Alles über das Geheimnis

Gesucht, gehütet und verraten

160:57 Minuten
Ein Steinmeteorit aus dem Weltall, er fällt in schwarzes Wasser bei Nacht.
Das Geheimnis ist erhaben und undurchdringlich, wie ein Meteorit aus dem All. © Getty Images / Jose Bernat Bacete
Von Sven Rücker · 03.09.2022
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Es ist anziehend und zugleich bedrohlich, Bindemittel von Gesellschaft und Nährboden für Gewalt, gehört zum Erhabenen ebenso wie zum Schmutzigen: das Geheimnis. Wie lässt sich fassen, was doch seinem Wesen nach unerkannt bleiben muss?
Wer dem Geheimnis auf die Spur kommen will, muss damit rechnen, sich selbst zu verlieren. Was wir suchen, kann beginnen, uns heimzusuchen. Und selbst wenn wir das Geheimnis finden, können wir es vielleicht nicht zur Sprache bringen. Wie die Tiefseefische, die in dem Augenblick, indem man sie an die Oberfläche holt, zerplatzen, muss das Geheimnis vielleicht in der Tiefe bleiben und darf nicht zu Tage treten. Denn in dem Augenblick, in dem ich über das Geheimnis spreche, zerstöre ich es. Es ist dann ja kein Geheimnis mehr.

Auf den Fährten von Geheimnisjägern

Ist es also ein Widerspruch, vom Geheimnis sprechen zu wollen? Vielleicht – diese Lange Nacht versucht es dennoch. Aber ihr geht es dabei nicht um das Lüften von Geheimnissen, sondern darum, was sie mit uns machen. Wie sie uns anziehen und ängstigen; wie Geheimnisse uns aneinander binden und entzweien können; wie das Streben nach ihrer Auflösung uns in den Wahnsinn treiben kann und wir doch vom Geheimnisvollen nicht lassen können.

Das vollständige Manuskript dieser Langen Nacht finden Sie hier.

Da der direkte Weg zum Geheimnis versperrt ist, konzentriert sich die Lange Nacht zunächst darauf, welche Gestalten und Formen diese Suche selbst angenommen hat. Wir folgen den Spuren literarischer und cineastischer Annäherungen an das Geheimnis – etwa im Detektivroman, den Schriften des Marquis de Sade oder in Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ – ebenso wie den Fährten tatsächlicher Geheimnisjäger, wie Grabräuber und Schatzsucher.

Nur in seinem Suchen findet der Geist des Menschen das Geheimnis, welches er sucht.

Aus Friedrich Schlegels „Lucinde“

In der zweiten Stunde begegnen wir der gemeinschaftsstiftenden und ausschließenden Kraft des Geheimnisses – in Liebesbünden wie Geheimgesellschaften – aber auch seiner Tendenz, Hierarchien und Machtgefälle zu begründen. Wir begegnen dem Geheimnis ausgerechnet im Herzen der Aufklärung. Und landen schließlich, in der letzten Stunde, angesichts digitaler Durchleuchtung und dem Ruf nach maximaler Transparenz, bei der Frage, ob das Geheimnis heute – zum Guten oder Schlechten – nicht aus der Welt zu verschwinden beginnt.

Undurchdringlich und gefährlich

Eine besonders eindringliche Beschreibung des Geheimnisses findet sich in Hans Henny Jahnns 1932 erschienener Novelle „Das Holzschiff“: Der Text inszeniert die atemlose, obsessive Erkundung eines sich immer weiter erstreckenden Schiffsbaus, im Bestreben, das Geheimnis der Fracht zu lüften – und schließlich auch die verschwundene Geliebte des Protagonisten wiederzufinden. Doch je näher die Suchenden dem Geheimnis zu kommen glauben, desto mehr entzieht es sich ihnen – und zieht sie letztlich ins Verderben:

Sie waren dem Geheimnis sehr nahegekommen. Sie hatten es eingekreist. Es verbarg sich, gewiß. Aber es verriet sich zugleich. Gustav wollte nichts mehr unversucht lassen, um endlich den Kern zu fassen. (…) Mit ihren Händen hatten sie schon den Balken gelöst und auf ihre Schultern gelegt. Dumpf dröhnend fuhr der Kopf des Balkens zum erstenmal gegen das entblößte Erz. (…) Der Balken pendelte schnell hin und her. Gustavs Augen glommen auf. Neben dem Gedröhn plötzlich ein klingender Scherbenlaut, wie wenn ein Spiegel zerbricht. In der gleichen Sekunde stürzte … hinter der aufgeschlitzten Holzwand Wasser hervor. „Salzwasser“ sagte Gustav tonlos.

