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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.05.2016

Der Maler Jitzchak BelferJedes Bild ein stummer Aufschrei

Von Evelyn Bartolmai

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Lager Auschwitz-Birkenau im Nebel: Ehemaliges Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Blick auf einen Wachturm (picture alliance / dpa / Fritz Schuhmann)
Lager Auschwitz-Birkenau im Nebel (picture alliance / dpa / Fritz Schuhmann)

Flucht vor den Nazis, Leben im Untergrund und das Glück der Freiheit in Israel: Das Leiden der NS-Opfer ist das künstlerische Lebensthema des Malers Jitzchak Belfer.

Ein quickfideler kleiner Mann ist Jitzchak Belfer, mit dem ich in einer winzigen Kunstgalerie in Tel Aviv verabredet bin. Und hätte ich nicht sein Geburtsdatum schwarz auf weiß gelesen, nie hätte ich ihm die 93 Lebensjahre geglaubt. Wir treffen uns zur Vorstellung eines Buches, mit dem das Lebenswerk des Malers und Kunstlehrers Jitzchak Belfer gekrönt wird – und wir treffen uns, weil Jitzchak, wie ich ihn nennen darf, sein gesamtes Schaffen seinem größten Lehrer gewidmet hat, der seinerseits ein wahrhaftiger "gibor Israel", ein Held des jüdischen Volkes ist: Janusz Korczak. Sieben Jahre war Jitzchak alt, als seine früh verwitwete und mittellose Mutter den Jüngsten ins Waisenhaus geben musste. Doch war es ein Glücksfall, der dem Knaben aus streng orthodoxer Familie eine neue Welt eröffnete und ihn für das ganze Leben prägte:

"Das waren acht Jahre gelebte Menschlichkeit, Humanismus, Demokratie und Gleichberechtigung. Korczak war einmalig in seiner Generation und vielleicht der erste Pädagoge, der sich Gedanken machte und auch darüber schrieb, wie man ein Kind lieben soll. Dass es Rechte hat, vor allem auf Achtung. All das hat er selber praktiziert, und wir alle haben diese Liebe zum Menschen erlebt. Das habe ich von ihm für mein Leben gelernt." 

Das Waisenhaus als Insel der Geborgenheit

Längst sind die revolutionären Methoden, mit denen Janusz Korczak sein Kinderheim führte, auch weit über Pädagogenkreise hinaus bekannt: Die Statuten, in denen die Rechte, aber auch Pflichten der Kinder fixiert waren, und dass es sogar ein Kindergericht gab, vor dem Streitigkeiten geschlichtet wurden. Lachend erinnert sich Jitzchak daran, dass selbst "der Doktor", wie Korczak respektvoll genannt wurde, auf die Klage eines kleinen Mädchens hin einmal dort erscheinen musste.

"Er hatte sie auf ein hohes Pult gesetzt, von dem sie nicht herunterklettern konnte und vor Angst geweint hat. Und da sagte sie zu ihm, Doktor, ich bringe Sie vor Gericht! Also das heißt, die Kinder waren sich auch voll ihrer Rechte bewusst."

Dass Korczaks Kinderheim bis zu seinem bitteren Ende und der Ermordung seiner Bewohner dennoch eine "Insel der Geborgenheit" war, ist auch der Gefährtin des "Doktors", Stefania Wilczyńska, zu verdanken. "Frau Stefa", wie sie genannt wurde, war die treue Seele, der nichts verborgen blieb und die an alles dachte, erinnert sich Jitzchak Belfer bis heute.

Er überlebt die Shoa im polnischen Untergrund

"Jeden Morgen, wenn wir zu unseren Schulen in der Stadt gingen, saß Stefa an der Haustür - mit zwei riesigen Körben voller belegter Brote, und jedes Kind bekam sein Brot. Sie wusste genau, was jedes Kind mochte und wie viel es aß, und sie verteilte die Pausenbrote entsprechend. Sie hat sich wirklich wie eine Mutter um uns gekümmert."

