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Lesart | Beitrag vom 13.07.2020

Dem Philosophen Hans Blumenberg zum 100.In seiner Denkerstube brüllte ein Löwe

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Andrea Gerk

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Der Philosoph Hans Blumenberg (Peter Zollna / Suhrkamp Verlag)
"Ein außerordentlich gelenkiger Philosoph", so urteilt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff über Hans Blumenberg. (Peter Zollna / Suhrkamp Verlag)

Hans Blumenberg schrieb Tausende Seiten über die Krisen der Menschheit, und gilt dennoch als großer Unbekannter der Philosophie. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat einen Roman über ihn geschrieben - und würdigt ihn zum 100. Geburtstag.

Hans Blumenberg hat über bewegende Themen geschrieben. Sein Werk widmet sich auf mehreren Tausend Seiten den großen Krisen der Menschheitsgeschichte. Doch besonders wegweisend wirkte der Philosoph, der am 13. Juli 1920 in Lübeck geboren wurde, durch seine Forschungen über Bilder, die unsere Sprache und unsere Sicht auf die Welt prägen. Sein Interesse galt der Geschichte und der Wirkung von Metaphern.

Frei heraus

Die Schriftstellerin und Büchner-Preis-Trägerin Sibylle Lewitscharoff hat dem Philosophen vor neun Jahren ihren Roman "Blumenberg" gewidmet. Dessen Buch "Löwen" habe sie dazu angeregt, so Lewitscharoff. Darin habe sie hinreißende Sätze wie den folgenden gefunden: "Auch ohne naturschützerische Gebärde muss gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre."

"Das ist doch klasse für einen Philosophen, so frei heraus", begeistert sich Lewitscharoff. In einem Kapitel, das von Adolf Hitler handle, finde sich die Wendung: "Das Abwesende des Seelöwen – oder wie führte der Führer." Ausgehend vom Motiv des Löwen in Sprachbildern und Redewendungen eröffne Blumenberg die  Möglichkeit "großartige Geistesminen" zu betreten, sagt die Schriftstellerin.

Bewegliches Denken gegen dumme Vorurteile

In der Auseinandersetzung mit überlieferten Vorstellungen und Denktraditionen erweise sich Blumenberg als "außerordentlich gelenkiger Philosoph", beobachtet Lewitscharoff. Er lege sich nicht vorschnell auf "eine allzu eng gefasste Definition" fest, sondern sei ein Denker, "der sich Möglichkeiten offenhält."

Blumenbergs Art zu schreiben, sein Denken in "leichten Schwingungen", führe dazu, dass man dieses Denken auch infrage stelle, erklärt Lewitscharoff: "Das ist wirklich ein Antiwesen des Schreibens gegen sehr festgezurrte und dumme Vorurteile, das mir sehr imponiert hat."

Im Nationalsozialismus nur knapp überlebt

Neue Biografien, die zu seinem 100. Geburtstag erschienen sind, würdigten Blumenberg als einen herausragenden Denker, so Lewitscharoff. Sie zeigten auch die prägenden Elemente seines Lebens. Darunter der Schrecken des Nationalsozialismus, den er "als sogenannter Halbjude" nur knapp überlebt habe.

Als junger Philosoph habe Hans Blumenberg nach dem Krieg zwar schnell Karriere machen können, sagt Lewitscharoff, dabei bekam er es jedoch "immer mit Professoren zu tun, die in der Nazizeit ihr Glück gemacht haben".

Zu Beginn seiner Karriere sei Blumenberg sehr zugewandt und umtriebig gewesen und auch "mit seinen Studenten in die Kneipe gegangen". Das habe im Alter aufgehört: "Da lebte er sehr zurückgezogen in Münster, sprach kaum noch mit Studenten."

(abr)

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