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Literatur | Beitrag vom 13.10.2019

Die norwegische Literatur heuteAufs Ganze, im Innern oder Außen

Von Peter Urban-Halle

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Nächtliche Szene eines erleuchteten Holzhäuschens an der norwegischen Küste mit Bergen und Polarlichtern im Hintergrund. (Eyeem / Alessio Mura)
Reisen - auch ins Innere - sind Themen der aktuellen norwegischen Literatur. (Eyeem / Alessio Mura)

Norwegen, das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019, erfreut sich einer radikalen Literatur. Karl Ove Knausgårds Vivisektion des Ich prägt die Szene. Aber manche seiner Kollegen reisen lieber in die Ferne - und finden dort zuweilen das Nahe.

Wenn heute über die norwegische Literatur gesprochen wird, fällt vor allem ein Name: Karl Ove Knausgård. Er hat das Ich radikal in den Mittelpunkt seiner Prosa gestellt und ein Mammutwerk verfasst. Der halb ernst gemeinte, halb provokative Titel: "Mein Kampf".

Ob Knausgård als Sieger aus diesem Kampf hervorgeht oder nicht, mögen die Leser entscheiden. Was seine Wirkung auf die Kolleginnen und Kollegen angeht, so scheint Knausgård gewonnen zu haben: Ich-Sezierung, Paarbeziehungen, Familiendramen sind die Hauptthemen des gegenwärtigen norwegischen Romans. Die Autoren scheinen zu beherzigen, was sich vor 130 Jahren die Kristiania-Bohème in Oslo, darunter Edvard Munch, Henrik Ibsen, Sigrid Undset und Knut Hamsun, auf die Fahnen schrieb: "Du musst dein Leben schreiben."

Ignoranz und Sehnsucht

Also ignorieren die Autoren souverän die nicht geringen politischen, sozialen, ethnischen und ökologischen Probleme in Europa und der Welt. Sie beschäftigen sich mit sich selbst, genauer: mit dem, was im menschlichen Innern vor sich geht. Es geht um Gefühle, um die Liebe und die Verortung des Ichs. Dafür bürgen Namen wie Tomas Espedal, Hanne Ørstavik, Merethe Lindstrøm, Geir Gulliksen oder Tore Renberg, deren existenzielle Literatur von Sehnsucht und Skepsis zugleich erzählt.

Reisen ins Nahe

Dazu gesellen sich Autorinnen und Autoren mit teilweise sonderbaren, unergründlichen Büchern, in denen viel gereist wird, in Norwegen und in die weite Welt. Thure Erik Lund, Svein Jarvoll und Gert Nygårdshaug wären da zu nennen. Oder auch Erika Fatland, die acht Monate an Russlands Grenze entlang gefahren ist, weil sie davon geträumt hat. Solche Reisen in die Ferne erweisen sich nicht selten als Widerschein des ganz Nahen, Inneren.

Was aber alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller Norwegens auszuzeichnen scheint, sind Mut und Leidenschaft. Halbherzigkeit ist nicht ihre Sache. Es geht ihnen immer ums Ganze.

(pla)

Das Manuskript zur Sendung finden Sie hier

Sprecher: Minnie Böwe, Monika Oschek, Ole Lagerpusch, Peter Urban-Halle
Ton: Inge Görgner
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Jörg Plath

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