveränderlich? Vielleicht sogar unsterblich? Davon hat jede Glaubensrichtung ihre ganz eigene Vorstellung.
    "Tief, tief in uns wohnt die Seele.
    Noch niemand hat sie gesehen,
    aber jeder weiß, dass es sie gibt."
    So beginnt das israelische Kinderbuch "Der Seelenvogel" und beschreibt damit in einfachen Worten eine extrem komplizierte Sache. Das fängt schon beim Wort an: "Seele". Die Religions- und Kunstgeschichte hat dafür Bilder gefunden: durchscheinende, menschenähnliche Formen, die von Engeln ins Licht geführt werden – Hieronymus Bosch zeichnete diese Vision vom Weg ins Paradies im ausgehenden Mittelalter.

    Von Engeln und Teufeln umtanzt

    Oder die drastischen Grafiken, ebenfalls aus dem Mittelalter: ein Mensch stirbt, durch seinen Mund verlässt die Seele den sterbenden Körper – schon erwartet von einem Engel und einem Teufel, die um diese Seele kämpfen. Traum und Tod sind seit Alters her die Momente, an denen das religiöse Nachdenken über die Seele ansetzt.
    Der evangelische Theologe Christoph Markschies ist Spezialist für das antike Christentum und die frühe Kirche. Er sagt: "Man muss sich klarmachen: Seele ist heute ein weitestgehend unverstandener Begriff. Die Seele gehört auch zu den großen Mischbegriffen, in denen Traditionen der hebräischen Bibel in die griechische Weltzivilisation gekommen sind und da mit griechischer Tradition vermengt worden sind"

    750 Mal in der hebräischen Bibel

    Also: hebräische Bibel trifft platonische Philosophie. Die biblische Tradition kreist um den hebräischen Begriff næfæš: Kehle, Hauch, Leben, Lebenskraft, Mensch insgesamt, Lebensenergie – næfæš bezeichnet alles, was ein Körperwesen zu einem lebendigen macht, wie es das maßgebliche Wörterbuch zusammenfasst.
    Das Wort næfæš kommt über 750 Mal in der hebräischen Bibel vor. Der Mensch hat in diesem Grundlagentext des Judentums nicht einfach eine næfæš, also: ein lebendiges Wesen, eine Seele - er ist sie. Aber dann kommt ab dem 4. Jahrhundert vor der Zeitenwende Platon mit seiner Philosophie: Das griechische Wort ist "psyche", davon hat bis heute die Psychologie ihren Namen.
    In Platons metaphysischen Überlegungen ist die Seele eine Art Bindeglied zwischen den ewigen Ideen und dem vergänglichen Diesseits, sie ist überzeitlich und unsterblich – und so natürlich dem jeweiligen Körper, in dem sie sich manifestiert, überlegen. Das hat zuerst das hellenistische Judentum fasziniert und dann auch die entstehende Kirche.

    Unsterbliche Seele, beargwöhnter Körper

    "Die antiken Christen folgten dem Platonismus und haben sich damit eine ganze Menge Probleme eingehandelt", sagt Christoph Markschies, "zum Beispiel die strikte Hierarchie: Geistige Realitäten sind unzerstörbar. Und bei Platon gibt es ja die Rede davon, dass die Seele im 'Gefängnis des Leibes' ist – das hat nicht immer zu einer sehr leibfreundlichen Theologie im Christentum geführt."
    Auch die Sache mit der Auferstehung wird in diesem Rahmen knifflig. Wenn die Seele überzeitlich ist, wie passt das mit der Auferstehung des ganzen Menschen - Leib und Seele - zusammen? Die Debatten kommen aus Antike und Mittelalter, ihre Ausläufer finden sich zum Beispiel im aktuellen Katechismus der katholischen Kirche. Dort heißt es:
    "Die Geistseele kommt nicht von den Eltern, sondern ist unmittelbar von Gott geschaffen; sie ist unsterblich. Sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leibe trennt."

