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Konzert / Archiv | Beitrag vom 08.05.2020

Die Posener Philharmonie erinnert an VerdrängtesMusik zur inneren Befreiung

Moderation: Volker Michael

Der Dirigent und Komponist Ignatz Waghalter 1945 in New York (privat/Website waghalter.com)
Der Dirigent und Komponist Ignatz Waghalter 1945 in New York (privat/Website waghalter.com)

Fast utopisch war Ignatz Waghalters Projekt: Für ein afroamerikanisches Orchester in New York schrieb er 1939 seine "New-World-Suite". Die Filharmonia Poznańska hat das Werk mit seinem Violinkonzert und dem Klavierkonzert von Karol Rathaus gespielt.

Musik gehört allen, unabhängig von ihrer Nation, Religion oder sozialen Herkunft - deshalb sei sie die Bastion der universellen Demokratie - diese einfache wie optimistische Einschätzung stammt vom Dirigenten und Komponisten Ignatz Waghalter. Und sie passt hervorragend zum Tag der Befreiung - vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa mit der Kapitulation der Wehrmachtsführung, die am 8. Mai in Berlin-Karlshorst unterschrieben wurde. 

Statt des vorgesehenen Live-Konzerts aus Poznań senden wir Aufnahmen mit demselben Orchester. Die zentralpolnische Stadt liegt auf halbem Weg zwischen Warschau und Berlin - diese Städte waren wichtig für den Dirigenten und Komponisten Ignatz Waghalter, einen der Mitbegründer der Deutschen Oper in Berlin-Charlottenburg. Das Orchester der Philharmonie Poznań widmete sich bereits zwei Mal der Musik dieses aus Deutschland vertriebenen Komponisten. Waghalter stammte aus einer jüdischen Warschauer Familie. Sein Wirken als Dirigent und Musikorganisator prägte das Musikleben im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

Ein vergessenes Violinkonzert

Er setzte sich weniger für seine eigenen Kompositionen ein als für die Werke anderer Künstler. So wurde auch sein frühes Violinkonzert nicht bekannt. Das zeigt ihn ganz in der Tradition seines Geigenlehrers Joseph Joachim. Doch der ehemalige Konzertmeister der Deutschen Oper Berlin, Tomasz Tomaszewski, meint, das Violinkonzert Waghalters aus dem Jahr 1912 trage sehr viel polnisches Kolorit in sich. Tomaszewski hat das Violinkonzert vor vier Jahren in Posen erstmals gespielt.

Puccinis Vorkämpfer in Deutschland

So war der Erfolg der Opern Giacomo Puccinis auch ein Ergebnis von Waghalters Tätigkeit. Schon in den 1920er Jahren arbeitete er einige Zeit in New York. Doch er wollte zurück nach Deutschland, hier meinte er, liege seine kulturelle Heimat. Doch das Klima wurde rauer, und schon vor 1933 musste Waghalter erkennen, dass ihn das Land seiner großen Erfolge vertreiben würde.

Der Dirigent Ariel Zuckermann (Felix Broede/Agentur Harrison Parrott)Der Dirigent Ariel Zuckermann (Felix Broede/Agentur Harrison Parrott)

David Green, Frank Harders-Wuthenow und Ariel Zuckermann über Ignatz Waghalter und seine New-World-Suite:

Fluchtpunkt New York

Über Prag und Wien gelangte Ignatz Waghalter mit seiner Familie 1938 schließlich wieder nach New York, doch nun war die Situation einen andere: Unter den vielen Flüchtlingen befanden sich viele gut ausgebildete Künstler, die alle um ihr Brot kämpfen mussten. Andererseits bot die US-amerikanische Musikszene nicht ausreichend Arbeitsmöglichkeiten. Das Leben war schwer für Ignatz Waghalter, trotzdem hielt er an seinem utopisch anmutenden Optimismus fest.

Afroamerikanisches Orchester

Er versuchte ein Orchester zu gründen und am Leben zu halten, das nur aus afroamerikanischen Musikern bestehen sollte. Und für dieses Orchester komponierte Waghalter in seinem Exilort die New World Suite. Die gab es im vergangenen Mai überhaupt das erste Mal seit ihrem Entstehen vor 80 Jahren öffentlich zu erleben. Für CD wurde sie bereits vor einigen Jahren eingespielt.

Die Philharmonie Poznań/Filharmonia Poznańska in der Aula der Adam- Mickiewicz-Universität Poznań (Piotr Skórnicki/Filharmonia Poznańska)Die Philharmonie Poznań/Filharmonia Poznańska in der Aula der Adam- Mickiewicz-Universität Poznań (Piotr Skórnicki/Filharmonia Poznańska)

Ariel Zuckermann leitete das Konzert in Poznań, das 2019 ziemlich genau 70 Jahre nach dem Tod Waghalters in New York stattfand. Der polnische Pianist Daniel Wnukowski spielte zu Beginn dieses Posener Programms das Klavierkonzert eines weiteren Komponisten mit engem Bezug zu Polen.

Rathaus' New Yorker Klavierkonzert

Karol Rathaus wurde im österreichisch-polnischen Tarnopol geboren und gehörte zu den bedeutendsten Schülern Franz Schrekers in Berlin. Er war vor seiner Vertreibung einer der erfolgreichsten Filmkomponisten in Deutschland. Auch Rathaus fand Zuflucht in New York, war aber um einiges erfolgreicher als Waghalter, weil er ein Lehramt übernehmen konnte. Auch blieb er kompositorisch aktiv - sein Klavierkonzert entstand ganz am Anfang seiner Lebens- und Schaffensperiode in den USA. Das dunkel eingefärbte kraftvolle Werk spiegelt die biografischen Brüche im Leben des Komponisten und die Ungewissheit seines Exilantenlebens.

Daniel Wnukowski, Frank Harders-Wuthenow und Ariel Zuckermann über Karol Rathaus' Klavierkonzert:

Der Dirigent Leon Botstein (Steve J. Sherman/CAMI)Der Dirigent Leon Botstein (Steve J. Sherman/CAMI)

Aula der Adam-Mickiewicz-Universität Poznań
Aufzeichnungen vom 12. März 2016 und 17. Mai 2019

Ignatz Waghalter
Violinkonzert A-Dur op. 15

Karol Rathaus
Klavierkonzert

Ignatz Waghalter
"New World Suite"

Tomasz Tomaszewski, Violine
Daniel Wnukowski, Klavier
Orchester der Philharmonie Poznań
Leitung: Leon Botstein/Ariel Zuckermann

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