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Lesart | Beitrag vom 17.06.2019

Die „Flaneuse“Der weibliche Blick auf die Stadt

Kristine Listau und Anneke Lubkowitz im Gespräch mit Frank Meyer

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Eine Frau läuft durch die Straßen der kubanischen Stadt Trinidad. (Imago / Aurora Photos / Keri Oberly)
Auf der Straße zu Hause: Das bewusste Spazierengehen ist meist bei Reisen möglich. (Imago / Aurora Photos / Keri Oberly)

Ein Tribut an den weiblichen Blick auf die Stadt: Die Anthologie "Flexen" vereint 30 Perspektiven von Frauen, People of Colour und Queers. Sie stehen in der Tradition der Flaneur-Literatur, die in ihrer Perspektive indes auf den Mann beschränkt ist.

Ziellos durch die Stadt schlendern, die Umgebung und Menschen betrachten: Der Flaneur ist ein literarische Figur, die viele über den urbanen Raum erzählt. Doch der Flaneur ist auch klar männlich und gar nicht weiblich gedacht, wie Kristine Listau im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur erklärt.

Listau leitet seit 2016 den Verbrecher-Verlag in Berlin. In diesem ist nun das Buch "Flexen. Flâneusen* schreiben Städte" erschienen. Herausgegeben wurde die Anthologie, die 30 Beiträge enthält, von Özlem Özgül Dündar, Ronya Othmann, Mia Göhring und Lea Sauer.

Die Stadt aneignen

In Kontakt mit den Herausgeberinnen kam Kristine Listau auf der Leipziger Buchmesse: "Wir waren sehr schnell begeistert von der Idee", sagt die Verlegerin. Ihr wurde dabei bewusst, dass der Flaneur ein weißer, heterosexueller Mann der Mittelschicht sei – kein Maskulinist, vielmehr ein Bohemier mit Protestpotential. Letzteres sei in der Literatur gewürdigt worden. Dadurch sei aber der andere Blick nicht vorhanden, erklärt Listau. "Wer kann es sich leisten, ziellos durch die Straße zu gehen? Es ist schon der wohlsituierte Mann." Viel werde dadurch ausgeblendet.

Deswegen werde in dem Buch versucht, sich die Stadt anzueignen und anderes zu denken – aus der Perspektive von Frauen, Persons of Coulor und Queers, so Listau. Darauf verweise auch der Buchtitel "Flexen". Dieser sei von den Herausgeberinnen gewählt worden – frei nach dem Motto "Wir müssen durch die Stadt selbstbewusst flexen."

Die Innenperspektive einnehmen

Die Autorin Anneke Lubkowitz hat sich für ihren Anthologiebeitrag "Alleen und Frauen" in Berlin-Wedding auf die Suche nach Straßen gemacht, die nach Frauen benannt sind. Erst nach drei Stunde habe sich die erste Straße gefunden. Es sei vielleicht keine gutgewählte Route gewesen, sagt Lubkowitz gegenüber Deutschlandfunk Kultur, aber der Spaziergang sei sehr aussagekräftig gewesen.

Für Anneke Lubkowitz ist ein Problem der klassischen Flaneur-Literatur, dass diese eine Form der Aneignung sei, weil es ein Blick von Außen sei. "In der Anthologie ist es gut gelungen, wirkliche die Innenperspektiven einzufangen", ist die Autorin überzeugt.

(rzr)

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