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Lesart | Beitrag vom 22.10.2019

Debatte um den Nobelpreis für Peter HandkeAuch die digitale Welt streitet mit

Moderation: Andrea Gerk

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Die beiden Schriftsteller Saša Stanišić und Peter Handke (Picture Alliance / Sven Simon / Elmar Kremser / Picture Alliance / APA / Georg Hochmuth)
Saša Stanišić (links) kritisierte die Nobelpreisvergabe an Schriftsteller Peter Handke. (Picture Alliance / Sven Simon / Elmar Kremser / Picture Alliance / APA / Georg Hochmuth)

Kann man auf Twitter über Literatur diskutieren? Verkürzen die Kritiker von Peter Handke sein Lebenswerk? Und wie lässt sich die Dankesrede von Saša Stanišić bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises einordnen? René Aguigah und Helmut Böttiger im Gespräch.

Andrea Gerk: Seit die schwedische Akademie bekannt gegeben hat, dass einer der beiden Literaturnobelpreise, die nach der Pause im letzten Jahr vergeben werden, an Peter Handke geht, reißen die Diskussionen um diese Entscheidung nicht ab. Handkes Bücher zum Krieg in Bosnien-Herzegowina Mitte der 90er und seine Rede beim Begräbnis von Slobodan Milošević disqualifizieren ihn, sagt die eine Seite, während andere argumentieren, Schriftsteller müssten keine Menschen mit einwandfreien Ansichten sein, so "FAZ"-Herausgeber Jürgen Kaube.

Wir wollen den Fall auch noch mal diskutieren. Bei mir ist jetzt mein Kollege René Aguigah, und zugeschaltet ist uns der Literaturkritiker und Handke-Kenner Helmut Böttiger. Hallo, herzlich willkommen, Sie beide!

Gerk: René, in welcher Weise wird denn diese Debatte gerade geführt, auf welchem Stand ist sie sozusagen in den Feuilletons und auf Twitter und den sozialen Medien?

Aguigah: Das ist eine ganz tolle Frage, die ist unbeantwortbar. Es gibt natürlich Handke-Kritiker oder, um etwas genauer zu sein, Menschen, die die Literaturnobelpreisvergabe an Handke kritisieren, und das zum Teil sehr scharf. Dann gibt es ebenso Leute, die diese Kritik kritisieren und darauf hinweisen, dass diese Kritiker ja alle die Texte von Handke nicht so richtig gelesen hätten. Und drittens gibt es auf jeden Fall inzwischen auch eine Debatte über die Debatte, in der unter anderem formuliert wird, dass man über Twitter ja gar nicht richtig über Literatur debattieren könne – das ist das, was mich jetzt vor allem interessiert. Diese drei Sachen gibt es mindestens.

Das ist eine riesengroße Kakophonie, von der ich auch ganz interessant finde, dass es nicht mehr reicht, einfach fünf Zeitungen zu lesen, um sich zu informieren, sondern in der Tat, so, wie die Frage jetzt schon angelegt war, um ein vollständiges Bild zu kriegen, tut es not, auch Plattformen wie Twitter, Facebook, Instagram oder YouTube anzugucken, denn ohne das, hab ich das Gefühl, ist es heute unvollständig.

Werk und Autor kann man nicht trennen

Gerk: Helmut Böttiger, Sie als Handke-Kenner, würden Sie nach all dem, was jetzt da gefallen ist in dieser Debatte, sagen, das war ein Fehler, den Nobelpreis an Peter Handke zu geben?

Böttiger: Natürlich nicht. Als ich das hörte, war ich sehr überrascht, ich hab dreimal nachgefragt. Das ist ein prägender Autor der letzten Jahrzehnte, der hat die deutsche jüngere Literaturgeschichte an vielen entscheidenden Stellen mitgeprägt, und der hat durch sein Gesamtwerk diesen Preis auf jeden Fall verdient. Der stand ja auch schon seit einigen Jahren im Raum, in seiner literarischen Größe, dass er natürlich auf der Ebene ankommen könnte, müsste. Ich hab allerdings schon befürchtet, als ich das dann gehört hatte und ein bisschen nachgedacht habe, dass er auf diese Jugoslawien-Problematik reduziert wird. Und das ist eine Form von Debatte, die es in dieser Weise vielleicht erst in den letzten Jahren gibt, dass man einen Schriftsteller reduziert auf einen Punkt, der ihn angreifbar macht.

