Der Fall Sarah-Lee Heinrich

    Was „Das Netz vergisst nie“ für die junge Generation bedeutet

    11:38 Minuten
    Sarah-Lee Heinrich steht angelehnt an einer Hauswand.
    Für eine rechte Hetzkampagne wurden alte Tweets der Politikerin Sarah-Lee Heinrich veröffentlicht, die sie selbst schon gelöscht hatte. © picture alliance / dpa / Kay Nietfeld
    Berit Glanz im Gespräch mit Teresa Sickert und Marcus Richter · 16.10.2021
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    Gezielt wurde mit Tweets aus ihrer Jugend Stimmung gegen die junge Grünenpolitikerin Sarah-Lee Heinrich gemacht. Die Lehre daraus könne jetzt aber nicht wieder der Rückzug ins Private sein, sagt Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz.
    Der Fall der 20-jährigen Sarah-Lee Heinrich hat für Aufsehen gesorgt. Sie wurde gerade zur Bundessprecherin der Grünen Jugend gewählt und plötzlich mit alten Tweets konfrontiert. Es wurden einige Aussagen der jungen Politikerin ausgegraben, die homophob und beleidigend waren. Entscheidend aber ist, dass diese Tweets sieben Jahre alt sind. Sarah-Lee Heinrich war erst 13 Jahre alt, als sie diese schrieb. Ihre alten Kommentare werden und wurden für einen koordinierten rechten Angriff instrumentalisiert, die junge Frau wurde also auch zum Opfer rassistischer und sexistischer Aggression.

    Virtuell gespeicherte Vergangenheit

    In Folge dieser massiven Skandalisierung wurde beispielsweise von Andrea Diener in der FAZ gefragt, wie wir damit umgehen sollen, dass wir unserer virtuell gespeicherten Vergangenheit nicht mehr entkommen können. Aktuell betritt die erste Generation den Arbeitsmarkt, die sich nicht mehr an eine Zeit vor dem Internet und ein Leben ohne soziale Medien erinnern kann, die also bereits ihr gesamtes Leben online Spuren hinterlassen hat – erst in der Onlinepräsenz ihrer Eltern, dann als Teenager selbst auf den verschiedenen Plattformen.
    In den frühen Jahren der sozialen Medien um 2010 wurde viel über Post-Privacy gesprochen, über die Frage, was Privatheit in einer Zeit bedeuten kann, in der die Menschen zwangsläufig massiv digitale Spuren hinterlassen, deren Schutz nicht mehr gewährleistet ist. Ist das jetzt so? Leben wir jetzt in der Post-Privacy-Zeit und das sind die Effekte?


    Post-Privacy als Konzept beschreibt eine digitale Realität, in der vordigitale Konzepte von Privatheit verschwunden sind, weil es nicht mehr möglich ist, keine Datenspuren zu hinterlassen, sagt Berit Glanz, Literaturwissenschaftlerin an der Uni Greifswald. Inzwischen muss man wohl besonders auch nach den Erfahrungen der Pandemie sagen, dass es in 2021 wohl kaum noch einen Weg gibt jenseits des Netzes zu leben, wir also zwangsläufig in einer Zeit großer Transparenz leben.
    Vor ungefähr einem Jahrzehnt hatte man noch affirmative Vorstellungen einer von Post-Privacy geprägten transparenten Gesellschaft, in der all die Möglichkeiten, die man durch die Digitalisierung erhält, diesen Verlust an Privatheit ausgleichen würden. Das hat sich ins Negative gewendet. Es gibt immer bessere Suchmöglichkeiten in den großen Datenmengen und gleichzeitig gibt es mittlerweile leider auch eine Form von Prangerkultur in den sozialen Medien, so Berit Glanz.
    In einem Interview mit der Deutschen Welle hat der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger gesagt, dass sich diese soziale Dynamik durch intensive Moralisierung und Personalisierung auszeichnet. Diese Tendenzen der Kommunikation in den sozialen Medien können dann wieder politisch instrumentalisiert werden, wenn beispielsweise Politikerinnen mit sieben Jahre alten Tweets konfrontiert werden.

    Gleichzeitig gibt es mittlerweile aber auch ein viel größeres Bewusstsein für die digitalen Datenspuren, die man hinterlassen hat. So werden beispielsweise standardmäßig alte Tweets gelöscht oder Menschen gehen durch ihre Social-Media-Profile, um Dinge zu entfernen, die für Kritik sorgen könnten, erklärt Berit Glanz.

    Viele Menschen ändern sich im Laufe ihres Lebens

    Was heißt das nun? Ist der Schlüssel für ein erfolgreiches Leben in dieser Zeit also eine noch viel sorgfältigere Kuratierung der eigenen Internet Persona? Müssen wir alle durch unsere alten Tweets und Statusmeldungen forschen, ob wir viele Jahre später noch hinter unseren Äußerungen stehen?
    Auffällig ist gewesen, dass es bei dem Fall Sarah-Lee Heinrich ganz konkret auch eine große Menge an Solidarität gab, in der Menschen Anekdoten geteilt haben, was sie als junge Teenager für Dinge gedacht oder getan haben, sagt Berit Glanz.
    Auch ältere Menschen haben sich geäußert und davon erzählt, wie stark sie sich verändert haben, seitdem sie 14 sind, wie sich ihre politischen Einstellungen zu politischen Fragen wie beispielsweise Abtreibung oder Gleichberechtigung radikal gewandelt haben. All das haben sie aber damals eben nicht online geäußert, weil es früher diese Plattformen noch gar nicht gab.

