Hass und Moral

Irrationaler Wille zur Vernichtung

31:11 Minuten
Ein Kind hält ein selbstgemaltes Bild vor seinen Kopf. Dem Mensch auf dem Bild läuft rote Farbe aus dem Mund.
Hass ist eine elementare Emotion, die nicht nur den einzelnen Menschen in Aufruhr bringt. Wie er zu befrieden ist, stellt uns auch gesellschaftlich vor große Herausforderungen. © unsplash / Markus Spiske
Moderation: Stephanie Rohde · 18.09.2022
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Shitstorms, Hatespeech, Propaganda, Krieg: Hass kennt viele Schauplätze, sagen die Politologin Barbara Zehnpfennig und der Philosoph Konrad Paul Liessmann. Aber gibt es auch moralisch berechtigten Hass? Was wäre entfesseltem Hass entgegenzusetzen?
Hass kann eine extrem lang anhaltende zerstörerische Wirkung entfalten. Denn anders als andere Gefühle – wie etwa Wut, die oft nach einer gewissen Zeit verraucht, – zeichnet sich Hass dadurch aus, dass er absolut und hartnäckig auf die Beseitigung des abgelehnten Objekts abzielt, erklärt die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. Sie hat sich unter anderem anhand von Adolf Hitlers Schrift "Mein Kampf" mit individuellen und kollektiven Ausprägungen von Hass beschäftigt.

Gibt es gerechten Hass?

Aber steht Hass notwendig immer auf der Seite des Bösen? Wie verhält sich das destruktive Gefühl zu Vernunft und Moral? Kann man auch zu Recht hassen, wenn einem ein schlimmes Unrecht widerfahren ist oder gar Gewalt angetan wurde? Barbara Zehnpfennig ist skeptisch:

Wenn wir in die Geschichte schauen, dann ist es doch so, dass wir Menschen, die ganz Schlimmes erlitten haben und dann den Hass überwinden oder sogar bereit sind zu verzeihen, dass wir solche Menschen als besonders moralisch hochstehend achten. Und daran zeigt sich meines Erachtens, dass die Moral nicht auf der Seite des Hasses ist, sondern auf der Seite der Überwindung des Hasses.

Barbara Zehnpfennig, Politikwissenschaftlerin

Manchmal bricht Hass sich kollektiv Bahn: in Shitstorms und Hasskommentaren in sozialen Medien, oder noch brutaler in Gewaltausbrüchen, die sich oft gegen gesellschaftliche Minderheiten richten, bis hin zum Krieg, der entgegen allen Versuchen, militärische Konflikte nach anerkannten Regeln auszutragen, fast immer Gräueltaten an der Zivilbevölkerung mit sich bringt. Aktuelle Berichte aus der Ukraine bestätigen es.

Ein elementares Gefühl

Wie Hass durch politische oder religiöse Propaganda befeuert und kanalisiert werden kann – aber auch grundsätzliche Fragen danach, was Hass als "elementares Gefühl" auszeichnet, etwa im Verhältnis zu Neid, Eifersucht oder Liebe, all das ist Thema beim 25. Philosophicum Lech.
Der Philosoph und Publizist Konrad Paul Liessmann, Professor an der Universität Wien und Mitorganisator des Symposiums, betrachtet Hass als eine starke Emotion, die Destruktions- und Vernichtungsfantasien entfaltet. Daher sei Hass auch mit Machtgefühlen verbunden, die allerdings wohl nicht selten einer Erfahrung der Machtlosigkeit entspringen, so Liessmann. Polemisch zugespitzt könne man sagen: "Der Hass ist die Form der Machtäußerung der Ohmächtigen."

Dominanz der Emotionen

Liessmann sieht unsere Zeit gekennzeichnet durch eine Vorherrschaft der Emotionen. Um entfesseltem Hass etwas entgegenzusetzen, gilt es seiner Ansicht nach zu hinterfragen, ob wir Gefühlen nicht eine zu hohe Bedeutung beimessen:

Wir leben in einer Zeit, in der Gefühl ja alles ist. Wer sagt: "Ich fühle", hat immer schon Recht. Und wenn dieses Gefühl negativ ist, mit welchem Recht wollen wir das dann nicht zulassen, wenn Gefühle so absolut dominant geworden sind? – Das heißt, vielleicht bräuchten wir auch eine Form einer neuen kritischen Theorie der Gefühle, eine Kritik der Gefühle, um dieser Emotionalisierungswelle, der unsere Gesellschaft zurzeit unterliegt, Einhalt zu gebieten.

Konrad Paul Liessmann, Philosoph

Sowohl Konrad Paul Liessmann als auch Barbara Zehnpfennig plädieren dafür, der selbstgewissen Wucht des Hasses mit Zweifel, Differenzierung und Vernunft entgegenzutreten. Dass Hass oft damit gerechtfertigt wird, dass er sich gegen moralisch verwerflich Handelnde richtet, gerade das sollte uns skeptisch machen.

Gegen die Selbstgerechtigkeit des Hassens

"Je mehr wir geneigt sind, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, umso leichter wird es zu hassen", sagt Liessmann. Und Zehnpfennig fügt hinzu: "Was ich beim Hass besonders problematisch finde, ist die Selbstgerechtigkeit, die darin liegt zu glauben, hassen zu dürfen – also zu wissen, was böse ist und was man deswegen hassen darf. In dem Stand sind wir doch eigentlich nicht, dass wir wissen, was gut und böse ist, sondern das ist ja der dauernde Streitpunkt. Das ist ja das, woran wir dauernd arbeiten müssen: zu erkennen, was das eigentlich ist."

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