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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 21.02.2018

Deniz YücelDas merkwürdigste Jahr seines Lebens

Von Martin Tschechne

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Deniz Yücel nach seiner Freilassung in Istanbul. (AFP / Yasin Akgul)
Deniz Yücel nach seiner Freilassung in Istanbul. (AFP / Yasin Akgul)

Der Journalist Deniz Yücel war ein Jahr, fast komplett abgeschirmt von der Außenwelt, in türkischer Haft. In dieser Zeit gab es Sprengstoff-Attentate, Messerattacken und Keilereien auf dem G20-Gipfel in Hamburg. Normaler Alltag - oder doch nicht? Diese Frage stellt sich der Psychologe Martin Tschechne.

Als Dornröschen wieder zu sich kam – wie sah da die Welt aus? Die Fliegen an den Wänden krochen weiter, als wäre nichts geschehen; das Feuer im Herd flackerte auf, und der Koch verpasste dem Küchenjungen die Ohrfeige, zu der er gerade eben ausgeholt hatte.

Gerade eben? Hundert Jahre waren vergangen, seit die schöne Königstochter in Tiefschlaf gefallen war und der ganze Hofstaat mit ihr. Eine Dornenhecke war um das Schloss gewuchert, undurchdringlich. Aber sonst? War nichts geschehen, nichts hatte sich verändert. In hundert langen Jahren – nichts! Es sieht aus, als hätten die Brüder Grimm sich alle Voraussetzungen für eine literarische Zeitreise zurechtgelegt und die Chance dann ungenutzt verstreichen lassen. Als hätten sie ihre Leser aus lauter Betulichkeit um den spannendsten Teil der Geschichte betrogen.

Er durfte lesen, was die Zensur durchgehen ließ

Bei Deniz Yücel waren es nur ein Jahr und zwei Tage. Und der deutsch-türkische Journalist war auch nicht vom Fluch einer bösen Frau belegt, sondern auf Geheiß des türkischen Präsidenten Erdogan ohne formelle Anklage oder nähere Angabe von Gründen ins Gefängnis geworfen worden. Untersuchungshaft, wie es hieß. Er durfte lesen, was die Zensur durchgehen ließ, ausgewählte Besucher empfangen und in Grenzen mit der Außenwelt korrespondieren. Trotzdem stellt sich nach einer Einzelhaft, in der bunte Wäscheklammern die einzigen Farbtupfer in einer ansonsten aschgrauen Tristesse waren – trotzdem stellt sich die Frage: Was findet einer vor, der ein Jahr und zwei Tage lang von der Welt abgeschnitten war?  

Die Nachrichten aus der Zeit der Abwesenheit nennen eine Reihe der fast schon vertrauten Katastrophen: ein paar Massaker an amerikanischen Schulen, Sprengstoff-Attentate, Messerattacken, die Keilereien auf dem Gipfel der G 20 in Hamburg. Schleswig-Holstein hat einen neuen Ministerpräsidenten, in den Niederlanden durfte der alte dann doch noch bleiben. Und Bayern München sicherte sich den Meistertitel noch ein bisschen früher als üblich. Das alles fügt sich, so platt oder grausam es auch klingen mag, zum normalen Hintergrundrauschen unserer Zeit.

Und doch hat sich die Welt in diesem einen Jahr und zwei Tagen geändert – so grundlegend, dass jemand den armen Deniz Yücel sehr behutsam darauf hinführen sollte. Stichwort: Donald Trump, Stichwort: die Steißgeburt – wenn es denn überhaupt gelingt – einer deutschen Bundesregierung. Und Stichwort: Me too.

Enthüllungen um Männer im Bademantel

Überall krachen da bequeme, kaum je in Frage gestellte Gewissheiten in sich zusammen. Die Amerikaner haben sich unter Trump aus dem Kreis der Freunde verkrümelt; ein neuer Garant des westlichen Erfolgsmodells ist weit und breit nicht in Sicht. Die Balkonszenen und die übernächtigten Gesichter im Koalitionsgezerre wecken nur bei sehr, sehr wohlmeinenden Nachbarn noch so etwas wie Betroffenheit oder Mitgefühl. Das alles ist ja auch eher zum Lachen. Und vor den Enthüllungen um Männer im Bademantel, vor allem solche in leitenden Positionen, vertrug es sich schlecht mit den allgemeinen Vorstellungen von Freiheit, ganze Rollen aus Filmen herauszuschneiden, Gedichte an Hauswänden zu überpinseln oder Gemälde badender Nymphen aus dem Museum zu verbannen. Deniz Yücel kehrt heim in eine Welt, die ihrerseits eine Zeitreise gemacht hat und inzwischen ziemlich abrupt aus einem sehr langen Dornröschenschlaf erwacht ist.

Im April des Jahres 1800 wurde der Theaterautor August von Kotzebue aus Weimar beim Passieren der russischen Grenze völlig unvermittelt festgenommen und nach Sibirien verschleppt. Im Juli des darauf folgenden Jahres ebenso unvermittelt wieder freigelassen. Und genau wie bei Deniz Yücel war es ein Irrtum. Dumm gelaufen. Die Ränkespiele der Diplomatie. Der Bericht von seinem Zwangsaufenthalt in der sibirischen Tundra aber machte Kotzebue berühmter als alle Dramen und Komödien, die er je geschrieben hatte. Das Buch wurde ein Bestseller. Sein Titel: "Das merkwürdigste Jahr meines Lebens".

Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne (privat)Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg. Als promovierter Psychologe weiß er, wie leicht sich Statistik missbrauchen lässt, um Ursachen vorzutäuschen oder tatsächliche Zusammenhänge zu verwischen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie DGPs zeichnete ihn 2012 mit ihrem Preis für Wissenschaftspublizistik aus. Zuvor erschien seine Biografie des Begabungsforschers William Stern (Verlag Ellert & Richter, 2010).

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