Aus der Novelle "Das Holzschiff" von Hans Henny Jahnn

Trailer zu "Der Hund von Baskerville" (1959):

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Wenn Jahnns Holzschiff das Rätsel in ein uneinholbares Geheimnis zurückverwandelt, so arbeiten klassische Kriminalromane umgekehrt daran, jedes Geheimnis in ein Rätsel zu verwandeln, das heißt in etwas, das sich mittels deduktiver oder induktiver Logik auflösen lässt, das decodierbar ist. Eine Tendenz, die wohl niemand besser verkörpert als Sherlock Holmes, besonders im „Hund von Baskerville“: Eine geheimnisvolle Schauergeschichte wird dort in ein letztlich rational erklärbares Rätsel überführt (das uns, das Publikum, aber trotzdem mit der Aura des Übernatürlichen lockt).

Detektive und Schatzsucher

Allerdings wird sich zeigen, dass es ganz so einfach nicht ist: Nicht umsonst erscheint die Figur des Detektivs oft selbst als Spiegelbild des Mörders; nicht umsonst sind Ikonen des Detektivromans, wie Holmes oder Dupin, selbst Meister der Täuschung und entziehen sich, ganz dem Geheimnis verpflichtet, dem normalen gesellschaftlichen Verkehr. In Kriminalromanen zeigt sich ebenso wie in Jahnns Novelle die Doppelnatur des Geheimnisses, das einerseits Begehren weckt und zur Suche verleitet und andererseits sich dem Finden entzieht und den Suchenden in destruktive Verzweiflung treibt.
Trailer zu „Treasure Island“ (2012):

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Das gilt nicht zuletzt auch für Schatzsuchen: So wie nach Baudelaire die Pfeife den Drogensüchtigen raucht und nicht umgekehrt, so ist auch der Schatzsucher vom Schatz besessen, anstatt ihn zu besitzen. Und zwar nicht nur im Reich der Literatur, wie in Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“, sondern auch bei ganz realen Schatzsuchen, wie den sogenannten „Beale Papers“ von 1885, die angeblich den Ort eines Goldschatzes enthalten und deren Entschlüsselung etliche Menschen ihre geistige Gesundheit geopfert haben.
Wie der Schatz vergraben ist und wieder gehoben wird, so treten auf der Suche nach ihm auch die dunklen, in der Psyche vergrabenen Triebe und Begehrensstrukturen (wieder) ans Licht. In dem Maße, in dem das Geheimnis einen geschützten und verborgenen Innenraum bildet, ein Heimliches erzeugt, ist es auch unheimlich.
Anders als beim bloßen Rätsel ist die Schwelle zum Geheimnis mit Verboten belegt, und sich dennoch Zugang zu diesem Ort zu verschaffen, bedeutet eine Verletzung, wie die Verletzung der Erde beim Graben. Die Suche nach dem Geheimen, das Verlangen, es nicht auf sich beruhen zu lassen, führt zu Momenten existentieller Gefahr, führt in eine Gegenwelt, ins Schattenreich – und seien es die Schatten des eigenen Unbewussten.

Das Geheimnis wurzelt im Heiligen

Das Geheimnis ist einerseits erhaben, der „bloß“ menschlichen Welt entzogen, besonders rein; andererseits aber auch schmutzig, wie die Erde, in der der Schatz verborgen ist, und die abgetragen werden muss. In Form der „schmutzigen Geheimnisse“ führt die Suche nach dem Geheimnis in die Niederungen der menschlichen Seele und des Körpers.

Ein Geheimnis bezeichnet den Ort, an dem Schmutz und Metaphysik sich berühren.

Pierre Guyotat, Schriftsteller

Eine geheimnisvolle Stele aus Metall steht in der Utah Wüste in USA, November 2020. Sie ähnelt dem schwarzen Monolith aus dem Film "2001: Odyssee im Weltraum" von Kubrick.
2020 wurde ein geheimnisvoller Metallmonolith in der Wüste von Utah entdeckt, Betrachter fühlten sich an den Film "2001: Odyssee im Weltraum" erinnert.© imago / Zuma Press / Utah Department of Public Safety
Ein wirkmächtiges Bild für die erhabene Seite des Geheimnisses – aber auch für seine Bedrohlichkeit – findet Stanley Kubrick in seinem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. Inmitten einer noch gebückten, dem Erdreich nahen Horde von Prähominiden erscheint zu Beginn des Films ein schwarzer Monolith – und in seinem Angesicht beginnt die Menschwerdung, die über den aufrechten Gang direkt in den Himmel führt (zunächst aber einen Mord zur Folge hat). Es ist nicht nur die emporragende Form des Monolithen, die Erhabenheit suggeriert, sondern auch seine spiegelglatte, absolut reine, undurchdringliche Oberfläche.
Das Erscheinen des Monoliths in "2001 - Odysee im Weltraum" (1968):

