Reinigungskraft Edita Delic

"Die Leute geben alles, trotzdem haben sie nicht genug“

34:23 Minuten
Die Reinigungskraft Edita Delic steht mit einem Wagen voller Putzmittel, Wassereimer und einem Staubsauger in einem Treppenhaus.
Die Reinigungskraft Edita Delic arbeitet seit 30 Jahren in mindestens zwei Jobs am Tag. © Deutschlandradio / Frank Ulbricht
18.01.2022
Audio herunterladen
Als sie zum ersten Mal nach Berlin kam, sollte es nur für ein paar Tage sein. Der Krieg in ihrer Heimat Bosnien zwang sie zu bleiben. Seit fast 30 Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft in mindestens zwei Jobs am Tag. Zum Leben reicht das nur knapp.
Um 7 Uhr morgens beginnt der Arbeitstag für Edita Delic im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios. Die Reinigung der Büros, Studios und Flure, das gehört zu ihren Aufgaben.
Durch Corona ist die Desinfektion ganz wichtig geworden, alle Oberflächen müssen mit einer Chlormischung abgewischt werden. „Deswegen riecht es immer so gut nach Schwimmbad“, sagt Delic mit einem Lächeln. Ganz wichtig: die Studios mit Mikrofonen und den vielen Reglern dürfen nur mit einem Staubwedel gereinigt werden, „sonst nichts“.

11,55 Euro in der Stunde

Die Arbeit, so die Reinigungskraft, mache ihr Spaß, sie sei abwechslungsreich. Was sie besonders motiviert? „Ich habe ganz viele Aufgaben. Heute bin ich zum Beispiel mit einer Poliermaschine beschäftigt. Dann sehe ich den Flur und der glänzt so gut. Das habe ich geschafft. Es ist mir egal, dass es morgen wieder tausend Spuren gibt auf diesem Flur. Den habe ich gerade zum Glänzen gebracht. Das ist eine gute Leistung.“
Angestellt ist Edita Delic bei einer großen Reinigungsfirma, diese zahlt nach Tariflohn. Seit Januar 2022 sind das 11,55 Euro in der Stunde, zuvor lag der Satz in der Reinigungsbranche bei 11,11 Euro. Im Portemonnaie merke sie das aber nicht.

„Von der Hand in den Mund – wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“: Das ist das Thema der Deutschlandradio-Denkfabrik 2022. Das ganze Jahr über beschäftigen wir uns in Reportagen, Berichten, Diskussionen und Interviews mit der Lage der Arbeitswelt in Deutschland. Alle Beiträge dazu können Sie hier nachhören und nachlesen.

Es seien nicht nur die gestiegenen Mieten in der Stadt Berlin, die das Leben teurer machten: „Gucken Sie sich mal die Lebensmittel an. Man soll sich gesund ernähren, wir wollen auf Bio umsteigen. Also diese ganzen Kosten merkt man.“

Für manche Leute ist sie "Luft"

Seit Jahren hat die 50-Jährige, neben ihrer Vollzeitstelle, einen zweiten Job. Um 16 Uhr geht sie kurz nach Hause, um wenig später in einem Einkaufszentrum zu arbeiten, ebenfalls als Reinigungskraft.
„Wenn man finanziell unabhängig sein möchte, muss man schon mehr machen. Also man muss wirklich mehr arbeiten.“
Was Delic stört, ist die mitunter sehr geringe Wertschätzung, die ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen entgegengebracht werde. Für manche Leute sei sie „Luft“.
Ihr zweiter Job endet um 21.30 Uhr. Trotz dieser beruflichen Doppelbelastung wirkt Edita Delic überaus positiv. Selbst wenn man sie noch nicht sehen kann, meist hört man sie schon - Delic singt häufig beim Putzen.

Keine finanziellen Polster

Drei Kinder hat sie heute, 13 Jahre ist der jüngste Sohn. Sie habe gelernt, mit wenig Geld zu leben. Doch für zusätzliche Ausgaben, Klassenfahrten zum Beispiel, dafür gebe es kein Polster. Hat sie Wünsche?  
„Ich habe mir nie überlegt, was ich mir jetzt noch leisten möchte. Ich bin mit dem zufrieden, was man hat. Ich träume nicht von einem Auto oder einer Weltreise. Wir haben so viel Schönheit um uns herum, man muss nur ein bisschen gucken.“
Dennoch, für mehr Lohn würde sich Delic immer einsetzen. Man müsse sich trauen und auch mal laut sein. „Im schlimmsten Fall kann man nur eine Absage kriegen. Die Leute geben alles, was sie können, trotzdem haben sie nicht genug.“

Im Krieg fünf Jahre vom Sohn getrennt

In jungen Jahren begann Edita Delic eine Ausbildung zur Verkäuferin. Das war noch in Bosnien, wo sie 1971 geboren wurde. Nur für ein paar Tage wollte sie 1992 den Bürgerkrieg im zerfallenen Jugoslawien hinter sich lassen und fuhr nach Berlin zu einer Schulfreundin. Ihren ersten Sohn ließ sie bei der Mutter zurück.
Erst fünf Jahre später sollten sich beide wiedersehen. Delic kam durch den Krieg nicht in ihre Heimatstadt, die Mutter und der Sohn nicht nach Deutschland.
Die lange Trennung vom Kind ist für Delic ein schweres Kapitel, das hört man ihr an. Heute habe sie mit ihrem ältesten Sohn ein gutes Verhältnis. Aber die Beziehung ist eher freundschaftlich.

"Tägliche Entgiftungskur bei Kaffee und Keksen "

Bei dieser Geschichte und zwei Jobs sei es wichtig, täglich Kraft aufzutanken, sagt Delic. Wie sie das schafft?  
„Man muss sich gute Gedanken machen. Man kriegt täglich so viel Schlechtes mit. Und dann brauchst du jeden Tag wieder eine Entgiftungskur. Und diese Entgiftungskur ist bei mir mein Nachmittagskaffee mit Keksen.“
(ful)

Abonnieren Sie unseren Denkfabrik-Newsletter!

Hör- und Leseempfehlungen zu unserem Jahresthema „Von der Hand in den Mund – Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“. Monatlich direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr zum Thema