Miguel Delibes: "Die heiligen Narren"

Heiliger Widerstand gegen die Unterdrückung

06:19 Minuten
Das Cover des Buches zeigt die Zeichnung eines Mannes, auf dessen Hut ein Vogel sitzt.
© Aufbau Verlag

Miguel Delibes

Aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien

Die heiligen NarrenAufbau-Verlag, Berlin 2022

149 Seiten

20,00 Euro

Von Victoria Eglau · 06.12.2022
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Spanien zur Franco-Zeit: Dienstboten werden wie Leibeigene behandelt. Der, dem man es am wenigsten zutraut, rächt sich schließlich. Delibes' Roman ist ein moderner Klassiker aus der Zeit des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie.
Der Roman "Die heiligen Narren" spielt im ländlichen Spanien der 1960er-Jahre, in der kargen Provinz Extremadura. Miguel Delibes schildert darin die Verhältnisse auf einem Gutshof, auf dem sich seit Jahrhunderten nichts geändert zu haben scheint: „Die da oben“, also die Gutsbesitzer-Familie, bestimmen über „die da unten“, ihre Dienstboten. Die Familie von Paco, genannt „Paco der Kurze“, arbeitet für den Gutsherrn, der sich ehrerbietig Señorito Iván nennen lässt.

Spott und Machismo

Pacos Frau Régula öffnet eilfertig das Tor, wenn Iváns Mercedes auf den Hof rollt, und ihre Tochter Nieves bedient die Gutsbesitzer-Familie. Ihre Eltern, beide Analphabeten, wollten Nieves eigentlich zur Schule schicken. Die aufgeweckte Tochter sollte Lesen und Schreiben lernen.
Aber diesen Traum macht der Gutsverwalter von jetzt auf gleich zunichte, als er Nieves als Dienstmädchen ins Herrenhaus abkommandiert, wo sie fortan Spott und Machismo ausgesetzt ist.  

Besessen von der Vogeljagd

„Paco der Kurze“ ist der Jagdgehilfe des Señorito Iván. Der Gutsherr ist besessen von der Vogeljagd, die sein einziger Lebensinhalt zu sein scheint. Regelmäßig lädt Iván illustre Gäste zum Jagen ein und setzt seinen ganzen Ehrgeiz daran, die meisten Tauben, Wachteln oder Rebhühner vom Himmel zu schießen.
Um der beste Jäger zu sein, braucht er Paco, der einen besonderen Instinkt hat und den der Gutsherr mit dem Lockvogel auf die Bäume klettern lässt. Aber Paco ist in die Jahre gekommen. Eines Tages fällt er von einem Ast und bricht sich den Knöchel. Iváns ganze rücksichtslose und unbarmherzige Haltung offenbart sich durch diesen Unfall.

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Statt mitleidig oder besorgt ist der Landadelige erbost, dass er nun ohne Paco auskommen muss. Bei der nächsten Jagd zwingt er ihn, mitzukommen – obwohl der Gehilfe noch gar nicht genesen ist. 
Schlüsselfigur in "Die heiligen Narren" ist der geistig zurückgebliebene Azarías, Regulas Bruder, mit seiner kindlichen Liebe zu Vögeln. Ausgerechnet er, der von allen als Schwachsinniger betrachtet wird, lehnt sich gegen die Unterdrückung und Erniedrigung durch den grausamen Gutsherrn auf. Trotz seines gewalttätigen Racheakts sind ihm die Sympathien der Leser und Leserinnen sicher.

Allegorie auf die Franco-Diktatur

Miguel Delibes‘ jetzt neu übersetzter Roman erschien in Spanien 1981, wenige Jahre nach dem Tod Francos. Der moderne Klassiker kann durchaus als Allegorie auf die Franco-Diktatur mit ihrer menschenverachtenden Oberschicht und ihrer unterdrückten Arbeiterschicht gelesen werden.
Der „heilige Narr“ versetzt dem für unumstößlich gehaltenen System einen tödlichen Schlag. Der Roman des Cervantes-Preisträgers Miguel Delibes ist Teil eines neuen gesellschaftlichen Selbstverständnisses, einer neuen Identität. In Spanien gehört er bis heute zur Schullektüre.
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