"Aufstieg und Fall der Deutschland AG"

Deutscher Sachbuchpreis geht an Konstantin Richter

Stillgelegte Industrieanlage Phönix West mit Hochofen 5 im Stadtteil Hörde, Dortmund, Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Europa
Ein Netzwerk der "300 Männer" habe das Land auf persönlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene geprägt - das habe seinen Preis gehabt, legt Richter dar. © picture alliance / imageBROKER / Stefan Ziese
Für seine Geschichte der deutschen Wirtschaft seit der frühen Industrialisierung erhält Konstantin Richter den Deutschen Sachbuchpreis. Die Jury lobt nicht nur die historische Aufarbeitung, sondern auch die Schlüsse, die der Autor für die Gegenwart zieht.
Konstantin Richter hat den Deutschen Sachbuchpreis gewonnen. Er wurde für "Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG" geehrt. In der Begründung der Jury heißt es:

Die Deutschland-AG bestimmt bis heute unser Selbstverständnis als erfolgreiche Wirtschaftsnation. Wie wenig die damit verbundenen Vorstellungen und Konzepte noch auf die Gegenwart passen, zeigt Konstantin Richter in seiner Geschichte der deutschen Wirtschaft seit der frühen Industrialisierung. In kunstvoller Montage stellt er dar, wie das Netzwerk der "300 Männer" auf persönlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene Deutschland geprägt hat. Deutlich wird: Das hatte seinen Preis. Nostalgie hilft nicht weiter. Konstantin Richter macht sichtbar, was sich hinter dem abstrakten Bild der ,deutschen Wirtschaft‘ verbirgt – und liefert so eine Grundlage, die richtigen Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Die Jury des Deutschen Sachbuchpreises hatte acht Titel auf die Shortlist gesetzt. Insgesamt gab es 239 Einreichungen von 132 Verlagen.

Das waren die nominierten Titel:

Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG (Suhrkamp)
Die über 500 Seiten funktionieren nicht nur als Sachbuch, sondern auch als süffiger Business-Roman mit Firmen-Patriarchen, Stahl-Baronen und Anekdoten über die Hidden Champions der deutschen Wirtschaftselite. Das ist der Wirtschaftsroman, der fehlte.
Heike Behrend: Gespräche mit einem Toten (Matthes & Seitz)
Kohlrabi-Apostel und Tempelwächter? Heike Behrend hat ein Buch über den christlichen Propheten Gustaf Nagel geschrieben, der von 1874 bis 1952 in der Altmark lebte. Es ist zugleich ein Buch über die Macht der Selbstinszenierung, über Mechanismen der Ausgrenzung und forscherische Hybris.
Florence Gaub: Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel (dtv)
Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin und Militärstrategin am NATO-Verteidigungskolleg in Rom, hat ihr Zukunfts-Szenario wie ein „Choose-your-own-Adventure“-Buch aus den 80er-Jahren angelegt. Alle paar Seiten müssen Entscheidungen getroffen werden – in der Rolle einer politischen Beraterin in Brüssel. Am Ende der Entscheidungspfade ist vieles möglich, vom bevorstehenden dritten Weltkrieg bis zur globalen Friedenskonferenz.
Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben (dtv)
Im Gegensatz zu vielen anderen Biografen ignoriert Tilmann Lahme nicht, dass Thomas Manns Leben und Werk erst richtig verständlich wird, wenn es vor der Folie seiner unterdrückten Sexualität gelesen wird. Dass Lahme es geschafft hat, unveröffentlichte Briefe und Unterlagen zu finden, rundet die Biografie ab.
Irina Scherbakowa: Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen (Droemer)
An welcher Stelle ist Russland in den 90er-Jahren falsch abgebogen? Wie konnte die Perestroika nach gut zehn Jahren wieder in eine Diktatur münden? Dem geht die mittlerweile im Exil lebende russische Historikerin und Publizistin Irina Scherbakowa in ihrem neuen Buch nach und hat dabei auch die Arbeit der Menschenrechtsorganisation Memorial im Blick.
Bettina Schöne-Seifert: Leben, Körper, Tod. Zwölf aktuelle Kontroversen der Medizinethik (Wallstein)
Darf man zum Impfen zwingen, weil es für alle gemeinsam das Beste ist? Soll man medizinisch nachweislich unwirksame „Alternativmedizin“ in der Apotheke verkaufen und von der Kasse bezahlen lassen? Ist hirntot wirklich tot? Die Medizinerin und Philosophin Bettina Schöne-Seifert stellt schwierige Fragen, wägt ab, lässt gegensätzliche Argumente zu Wort kommen, schätzt selber ein – und bietet damit eine gut verständliche Grundlage, auf der dann jede und jeder selbst Antworten suchen kann.
Roberto Simanowski: Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz (C.H.Beck)
Was droht, wenn wir das menschliche Denken an Maschinen delegieren? Was klingt wie eine kulturpessimistische Schlechte-Laune-Prämisse, bildet bei Roberto Simanowski den Einstieg in ein vergnüglich formuliertes Buch über die Folgen der Nutzung sogenannter Künstlicher Intelligenz. Der Medienphilosoph untersucht, was passiert, wenn wir chatten und texten lassen, statt selbst zu denken und zu schreiben. Er tut das mit Hegel, Wittgenstein und McLuhan.
Ronen Steinke: Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken - und wie wir es verteidigen (Berlin Verlag)
Der Jurist und Journalist Ronen Steinke zieht vorläufige Bilanz einer Gegenwart, in der die Politikerbeleidigung zum gesonderten Straftatbestand wird, Slogans auf propalästinensischen Demonstrationen verboten werden und NS-Vergleiche („Impfen macht frei“) strafbar sein können. Steinke plädiert dafür, mehr Streit auszuhalten, sogar offen rassistischen, antisemitischen und hasserfüllten Aussagen mit Widerspruch zu begegnen statt mit Verbot.
Der Preisträger des Sachbuchpreises erhält 25.000 Euro. Die sieben anderen Nominierten bekommen je 2.500 Euro. Im vergangenen Jahr wurde die Comiczeichnerin Ulli Lust für "Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte" ausgezeichnet. Die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels verleiht den Preis für ein "herausragendes, in deutscher Sprache verfasstes Sachbuch, das aktuelle Debatten bestimmen und unverzichtbare Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung liefern soll".
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