    Ferda Ataman zur Kritik an Sarah-Lee Heinrich: "Bis 14 ist man ein Kind":
    Trotz ihrer umstrittenen Tweets kann Sarah-Lee Heinrich Vorsitzende der Grünen Jugend bleiben, findet Ferda Ataman. Die Journalistin plädiert dafür, über eine Verjährungsfrist für Äußerungen in sozialen Netzwerken nachzudenken.

    Eine junge Frau und ein junger Mann sitze in einer Kongresshalle an einem Tisch.
    © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Bodo Schackow
    Bei aller Umstrittenheit des Generationenkonzeptes, also der Frage, ob eine Zuteilung zu Generationen überhaupt sinnvoll ist, bleibt es also sicherlich hilfreich in Bezug auf das Verhältnis zum digitalen Raum die Geburtsjahre der User:innen vor Augen zu haben. In der älteren Generation, die das Internet und die sozialen Medien erst als Erwachsene kennengelernt haben, ging es wohl zunächst darum, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen, möglicherweise auch Plattformen gar nicht erst zu betreten.
    Dann gab es in den Jahren nach 2010 eine Phase hyperaffirmativer Selbstinszenierung, das heißt das offensive Teilen des Privatlebens in der professionalisierten Influencer-Ästhetik.
    Seit einiger Zeit gibt es auch Tendenzen, die sich kritisch mit dieser aufs Äußerste kuratierten Internet Persona auseinandersetzen: Einerseits ist da der Trend zu einer neuen Authentizität, wie er sich beispielsweise auf Instagram in eindeutiger Abwehr der glossy also glänzenden und scheinenden Influencer-Ästhetik durchgesetzt hat, sagt Berit Glanz.
    Das Bewusstsein für Privatheit zeigt sich aber auch daran, dass viele Jugendliche mittlerweile Plattformen bevorzugen, in denen Nachrichten sofort gelöscht werden oder nur für eine limitierte Zeit online bleiben. Man könnte es als eine Art Social Media-Biedermeier bezeichnen, den Rückzug aus der Timeline in den eher geschützten Raum privater Chats.

    Was bedeutet das? Kommt jetzt der Rückzug ins Private?

    Einerseits ist das vermutlich eine Frage von Trend- und Modezyklen und andererseits gibt es sicherlich auch einfach Ermüdungserscheinungen, sich ständig als sein bestes Ich zu präsentieren, ist unglaublich anstrengend, erklärt Berit Glanz.
    Es ist natürlich auch für viele extrem abschreckend zu sehen, wie diese Kreisläufe öffentlicher Beschämung für andere Menschen ablaufen. Dann kommt eine gewisse Vorsicht und ein daraus resultierende Rückzug aus der Öffentlichkeit hinzu. Es gibt also ein neues Bewusstsein dafür, wie öffentlich unser Leben in den Sozialen Medien ist, gerade weil in den letzten Monaten immer wieder prominente Figuren mit ihren Äußerungen der Vergangenheit konfrontiert wurden.
    Die Antwort darauf kann aber nicht wirklich der Rückzug ins Private sein. Wichtiger als der verzweifelte Versuch, nun alle Spuren zu löschen, die man jemals online hinterlassen hat, ist es, dass sich ein neues Bewusstsein dafür herausbildet, dass menschliche Entwicklung, die ja ein ganz normaler Prozess im Laufe eines Lebens ist, sich auch anhand der individuellen Onlinespuren ablesen lässt, meint Berit Glanz.

    Wir brauchen eine Kultur des Verzeihens

    Dazu gehört, dass wir eine Kultur des Verzeihens brauchen, die Menschen diese Veränderung auch zugesteht. Wenn Jugendsünden und Fehler aus vergangenen Jahren derart dokumentiert und recherchierbar sind, dann muss aktuell zwangsläufig mehr Verantwortung für frühere Stadien übernommen werden.

    Dazu gehört auch, dass man viel offensiver für seinen Lernprozess auch öffentlich einstehen muss, also sich mit teils drastischer Kritik an Positionen aus der Vergangenheit auseinandersetzen und sich und seine eigene Entwicklung erklären muss. Das hat Sarah Lee-Heinrich auch sehr gut umgesetzt, wenn sie auf Twitter schreibt, dass es ihr leidtut, die kritisierten Tweets abgesetzt zu haben und dass ihr ihre Äußerungen von damals peinlich sind.

    Anfeindungen gegen Sarah-Lee Heinrich: Medienexpertin: Koordinierte Twitter-Kampagnen als Methode
    Immer häufiger werden Akteure aus Politik und Medien im Netz mit fragwürdigen Aussagen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Dabei gerate aus dem Blick, aus welchen Kreisen diese Enthüllungen stammen, sagte Tajana Graovac vom "No Hate Speech Movement" im Dlf.

    Die Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrichblickt am Rande des Länderrats von Bündnis 90/Die Grünen in die Kamera des Fotografen.
    © picture alliance / dpa / Kay Nietfeld
    Interessant ist auch, wie wir in Zukunft damit umgehen werden, wie leicht diese Datenspuren manipulierbar und instrumentalisierbar sind, sagt Berit Glanz. Wir sind gerade erst am Anfang von Deep Fakes, aber schon mit einfachsten Bildbearbeitungsmethoden lassen sich angebliche Tweets aus der Vergangenheit fälschen.
    Es geht also bei allen Sensationalisierungen von früheren Aussagen von Menschen auch darum, einen Kontext herzustellen, zu schauen, von wem man sich gerade wie instrumentalisieren lässt. Und im Fall von Sarah-Lee Heinrich muss man sich auch fragen, ob man auf gezielte Empörungswellen, die von rechten Trollen inszeniert sind, einsteigen möchte.
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