Und natürlich, das geht mir auch so, wenn man diese Passagen bei Handke aus den 90er-Jahren politisch liest, dann ist das nicht vertretbar. Aber die zweite Frage, die sich anschließt, ist, soll man das politisch lesen, ist es überhaupt so angelegt, dass man es politisch lesen soll. Und vor allem hat Handke ein Werk, vor allem in den 60er-, 70er-, 80er-Jahren, das eigentlich nahelegt, dass man diese Aussagen nicht politisch lesen kann und dass man ihn auf keinen Fall auf so ein öffentliches Statement zu Jugoslawien und Milošević reduzieren kann. Das geht aus seiner Ethik in gewisser Weise hervor, die streitbar ist, die schwierig ist, aber um darüber zu reden, müsste man erst über Literatur reden, und die geht eben in Dimensionen, die nicht eins zu eins übersetzbar sind und nicht die journalistische thematische Diskurssprache haben.

Der Kritiker Helmut Böttiger (picture alliance / dpa)Kritiker Helmut Böttiger (picture alliance / dpa)

Gerk: Ist das auch das, was Sie beobachten, René, wenn Sie in die Medien gucken? Herr Handke wird darauf reduziert, besonders vielleicht auch in sozialen Medien, die ja auch zur Reduktion neigen.

Aguigah: Auch das eine große Frage. Ich glaube, dass Handke natürlich nicht reduziert wird. Das ist auch jetzt übrigens das Einzige, wo ich Helmut Böttiger direkt widersprechen wollen würde. Natürlich ist es weder heute noch vor Jahren so gewesen, dass man einen Schriftsteller in solch einer Debatte reduziert hat auf eine politisch unliebsame Aussage. Auf der anderen Seite ist es schon immer gewesen, dass derartige politische oder ethische Handlungen von Künstlern oder von Schriftstellern auch debattiert worden sind. Da kann ich jetzt gar keinen Unterschied erkennen. Und gerade beim Beispiel Handke ist ja auch Mitte der 90er-Jahre bereits erbittert über seine Texte über Serbien diskutiert worden.

Interessanterweise, nach meiner trüben Erinnerung – aber das wissen Sie, Helmut Böttiger, ganz sicher besser –, mit anderen Mehrheitsverhältnissen. Die Aufregung über seine Texte damals war immens, und heute gibt es halt viele Leute, die zu Handkes Verteidigung darauf hinweisen, dass man Werk von Autor trennen müsse und dass das ja nur ein kleiner Schritt in seinem Gesamtwerk sei. Was mich interessieren würde, Helmut Böttiger, ist, wie ordnen Sie das denn ein? Sie kennen die Texte ja sehr gut, auch die der mittleren Jahre. Was für einen Rang und was für eine politische Bedeutung haben Sie denn aus Ihrer Sicht in Handkes Gesamtwerk?

Böttiger: Der Aspekt, dass man Autor und Werk trennen müsse, das ist genau das Problem. Das kann man nicht, Autor und Werk und Politik sind identisch.

Aguigah: Zustimmung aus Berlin.

Böttiger: Und gerade bei Handke ist es wirklich entscheidend, dass man zwischen Autor und Werk, seinen politischen Stellungnahmen und dem literarischen Werk gar nicht trennen kann, das ist ineinander verwoben. Er hat eine Poetik entwickelt, die nach einer Sprache sucht, nach einer poetischen Sprache, schon ganz früh. Es gibt ein frühes Drehbuch für Wim Wenders "Falsche Bewegung", in dem die beiden Protagonisten einen Dialog führen, und dieser Dialog lautet so: "Wenn nur das Poetische und das Politische eins sein könnten." Und darauf antwortet der andere: "Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt."

Dass das Poetische und das Politische überhaupt nicht vereinbar sind, das ist für Handke von Anfang an ein Grundton gewesen. Er hat sich immer in dieser poetischen Sprache, in diesem ironischen Elfenbeinturm, bewegt. Und die politische Standardsprache, die Diskurssprache, das ist etwas, was er durch seine literarischen Texte angegriffen hat. Dieser Jähzorn, diese Aggressivität, die bei ihm oft zutage tritt, das ist untrennbar verbunden mit seiner poetischen Produktivität ­- also die Sehnsucht nach Zwischenzonen, nach Schwellen, nach Bereichen, die nicht auslotbar sind, die auch unentschieden sind, die aber eine poetische Dimension der Vieldeutigkeit haben. Wenn das gefährdet wird, wenn da eine Zerstörung droht, dann reagiert er aggressiv, jähzornig, und das ist in seinem Werk auch von Anfang an zu verfolgen.

Politik oder Poesie?

Aguigah: Ja, und vor diesem Hintergrund, den Sie da so erläutert haben, bedeutet das nicht, dass diese Texte aus den mittleren 90er-Jahren erst recht eine politische Dimension haben? Landschaftsbeschreibung aus Serbien.

