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Breitband | Beitrag vom 29.08.2020

Deutungshoheit in Debatten Droht eine Spaltung der Gesellschaft?

Moderation: Philip Banse

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Grafik: Nahaufnahme von Händen, die aufeinander zeigen. (imago images/Ikon Images/Gary Waters)
Aggressivität statt sachlicher Auseinandersetzung - wohin steuert die Debattenkultur? (imago images/Ikon Images/Gary Waters)

Corona-Demos, Satire, Gendern: Derzeit wird in unserer Gesellschaft auf eine Art und Weise gestritten, die die Fronten verhärtet. "Wir haben diese emotionale Debatte, weil sich die Gesellschaft gerade wandelt", sagt die Psychologin Marina Weisband.

Darf eine Journalistin in einem als Satire gekennzeichneten Beitrag fordern, dass Polizisten auf dem Müll entsorgt werden sollen? Eine Kabarettistin, die umstrittene Witze über Homosexuelle und Juden macht, auf einem Literaturfest aus ihrem neuen Buch lesen dürfen? Wie umgehen mit einem Social-Media-Verantwortlichen der Bundeswehr, der Instagram-Bilder likt, die Gedankengut der sogenannten Neuen Rechten transportieren? Und – ganz aktuell – sollte eine Coronademonstration verboten werden, weil Behörden fürchten, dass Hygieneregeln missachtet werden?

Ist die offene Debatte in Deutschland in Gefahr?

Alles Fragen, über die eine offene, demokratische Gesellschaft streiten kann, ja wahrscheinlich streiten sollte und streiten muss. Aber warum passiert das vor allem online auf eine Art und Weise, die viele Menschen als unangenehm, ja bösartig empfinden? Da ist von Zensur die Rede und von Maulkörben. Ist also die offene Debatte hier in Deutschland in Gefahr? Zeigt sich in der aggressiven Diskussion eine gespaltene Gesellschaft?

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"Natürlich hat Social-Media-Kommunikation auch gelegentlich etwas Ruppiges", meint die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan. Sie hätte aber auch extrem produktive Kräfte, weil "Menschen, die man sonst wirklich nirgendwo zu hören kriegt und die keine Plattform haben, plötzlich Gehör kriegen, gehört werden können und sich ausdrücken können und mitteilen können". 

Judith Basad, Journalistin und Autorin der Kolumne "Triggerwarnung" beim Cicero, hatte der Linken vor wenigen Wochen in einem Text ein Säuberungsbedürfnis attestiert, das man eigentlich von der extremen Rechten kennt. Darin sei es ihr vor allem darum gegangen, auf welche Art und Weise aktuell diskutiert werde:

"Zum Beispiel wenn man die Tendenz nimmt, nicht mehr zwischen rechten Ansichten und rechtsextremen Ansichten zu unterscheiden. Also dass man Konservative und Liberale gleichsetzt mit Rechts und dieses Rechtssein dann gleichsetzt mit Rechtsextremismus", sagt Judith Basad.

"Dadurch entsteht auf vielen Seiten Emotionalität"

Man haben auch diese emotionale Debatte, weil sich die Gesellschaft wandeln und die Menschen neue Rollen finden wollen, ergänzt Marina Weisband.

"Dadurch entsteht auf vielen Seiten Emotionalität. Aber ich würde der Analyse nicht zustimmen, dass irgendjemand mundtot gemacht wird, nur weil etwas kritisiert wird. Aber ich glaube, wir müssen uns viel stärker damit konfrontieren, das Aussagen Konsequenzen haben, und zwar ganz reale Konsequenzen für echte Menschen und diese echten Menschen in Gefahr bringen."

"Ich habe versucht, es auf Augenhöhe zu klären"

Die Kulturwissenschaftlerin Asal Dardan gibt zu bedenken, dass es auch wichtig sei, welche Narrative in Debatten benutzt werden:

"Ich habe beispielsweise Interviews gemacht mit Männern, die aus arabischen Ländern nach Europa gekommen sind, und mit Frauen und habe mit ihnen über patriarchale Strukturen, über religiöse, extreme Ausformungen gesprochen. Und da hat mich keiner angegriffen, dass ich antimuslimischen Rassismus bedienen würde.

Und warum nicht? Weil ich nämlich mit den Leuten selber gesprochen habe, die darunter leiden oder die eventuell solchen Vorstellungen anhängen. Ich habe nicht gedacht, ich bin die Expertin, die einfach weiß, wie man diese Probleme löst. Das heißt, ich habe versucht, es auf Augenhöhe zu klären. Man muss ja nicht immer eine ganze Debatte von ihrem negativsten Beispiel ausgehend bewerten."

Hören Sie das komplette einstündige Gespräch im Audio.

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