Jitzchak, der nach Kriegsausbruch 16-jährig das Waisenhaus verlassen hatte, überlebte die Schreckenszeit der Shoa im polnischen Untergrund. Als er zurückkam, beargwöhnten die einstigen Nachbarn den Heimkehrer, der vergeblich nach seiner Familie suchte. Stattdessen traf er Menschen, die Ungeheuerliches zu berichten hatten. Deshalb wählte er sich später die Shoa als Motiv, um den Ermordeten als Künstler wenigstens einen symbolischen Gedenkstein zu setzen.

"Ich hatte zwei liebe Freundinnen, und wir sprachen sehr viel. Die beiden waren Zwillinge, die Mengele mit seinen Versuchen gequält hatte, wie sie mir weinend erzählt haben. Jede für sich, damit es die andere nicht hörte und es sie nicht wieder schmerzen sollte. Ich habe von den Freunden Dinge gehört, die nur schwer zu beschreiben und zu glauben sind, und all das wurde dann zu meinem Thema."

Der Traum vom Leben in Freiheit

In zahllosen Werken hat Jitzchak Belfer das Leiden der Opfer aufgezeichnet. Jedes Bild ist ein stummer Aufschrei und die Frage des warum, die bis heute unbeantwortet im Raum steht. Dazwischen immer wieder Porträts von Janusz Korczak, dem rotblonden gibor Israel, der meist ernst, manchmal aber auch mit einem verschmitzten Lächeln dreinblickt. Ihm zu Ehren ist Jitzchak ebenfalls Lehrer geworden, und inzwischen führt auch sein Sohn das Erbe von Janusz Korczak fort:  

"25 Jahre war mein Sohn bei der Kriegsmarine, er ist Oberstleutnant und auch Technologieingenieur, und dann hat er aufgehört. Er kam nach Hause und sagte, er wolle weder Ingenieur noch Kommandeur sein, sondern Erzieher und Lehrer! Dabei könnte er General sein! Da habe ich ihm ganz spontan einen Kuss gegeben und gesagt: Mein Sohn, das war immer mein Traum!"

Ein anderer Traum, der vom Leben in einem freien und demokratischen Land, hatte sich für Jitzchak bereits Jahrzehnte zuvor erfüllt. Da selbst nach dem Krieg und den Verbrechen an den Juden in Polen wieder Antisemitismus aufflammte, hatte er beschlossen, Europa zu verlassen - doch die Briten verhinderten, dass er rechtzeitig zur Verkündung der jüdischen Unabhängigkeit ankam. Im ersten Krieg kämpfte Jitzchak dann doch noch mit um den jungen Staat, und bald danach begann endlich sein neues Leben.

"1951 wurde ich aus der Armee entlassen und hatte nichts, kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit, Hebräisch konnte ich auch nicht so gut. Aber trotzdem, Mädele, glaub mir, ich war so stolz! Ich war frei, und ich war in meinem Land, das war meine Heimat! Ich hatte nichts zu essen und kein Zuhause, aber das machte mir nichts, denn ich war hier und konnte frei atmen."

Ein geachteter Mann und anerkannter Künstler ist Jitzchak Belfer, und seit zwei Jahren lernen israelische Schulkinder über Janusz Korczak aus einem Buch, das Jitzchak geschrieben und auch illustriert hat. Und wenn er über sein Leben der letzten 68 Jahre spricht, dann hört und sieht man, dass er glücklich ist.

"Oh ja, ich bin glücklich. Darüber, wo ich wohne, seit 55 Jahren mit meiner Frau, mit meinem Sohn, der auch schon über 50 ist und als Lehrer arbeitet und außerdem Mathematik und Physik an der Uni studiert. Was brauche ich denn noch mehr? Ich habe meine Bilder, und ich habe alles getan, was ich tun musste."

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