    Seele im Koran: der Atem Gottes

    "Das Interessante ist: In allen drei abrahamitischen Religionen ist man der Meinung, dass die Seele auch weiter lebt, weil man an ein Jenseits glaubt", erklärt die islamische Theologin Fateme Rahmati von der Universität Frankfurt: "Nach dem Koran spricht man von der Seele als 'Hauch Gottes'. In der Geschichte von Adam und Eva, als Gott den Lehm des Menschen, des Adam, geformt hat, und dann sagt: Ich habe ihm von meiner Seele oder von meiner 'rūḥ' eingehaucht. Und dann wird dieser Lehm - oder Adam - lebendig."
    Die Seele als Empfänger von Glück und Strafe für das gelebte Leben - diese Rolle übernimmt sie für Juden, Christen wie Muslime. Nicht nur die Schöpfungsgeschichte, auch die Begriffe für die Seele sind im Islam ähnlich wie in der hebräischen Bibel: neben "rūḥ" das wesentlich häufigere "nafs". Und wie in der biblischen Tradition ist die Bedeutung der Worte äußerst vielfältig: das innerste Wesen, lebendig Machendes, Geist, Windhauch, Vernunft. Was sich im Koran nicht finde, sei die grundsätzliche Überordnung dieser Seele über den Körper, sagt Rahmati:
    "Körper und Seele bilden eine Einheit in diesem Kontext des Islam. Das heißt, man kann sie nicht trennen, und eines beeinflusst das andere. Deswegen haben wir auch im Islam verschiedene Hadithe und verschiedene Regeln, wie man seinen Körper verpflegen soll, wie man auf einige Sachen, sogar das Essen, achten soll, weil das auch die Seele beeinflusst."

    Mehr Klarheit im Buddhismus

    Wobei immer noch offen bleibt für die islamische philosophische und theologische Diskussion, wie genau die Seele auf den Körper wirken kann, wenn sie doch als nicht gegenständlich gedacht wird. Und wie genau Körper und Seele jeweils zusammenfinden. Wer Klarheit sucht in Sachen Seele, ist vielleicht doch besser im Buddhismus aufgehoben.
    Carola Roloff, Gastprofessorin für Buddhismus an der Akademie der Weltreligionen Universität Hamburg, grenzt den Buddhismus deutlich von den hinduistischen Traditionen ab, aus denen er erstanden ist: "Gerade im Buddhismus spricht man ja von der Lehre des Nicht-Selbst, des 'Anatman'. 'Atman' wurde früher in alten Texten häufig mit 'Seele' übersetzt, dann wäre der Buddhismus also die Lehre, die nicht an ein Selbst glaubt."
    Die buddhistische Lehre besage eben, dass es weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen oder geistigen Daseinserscheinungen irgendetwas gibt, was man im höchsten Sinne als eine für sich bestehende unabhängige Ich-Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnen könnte, erklärt Roloff: "Das ist tatsächlich eine Kernlehre des Buddhismus. Es wird nicht geleugnet, dass das Selbst oder Ich existiert, aber was man betont: dass es kein völlig unabhängig aus sich heraus bestehendes Selbst gibt."

    Suche nach Vollkommenheit im Laufe vieler Leben

    Aber was ist mit der Wiedergeburt, könnte man jetzt einwenden. Doch Wiedergeburt bedeute im Buddhismus eben nicht Seelenwanderung, entgegnet Roloff, "sondern man geht davon aus, dass sich dieser allersubtilste Bewusstseinsstrom fortsetzt, und dass die Dinge, die man in seinem Leben getan hat, 'karmische' Eindrücke im Bewusstsein hinterlassen, und dass sich diese karmischen Eindrücke zusammen mit dem Bewusstsein kontinuierlich fortsetzen."
    In ostasiatischen Tempeln sollen Spenden schon auch ganz konkret das Nachleben konkreter verstorbener Verwandter erleichtern. Auch der Buddhismus ist kein monolithischer Block, auch er hat Traditionen seiner Umgebung aufgenommen, in diesem Fall den Ahnenkult. Nach so etwas wie einem unveränderlichen Wesenskern im eigenen Innern zu suchen, ist also müßig.
    Mehr noch: Die Erkenntnis, dass es den nicht geben kann, ist der erste Schritt hin zu dem, was stattdessen Ziel menschlichen Strebens sein sollte, sagt Carola Roloff: "Buddhisten gehen davon aus, dass alle das Potenzial zur Erleuchtung haben, und dass die eigentliche Natur des Bewusstseins die Buddha-Natur ist, die Fähigkeit, zur Vollkommenheit zu gelangen. Das geschieht in einem Prozess über viele Leben: ständig an sich zu arbeiten und zu versuchen, immer mehr das, was der Buddha verwirklichte, in sich zu verwirklichen."
    Und dann braucht man eine Hilfskonstruktion wie die der Seele, egal ob unsterblich oder doch vergänglich, sowieso nicht mehr.
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