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Weltzeit | Beitrag vom 02.03.2021

Deutsche Medien über IndienEin Mix aus Stereotypen

Von Pia Behme

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Fußgänger und Fahrradfahrer auf dem Rajpath-Boulevard in Neu-Delhi in Indien, aufgenommen am 28. Februar 2021 (imago images/Hindustan Times/Arvind Yadav)
Geschichten mit "Wiedererkennungswert" verkaufen sich besser: Das Leben in Indien wird oft einseitig beschrieben. (imago images/Hindustan Times/Arvind Yadav)

Indien ist ein Land von großer kultureller Vielfalt. Die Berichterstattung in den deutschen Medien stürzt sich aber meist auf die gleichen Themen: Gewalt gegen Frauen, Armut, Yoga, Ayurveda oder Bollywood.

Wenige Themen und die dann gerne immer wieder – das kennzeichnet die Indien-Berichterstattung in den deutschen Medien. Aus der Ferne grüßt das Klischee. Es geht da vor allem um sexuelle Gewalt gegen Frauen, um berühmte Persönlichkeiten, um Tiere, die in Deutschland nicht heimisch sind, sowie um Kuriositäten. Wie zum Beispiel bizarre, genauso unerwartete wie tragische Zwischenfälle: etwa über jemanden, der ein Selfie machte und dabei tödlich verunglückte.

Sunaina Kumar arbeitet für die Observer Research Foundation in Neu-Delhi. Als indische Journalistin hat sie auch für deutsche Medien wie "Die Zeit" und "Der Spiegel" geschrieben. Mit Ausnahme der Tiere sind die Themen für sie keine Überraschung.

"Ich weiß, dass das in deutschen Medien der Fall ist, aber auch zu einem großen Teil in englischsprachigen Medien. In der Regel gibt es bestimmte Themen, auf die sich die Medien fokussieren, wenn es um Indien geht und es gibt da eine Verstärkung von Stereotypen", sagt sie.

"Wir sind stark beeinflusst von dem, was wir lesen. Deswegen kann ich mir auf jeden Fall vorstellen, dass ein deutsches Publikum glaubt, dass das wirklich alles ist, was in Indien passiert. Das ist so schade, weil wir in einer Zeit leben, in der wir alle besseren Zugang zu Informationen haben und der Austausch viel einfacher ist. Trotzdem werden diese Stereotype weitergeführt."

Die Nachrichtenagenturen setzen die Agenda

In Indien leben über 1,3 Milliarden Menschen. Etwa dreimal so viele wie in der Europäischen Union. Es ist ein Land von großer kultureller, religiöser und linguistischer Vielfalt. Und trotzdem denken die meisten Menschen in Deutschland beim Thema Indien häufig nur an Umweltverschmutzung, Armut, Yoga, Ayurveda und Bollywood.

Sunaina Kumar glaubt, dass vor allem Nachrichtenagenturen Einfluss darauf haben, welche Themen es in die Medien schaffen.

"Wenn man sich anschaut, wie viel Agenda Setting die Nachrichtenagenturen betreiben – es ist ja deren Job, über Katastrophen, Überschwemmungen, Lynchmorde und Gewalt gegen Frauen zu berichten. Das alles sind Nachrichten. Die Agenturen sind wichtig, weil nicht viele Journalisten nach Indien geschickt werden, um zu berichten. Also bekommen wir die meisten Nachrichten von ihnen."

Agenturen wie die Deutsche Presse-Agentur, Reuters oder Associated Press haben Netzwerke mit Korrespondenten und Korrespondentinnen in vielen verschiedenen Ländern. Im Vergleich zu Orten wie Washington oder Brüssel sind in Indien aber nur wenige Journalistinnen und Journalisten unterwegs. Sie allein könne man nicht für die verbreiteten Stereotype über Indien verantwortlich machen, findet Pradnya Bivalkar von der Universität Tübingen.

