Destruktivität und Philosophie

Wenn Menschen sich freiwillig ohrfeigen

04:25 Minuten
Julia Kruzer ohrfeigt Adrianna “Flychanelle” Śledź während der 'Slap Fighting Championship' am 5.März 2022 in Columbus, Ohio.
Zwei Teilnehmerinnen der Slap Fighting Championships in Columbus, Ohio: Florian Goldberg lässt die neue Sportart aus den USA über das wunderliche Wesen Mensch nachdenken. © Getty Images / Gaelen Morse
Gedanken von Florian Goldberg · 08.11.2022
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Der Mensch ist gut, zumindest kulturell entwicklungsfähig: Das dachte der Coach und Philosoph Florian Goldberg immer. Inzwischen aber beschleichen ihn leise Zweifel. Vielleicht liegt der destruktive Anteil doch näher an den 100 als an null Prozent.
In den USA hat eine neue Sportart das Licht der Welt erblickt: Slap Fighting. Zwei Männer oder Frauen stehen sich gegenüber und ohrfeigen sich so lange mit der flachen Hand, bis einer beziehungsweise eine von ihnen ohnmächtig umfällt. Derweil johlen die Zuschauer.
Menschen. Wunderliche Wesen. Einerseits fähig, die erstaunlichsten Grenzen zu überwinden, andererseits auf eine Art beschränkt, dass jede annähernd altersweise Schildkröte darüber nur ratlos das faltige Haupt schütteln würde – wäre sie nicht zu sehr damit beschäftigt, ein einigermaßen unbeschädigtes Habitat zu finden.

Sublime Dinge generieren keine Klicks

Tatsächlich ist es schwer zu begreifen, wie eine Spezies sublime Dinge wie, sagen wir, Rumis Liebeslyrik, Einsteins Relativitätstheorie oder auch nur die Berliner Ampelkoalition hervorbringen kann, während die meisten Klicks seit jeher Leute kriegen, die sich gegenseitig aufs Ohr hauen.
Zwei Löwen ohrfeigen sich mit ihrer Pfote.
Generiert auch viele Klicks: Kämpfende Tiere© imago / PantherMedia / Nick Dale
Das kann eigentlich nicht gut gehen. Tut es auch nicht. Noch ist jede Hochkultur irgendwann untergegangen. Ausgelöst entweder durch eigene Maßlosigkeit, fremde Gier oder beides. Vieles spricht dafür, dass wir gerade auf einen ähnlichen Punkt zusteuern.

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Sigmund Freud hat versucht, diesem Rätsel beizukommen, indem er von Eros und Thanatos sprach, also dem Lebens- einen Todestrieb zur Seite stellte, der uns Menschen ebenfalls innewohne.
Eine These, die bekanntlich zu heftigem Streit mit Wilhelm Reich führte, der sich dagegen wehrte, unsere zerstörerischen Aspekte auf biologischer Ebene festzuschreiben. Als psychische Verirrung sei das Destruktive behandelbar. Als körperliches Programm nicht. Alle politischen und sozialen Schrecken wären damit legitimiert.

Wie destruktiv ist der Mensch?

Seither wird das Problem von klugen Köpfen hin und her gewälzt, ohne dass jemand eine befriedigende Lösung vorgelegt hätte. Für die eine wie für die andere Betrachtungsweise gibt es gute Argumente, und für jedes gute Argument findet sich bekanntlich ein überraschenderes. So entsteht Ideengeschichte. Nützt aber wenig, wenn wir uns als einzelne zu einer bedrückenden Wirklichkeit verhalten wollen.
Also was tun?
Am Ende hilft wohl nur das älteste und am seltensten angewandte Mittel von allen: sich selbst über das Leben Gedanken machen! Wie zum Beispiel die Philosophin und Dichterin Kalima Vogt, die in ihrem Blog „Yoganautik oder die Kunst im Ungewissen sicher zu navigieren“ seit Jahren nichts anderes unternimmt: Aus einer radikal eigenen Perspektive die Zeitläufte zu verfolgen und mit dem eigenen Erleben in Beziehung zu setzen.
Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, aber mit größtmöglicher innerer Präzision: Was sehe ich, wenn ich in meine Gründe und Abgründe blicke? Was will ich gestalten, woran teilhaben, wovon halte ich mich besser fern? Und was ist überhaupt erforderlich, um eine unverstellte Perspektive auf mich zu gewinnen? – Dabei gilt immer: Um eigene Antworten zu finden, sollte ich erst einmal meine eigenen Fragen kennen!

Eigene Lebenszeit selbstbestimmt gestalten

Natürlich ist das nicht neu. Im Gegenteil. Es steht in einer Tradition, die von den Anfängen der Philosophie bis in die Gegenwart reicht. Schon Epikur meinte, dass „unsere einzige Beschäftigung unsere Heilung sein sollte“. Ein steiler Anspruch, damals wie heute. Jeder kann für sich selbst entscheiden, womit er, sie oder es seine Lebenszeit vornehmlich verbringt.
Womit wir noch einmal beim Slap Fighting wären, wo Fragen philosophischer Selbstbesinnung eine eher untergeordnete Rolle spielen. Zur Ehrenrettung der Kombattant:innen sollte jedoch angemerkt werden, dass sie sich immerhin freiwillig verprügeln lassen, wenngleich in der Hoffnung, am Ende die größere Klatsche auszuteilen als einzustecken. Niemand wird zur Teilnahme gezwungen.
Das unterscheidet sie schon mal von gewissen Kriegsherren, die zwar einen ähnlichen Hang zur Gewalt mitbringen, nicht aber die Bereitschaft, Unbeteiligte heraus- und die eigene Backe hinzuhalten. So betrachtet, erscheint Slap Fighting schon fast als Evolutionssprung.

Florian Goldberg, geboren 1962, hat in Tübingen und Köln Philosophie, Germanistik und Anglistik studiert und lebt als freier Autor, Coach und philosophischer Berater für Menschen aus Wirtschaft, Politik und Medien in Berlin. Er hat Essays, Hörspiele und mehrere Bücher veröffentlicht. Im Künstlerduo tauchgold entstehen zusammen mit Heike Tauch Hör- und Bühnenstücke.

Ein älterer Mann mit Brille und kurzen Haaren.
© Anke Beims
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