Dennis Pausch: "Virtuose Niedertracht"

    Antike Schimpfttiraden

    05:36 Minuten
    Zu sehen ist das Cover des Buches "Virtuose Niedertracht" von Dennis Pausch.
    Ein echter Shitstorm aus der Welt des Wahren, Schönen und Guten. © Deutschlandradio / Verlag C.H. Beck
    Von Katharina Teutsch · 29.07.2021
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    Wüste Beschimpfungen gibt es nicht erst seit dem Internet: In der Antike galten sie als regelrechte Kunstform. Der Altphilologe Dennis Pausch hat die virtuosesten unter ihnen gesammelt. Ein heiterer Rundgang durch die Welt der Schmährede.
    "Du abgeschabter Hering, du persischer Mantel voller Flecken, du sardischer Schafspelz, du Fass voller Salz, du weiche Olive, du bist mehr mit Lauch und Knoblauch vollgestopft als römische Ruderknechte."
    Die Beschimpfung hat kulturgeschichtlichen Unterhaltungswert. Als rhetorische Vernichtungstechnik hat sie Konjunkturen erlebt, die nachträglich die gesellschaftlichen Verhältnisse der jeweiligen Epoche spiegeln. So meinte Cicero, der selbst maßgeblich zur Überlieferung formvollendeter Invektiven beitrug, in tam maledica civitate – in einer schmähsüchtigen Stadt – zu leben.

    Antikes Rom: Nährboden für kalkulierte Bösartigkeit

    In der Tat: Die späte Römische Republik war ein idealer Nährboden für kalkulierte Bösartigkeiten. Das kann man nun in einem kleinen Buch mit dem klangvollen Titel "Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike" lernen. Es enthält auch die eingangs zitierte Tirade aus der Feder des Plautus (2. Jh. v.u.Z.), in der ein Freier den Vater eines leichten Mädchens beschimpft, auf das er es abgesehen hat.
    Das politische Klima in Rom war seit den Bürgerkriegen von Konkurrenz und sozialen Spannungen beherrscht. Es gab das Phänomen der aus kleinen Verhältnissen stammenden Aufsteiger, die das gut geölte System des Stadtadels zum Quietschen brachten.
    Vor allem zu Geld gekommene ehemalige Sklaven waren unbeliebt. Der Altphilologe Pausch vergleicht das spätrepublikanische Rom deswegen mit dem Lübeck der "Buddenbrooks". Da wurde viel Gift und Galle zwischen Traditionalisten und Erneuerern gesprüht.
    Man warf sich alles Mögliche an den Kopf, verunglimpfte den politischen Gegner oder den künstlerischen Rivalen, bis die Monarchie das heitere Geschimpfe kassierte und in Rom mit Zensur- und Verbannungsmaßnahmen die allzu locker sitzenden Mundwerke arretierte. Nicht immer mit Erfolg. Die versus populares – die volkstümlichen Verse – blühten auch so.

    Beleidigungen standen auf dem Lehrplan

    Die Beleidigung als ars invectiva hat in der antiken Rhetorik, anders als man durch Platons wirkmächtiges und philosophisch begründetes Beleidigungsverbot meinen könnte, einen durchaus definierten Ort. Sie war sogar fester Bestandteil des kaiserlichen Schulsystems, lernt man in diesem Buch. Quintilian empfiehlt seinen Schülern kleine Lob- oder Tadelreden als Progymnasmata. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Sport und bezeichnet bei den Griechen eine Art Warm-up vor dem Wettkampf.
    Neben der so etablierten Rügedichtung bieten Komödien, Epigramme und Satiren einen soliden Formsockel für ausgefallene Invektiven. Pauschs Quellen sind so auch hauptsächlich die Werke der antiken Literatur und ihrer Geschichtsschreiber.
    Einen Übergang zwischen den rhetorisch geregelten Wutausbrüchen und spontanen Schimpfattacken bilden die zahlreichen Graffiti, die sich beispielsweise in Pompeji finden. "Albanus ist eine Schwuchtel!" ist ein Klassiker, der sich in unveränderter Wortwahl auch heute noch auf einer Häuserwand finden könnte.

    Politische, künstlerische und soziale Rivalitäten

    Inhaltlich arbeitet sich das Buch thematisch vor von der Rivalität zwischen Politikern, über jene zwischen Dichtern, sozialen Gruppen, Einheimischen und Fremden, Normalos und Exzentrikern. Motivisch legt es Beleidigungen mit sexistischer, xenophober oder klassistischer Bildsprache vor. Ein echter Shitstorm aus der Welt des Wahren, Schönen und Guten.

    Dennis Pausch: Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike
    C.H. Beck Verlag, München 2021
    223 Seiten, 22 Euro

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