"Die dpa hat ein Büro in Delhi, das für ganz Südasien zuständig ist. Das ist keine einfache Aufgabe. Über Indien alleine zu berichten ist ja schon schwierig. Wenn dann auch noch sechs andere Länder dazu kommen – das ist eine große Herausforderung. Man kann mit dem Finger weder auf die Korrespondenten noch die Nachrichtenagenturen zeigen und ihnen vorwerfen, ihre Arbeit sei einseitig oder nicht hintergründig genug. Es gibt da einfach praktische Grenzen."

Kommerzielles Interesse

Agenturen wie die dpa verkaufen Nachrichten an Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. Sie haben also ein kommerzielles Interesse. Und manche Themen lassen sich besser verkaufen als andere. Dazu gehören Geschichten mit Wiedererkennungswert. Der bestimmt die Art und Weise, wie mit Informationen umgegangen wird.

In der Kommunikationswissenschaft spricht man von "Frame", in der Psychologie von "Schema". Neues wird einfacher aufgenommen, wenn es zu dem passt, was man bereits zu wissen glaubt. Das heißt auch, dass Geschichten, die die bereits bekannten Stereotype bestätigen, mehr Aufmerksamkeit bekommen, da sie leichter verarbeitet werden können.

"Sagen wir mal, du schreibst eine Geschichte über Frauen, die sehr emanzipiert sind und in der Stadt oder auch auf den Dörfern wohnen, und die exzellente Arbeit verrichten. Frauen, die selbstbewusst sind und sich mehr und mehr über ihre Rechte klar werden. Und im gleichen Atemzug gibt es eine Geschichte, die genau das Gegenteil bestätigt. Dann wird es für eine deutsche Leserschaft, die Indien nicht so gut kennt, sehr schwierig zu verstehen, über was wir hier eigentlich reden."

Pradnya Bivalkar war Projektmanagerin des indisch-deutschen Medienbotschafterprogramms der Robert Bosch Stiftung. Dass Stereotype so schwer zu durchbrechen sind, liegt auch an den Filterblasen, in denen wir uns bewegen, meint sie.

Echokammern verlassen

"Wir leben in einer zunehmend polarisierten Welt, in der wir wählen können, in unseren Echokammern zu bleiben. Wir fühlen uns nicht dazu angehalten, einen Dialog mit der anderen Seite zu führen. Das führt zu der Wahrnehmung, dass meine Weltanschauung die richtige Weltanschauung ist. Das findet sich in der Art und Weise wieder, wie Medien berichten. Sei es über indische Angelegenheiten in deutschen Medien oder über deutsche Angelegenheiten in indischen Medien. Es geht in beide Richtungen."

Um ihre Filterblasen zu verlassen, verbrachten indische und deutsche Journalistinnen und Journalisten im Rahmen des Medienbotschafterprogramms Zeit im jeweils anderen Land. Es gab gemeinsame Seminare, um zu erspüren, wie die andere Seite eigentlich wirklich tickt. Das Ergebnis: Sie berichteten anschließend über vielfältigere Themen. Ein guter gemeinsamer Weg gegen Stereotype in den Köpfen der Medienmacher und -macherinnen, findet Pradnya Bivalkar.

"Idealerweise würde man auch mehr Berichte aus der indischen Perspektive in deutschen Medien sehen. Ohne die deutsche Perspektive in Abrede zu stellen. Eine grenzüberschreitende Herangehensweise ist wichtiger als eine einseitige Perspektive."

Das Medienbotschafterprogramm wurde 2019 eingestellt. Die Robert Bosch Stiftung unterstützt dafür jetzt ein indisch-deutsches Netzwerk. Sunaina Kumar beteiligt sich daran:

"Es ist unmöglich, ein Land in seiner Gesamtheit darzustellen, und es wird immer eine Verzerrung in den Medien geben. Die Frage ist, wie wir die Berichterstattung trotzdem verbessern können. Ich glaube, dass so ein Medienbotschafterprogramm oder ein indisch-deutsches Netzwerk, wie wir es gerade aufbauen, ein Schritt in die richtige Richtung ist."

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