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Wie es bereits das lateinische Wort "sacer" nahelegt, das sowohl „heilig“ als auch „geheim“ und schließlich ebenfalls „verflucht“ bedeuten kann, ist die Ursprungsform des Geheimnisses das Heilige. Wie das Heilige ist jedes Geheimnis ambivalent, zugleich fruchtbar und zerstörerisch, zugleich allem Menschlichen, Vertrauten entzogen und dieses begründend. Gerade die Unverletztheit, die Entzogenheit des Geheimen, des Heiligen garantiert die stabile Ordnung der menschlichen Welt. Das heißt auch, wie wir sehen werden, die gesellschaftliche Ordnung.

Geheimbünde und Schwellenwesen

Wie das Heilige bildet auch das Geheimnis eine Randzone jeder Ordnung – eine Schwelle. Das Geheimnis liegt nicht in seinem Fund, sondern im Erleben der Schwellensituation selbst. Es zeigt uns, dass wir Schwellenwesen sind, Wesen, die – bis zu ihrem Tod – in permanenten Übergängen begriffen sind.
Nicht nur bezeichnet das Geheimnis selbst eine Schwelle, es ist meist auch von solchen umstellt: Schon antike Mysterienkulte erfordern nicht nur strenge Initiationsriten, sondern sind auch nach innen in mehrere „Stufen“ oder Grade unterteilt, die den Weg zum Innersten, zum Geheimnis regulieren. Gerade die Erfahrung der Entgrenzung, die die Mysterien versprachen – etwa der Dionysoskult –, verlangte strengste Grenzsicherung und Abschottung.
Ausschnitt aus einem Wandgemälde. Die Einweihung der Frauen in den Dionysoskult. Fresko in Pompeji, Italien
Einweihung der Frauen in den Dionysoskult. Fresko in Pompeji, Italien.© picture alliance / akg-images

Gesellschaftskitt und Anreiz für Gewalt

Das zu wahrende Geheimnis verbindet aber nicht nur Geheimbünde, sondern kann grundsätzlich eine besondere Form der Beziehung zu Anderen stiften: Vom Gossip unter Freunden bis zu Staatsgeheimnissen bestimmt die Wahrung und selektive Weitergabe des Geheimen unsere Vergesellschaftung. Ein Geheimnis zu teilen heißt also vor allem: das Geheimnis selbst teilen, aufteilen in Grade und Schwellensituationen, die gesellschaftliche Diversifizierung ermöglichen.
Nicht nur stützen sich auch demokratische Staaten auf die Arbeit von Geheimdiensten, die Machtausübung selbst ist auch hier stets von einem Geheimnis umgeben und es bedarf der Geheimnisse, um die Macht zu bewahren. Das zeigt nicht zuletzt die rigorose Verfolgung von Whistleblowern und Geheimnisverrätern, wie Edward Snowden oder Julian Assange – bei der rechtsstaatliche Prinzipien gern mal hintangestellt werden.
So sehr das Geheimnis aneinander bindet, schließt es immer auch aus; und ist verknüpft mit der Ausübung von Gewalt – im Schutz des Geheimen ebenso, wie zum Entreißen von Geheimnissen. Diese Gewaltsamkeit des Geheimnisses – in einer Welt der Schuld und Verbote – zeigt etwa Michael Hanekes Film „Das weiße Band“, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einem protestantischen norddeutschen Dorf spielt.
Trailer zu "Das weiße Band" (2009):

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Allerdings steht zu befürchten, dass die totale Transparenz, die die Digitalisierung verspricht, ebenso viele Ungeheuer gebären wird, wie die totale Verdunkelung und Geheimhaltung. Am Ende der Langen Nacht steht deshalb auch die Frage, wie ein Umgang mit dem Geheimnis jenseits dieser beiden Pole aussehen könnte. Ein Indiz dafür findet sich vielleicht in folgender Zen-Parabel:

Ein Schüler fragt seinen Meister: „Sag mir, was ist das letzte Wort, die letzte Wahrheit, das letzte Geheimnis?“ Der Meister antwortet: „Ja.“

Zen-Parabel (nach Roland Barthes, "Fragmente einer Sprache der Liebe")

Produktion dieser Langen Nacht:
Autor: Sven Rücker
Regie: Stefan Hilsbecher
Ton und Technik: Anke Schlipf, Rolf Knapp
Sprecher: Christian Brückner, Sebastian Schwab
Redaktion: Monika Künzel
Webdarstellung: Constantin Hühn

Die Sendung ist eine Wiederholung aus dem Jahr 2011.
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