Kassiererin Maurike Maaßen

"Der gesetzliche Mindestlohn ist ein Witz"

09:05 Minuten
Maurike Maaßen steht an einer Haltestelle.
Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen liebt Kassiererin Maurike Maaßen ihren Beruf. © Stephan Maaßen
04.01.2022
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Wenig Wertschätzung, wenig Lohn, viel Stress: Und doch wehrten sich viele Beschäftigte im Einzelhandel nicht, beklagt die Essener Kassiererin Maurike Maaßen. Denn für jede gebe es "mindestens zehn Leute als Ersatz, die neu eingestellt werden können".
Gleiche Arbeit – gleicher Lohn: Im Supermarkt ist das offenbar eine Fiktion. Geringfügig Beschäftigte erhielten weniger Lohn als „normal angestellte“, sagt Maurike Maaßen, engagiertes Ver.di-Mitglied und seit Jahrzehnten Kassiererin in einem Essener Supermarkt.
Zwar müssten die geringfügig Beschäftigten nach einer gewissen Zeit hochgestuft werden, aber darauf achte selten jemand: „Beziehungsweise ist es dann so, dass die meistens zu dem Zeitpunkt entlassen werden, wo sie eigentlich hätten hochgestuft werden müssen, und dass andere eingestellt werden.“
Denn für jeden stünden mindestens zehn Leute als Ersatz bereit, die neu eingestellt werden könnten, beklagt Maaßen.

Die meisten Unternehmen zahlen nicht nach Tarif

Für ein großes Problem hält sie auch die geringe Tarifbindung im Einzelhandel, die lediglich bei etwas über 30 Prozent liege. „Die meisten Unternehmen – und da sind auch die ganz großen mit dabei – zahlen überhaupt keinen Tarif. Die zahlen dann den gesetzlichen Mindestlohn, und der ist ein Witz.“
Ob sich die Situation nach der Erhöhung des Mindestlohns in diesem Jahr bessern wird, bezweifelt die Kassiererin. Mit Sicherheit würden die Arbeitgeber irgendeine Lücke finden, damit sie weniger zahlen müssten. Oder sie könnten noch weniger Personal bereitstellten als ohnehin schon. „Einen gewissen Service gibt es im Handel sowieso kaum noch – bei den paar Leuten, die auf der Fläche arbeiten“, so Maaßen.

Die meisten haben Angst, ihren Job zu verlieren

Eigentlich könnten sich die Beschäftigten gegen die Situation wehren, indem sie sich organisieren und solidarisch zusammenstünden. „Im Moment hat der Arbeitgeber die Macht“, beklagt das engagierte Ver.di-Mitglied.
„Aber wir könnten durchaus die Macht erlangen, indem sich wesentlich mehr Leute in den Gewerkschaften engagieren und wir dann auch mitreden und mitbestimmen können, aber das passiert ja leider nicht.“ Auch weil die meisten Kolleginnen und Kollegen Angst um ihren Arbeitsplatz hätten.

"Ich arbeite wirklich gern im Handel"

Sie selbst liebt ihren Job trotz allem: „Ich arbeite wirklich gern im Handel und ganz besonders an der Kasse, weil ich da den direkten Kundenkontakt habe.“
Wäre sie heute eine junge Berufseinsteigerin, würde sie auch wieder Kassiererin werden wollen, sagt sie. „Aber ich würde viel früher versuchen, in die Politik zu gehen. Heute bin ich, glaube ich, zu alt dafür, um da etwas zu ändern. Denn das geht nur von oben."
(uko)

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