Deutscher Buchpreis 2022

Das sind die Nominierten

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Illustration: Muster aus auf- und zugeschlagenen Büchern und Brillen auf altrosa Hintergrund.
Der Deutsche Buchpreis wird am 17. Oktober 2022 verliehen. © imago images / Ikon Images / Jens Magnusson
Wiebke Porombka im Gespräch mit Frank Meyer · 20.09.2022
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Möchte man die Shortlist zum diesjährigen Buchpreis in einem Satz zusammenfassen, wäre es: "Ein Blick auf das Individuum und das Verhältnis, aus dem es stammt." Denn die Werke beleuchten genau das in verschiedensten Blickwinkeln und Erzählweisen.

Fatma Aydemir: "Dschinns"

Kommentar der Jury: Hüseyin Yilmaz war Gastarbeiter der ersten Generation in Westdeutschland. Nach 30 Jahren pausenloser Schufterei stirbt er in dem Moment, als er mit Rentenbeginn seinen Traum einer eigenen Wohnung in Istanbul verwirklicht hatte. Sein Tod vereint die teilweise zerstrittene Familie in dieser Wohnung - mit ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer Verzweiflung.
Autorin Fatma Aydemir lüftet ihre Geheimnisse präzise und einfühlsam. Die Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder zeigen, dass sie trotz ihrer Unterschiede in einer Sache nah beieinander sind: dem Gefühl der Heimatlo- sigkeit. "Dschinns" vereint Fragen nach Identität, Geschlecht und Herkunft ebenso wie die Themen Rassismus und Diskriminierung, während gleichzeitig ein Teil jüngerer deutscher Geschichte behandelt wird, der bisher kaum in der Literatur zu finden ist.

Kristine Bilkau: "Nebenan"

Kommentar der Jury: Die Keramikkünstlerin Julia führt eine liebevolle Partnerschaft, leidet aber unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Astrid, Mutter von drei erwachsenen Söhnen, will sich langsam aus dem Berufsleben als Ärztin zurückziehen.
Meisterhaft zeigt Autorin Kristine Bilkau anhand der Schicksale zweier Frauen in der norddeutschen Provinz, welche Abgründe in einem scheinbar alltäglichen Leben lauern. Die Stärke dieses subtil erzählten Romans liegt in den Details und den kleinen Kippmomenten - zwischen Fruchtbarkeitskliniken und verschwundenen Müttern, traumvergessenen Landschaften und illegalen Müllkippen. Nicht nur den Figuren, auch den Lesenden wird immer wieder der scheinbar sichere Grund unter den Füßen weggezogen. Doch, dass Leben ohne Vertrauen nicht gelingen kann, auch davon erzählt "Nebenan".

Daniela Dröscher: "Lügen über meine Mutter"

Kommentar der Jury: Hunsrück, Mitte der 1980er Jahre, ein deutsches Frauenleben in der Provinz. Eigentlich hatte die Tochter schlesischer Flüchtlinge mehr vom Leben gewollt, doch der karrierebewusste Ehemann kontrolliert mittlerweile alles: die Haushaltsfinanzen, den tagtäglichen Streit, ihr Übergewicht, für das sich selbst das eigene Kind schon schämt. Die Fassade der kleinbürgerlichen Aufsteigerfamilie zerbröckelt endgültig, als die Mutter in einem skurrilen Akt der Notwehr ihr Erbe verschleudert und den Herren des Hauses aussperrt.
Autorin Daniela Dröscher erzählt ihre von essayistischen Einschüben unterbrochene literarische Mikrosoziologie aus der Kinderperspektive. Beendet ist die Geschichte vom nicht mehr wunschlosen Unglück der Mutter erst, wenn ein neues Spiel beginnt: das der eigenen Familie.

Jan Faktor: "Trottel"

Kommentar der Jury: Jan Faktors Roman "Trottel" verbindet Zeitgeschichte und Lebensgeschichte auf sehr besondere Weise: Er beschreibt den Weg eines Außenseiters von Prag nach Berlin, vom Arbeitnehmer im realexistierenden Sozialismus zu einem Schriftsteller, der literarische Trauerarbeit leistet. Im Kern des Romans steht der Verlust eines Sohnes.
Dem Autoren gelingt das große Kunststück, mit einer Geschichte über Trauer Witz zu erzeugen. Er zielt auf die DDR, ebenso wie auf die bundesdeutsche Gegenwart, auf den Literaturbetrieb und nicht zuletzt auf das eingestandene "Trotteltum" seines Erzählers. Dabei entsteht ein provokanter, bisweilen verstörender Schelmenroman über die Frage, "ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann". Es ist ein Buch, das auch gnadenlose, aber sehr hilfreiche Kritik an unserer Gesellschaft übt.

Kim de l’Horizon: "Blutbuch"

Kommentar der Jury: Die Blutbuche im Garten ist Ursprung und Fluchtpunkt im Leben von Kim, der non-binären Hauptfigur dieses Romans. Gepflanzt wurde sie zur Geburt der Großmutter - der Großmeer, wie sie im Berndeutschen genannt wird. Im Meer dieser Überfigur droht das Kind Kim zu versinken, gleichzeitig ist sie aber von einer magischen Faszination. Als die Großmeer ihr Wissen und ihre Dominanz an die Demenz verliert, beginnt Kim eine eigene Sprache zu bilden: für Identität und Körperlichkeit, für Herkunft und Prägung.
Da es in diesem Gemenge keinen geraden Weg gibt, kann die Form des Romans nicht linear sein. Sie ist experimentell und gewagt, in einem Moment jäh derb und obszön, im nächsten wieder zart und intensiv. Sie nutzt überraschende Ebenen und Sichtweisen. Ein Roman, der berührt und bewegt.

Eckhart Nickel: "Spitzweg"

Kommentar der Jury: Eckhart Nickel gelingt mit seinem Roman "Spitzweg" Großes: Was als Schülergeschichte beginnt, wandelt sich zu einer meisterhaften Reflexion über die Beziehung von Kunst und Leben. Sehr bewusst setzt er sich mit ästhetischen Fragen auseinander, und indem er die Leser:innen zu Schüler:innen macht, werden auch komplexe Diskurse verständlich.
Sprachlich souverän und voller Ironie spielt "Spitzweg" mit einer übertriebenen Gelehrsamkeit, mit verschachtelten Satzkonstruktionen und einem antiquiert anmutenden Vokabular. Dabei ist der Roman aller philosophischen Tiefe zum Trotz äußerst temporeich, in manchen Passagen gar komödiantisch. Ein großes intelligentes Lesevergnügen, das uns veranschaulicht, wie auch über Kultur diskutiert werden kann.

Der deutsche Buchpreis wird am 17. Oktober pünktlich zur Frankfurter Buchmesse verliehen.

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