Der Journalist René Aguigah auf der Leipziger Buchmesse (Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)Journalist René Aguigah (Foto: Deutschlandradio - Bettina Straub)

Böttiger: Wenn man das liest, steht es natürlich erst mal auch in einer Tradition von Handkes Landschaftsbeschreibungen, von Handkes Suche nach einer Gegenwelt, gegen die von den Ökonomisierungsprozessen zerstörten Diskurswelten. Bei dem Jugoslawien-Buch ist das Interessante, dass es ihm eigentlich viel mehr um die sogenannten "andersgelben Nudelnester" geht als um politische Stellungnahmen. In diesen "andersgelben Nudelnestern" steckt eine Sehnsucht nach etwas anderem, und das ist von vornherein verständlich oder nachvollziehbar, dass durch so einen poetischen Begriff, über den man sich streiten kann – über diese Sehnsucht kann man sich auch streiten – aber da steckt natürlich etwas dahinter, was eine konkrete politische Stellungnahme im Grunde gar nicht meint. Das ist eingewoben, diese Serben-Thematik, in die alte Sehnsucht Handkes nach Jugoslawien, nach dem Kindheitsland – seine Mutter ist ja slowenischer Abstammung.

Dieses nahegelegene Slowenien, diese Minderheitensprache in Österreich und Kärnten, im Grenzgebiet, das war für Handke eine Sehnsuchtslandschaft und das war Jugoslawien – das hat er auch öfters beschrieben. Und dieses Jugoslawien wurde zerstört, und das löste seine Reaktion aus, dass ein Märchenland, ein Sehnsuchtsland, eine Kindheitslandschaft zerstört wird. Politisch kommt der Punkt dazu, dass die westlichen Mächte natürlich die Serben von vornherein als die Schuldigen ausmachten und die Kroaten als die Guten, und das hat seinen Jähzorn ausgelöst.

Meta-Debatte in den sozialen Netzwerken

Aguigah: Positionen wie Ihre, die ich jetzt einfach mal inhaltlich so stehen lasse, die liest man heutzutage auch in digitalen Medien, auch die werden in sozialen Netzwerken verlinkt. All das kann man lesen, ausgesprochen differenziert. Man kann auch Gegenargumentationen lesen, beispielsweise welche, die den Verzicht auf klare politische Stellungnahmen, das reine Fantasieren in so einer Situation wie 1996 in Serbien eben scharf kritisieren – als Weichzeichnerei, als Relativieren und Ähnliches. Das ist der Grund dafür, also einer der vielen Gründe dafür, dass ich mich so erbost habe darüber, wie die Meta-Debatte im Augenblick läuft. Also, dass ein Netzwerk wie Twitter eben mit Borniertheit und mit Ressentiment kritisiert wird.

Interessanterweise gibt es da eigentlich einen Punkt, den Ihre Position mit meiner gemeinsam hat, nämlich der Wunsch nach einer genaueren Lektüre. Es hat jetzt gerade Schriftsteller Thomas Melle ganz erbost diese Handke-Debatte auf Twitter kritisiert, unter anderem mit dem Argument oder mit der These, da handele es sich um einen "Schauprozess", also ein wuchtiges Wort, mit der Behauptung, da fehle es an Argumenten. Das heißt eigentlich mit exakt derselben Borniertheit und exakt demselben Ressentiment, das er eigentlich diesen sozialen Medienbenutzern vorwirft. Und das finde ich so anstrengend, und letztlich so ein bisschen, na ja, das macht es nicht einfacher, dass unterschiedliche Positionen zueinander finden oder überhaupt direkt miteinander reden.

Böttiger: Der Anstoß war ja die Dankesrede von Saša Stanišić zum Deutschen Buchpreis. Das war eine Dankesrede, die, um Ihr Wort aufzugreifen, schon auch die Twitter-Ästhetik benutzt in gewisser Weise.

Das ist natürlich ein Forum, das sehr stark wahrgenommen wird, der Deutsche Buchpreis, der Autor freut sich und dankt dann jemandem, aber er benutzt dieses Forum, um den anderen Schriftsteller, der gerade eben den Nobelpreis bekommen hat, sehr scharf zu attackieren. Das war ihm natürlich bewusst. Ihm war auch bewusst, dass er ein Autor ist, der sehr viele Sympathien hat. Saša Stanišić, der gilt überall als Charmeur, der wickelt auch das Publikum jedes Mal um den Finger. Es gibt eigentlich auch noch überhaupt gar keine negative Rezension über Bücher von Saša Stanišić – auch ich hab ihn schon gelobt. Er ist ein großer Sympathieträger, und er wusste, was er in diesem Moment tat.

Er verkürzt ein Gesamtwerk, das den Nobelpreis bekommen hatte, auf einen ganz konkreten politischen Punkt, und das wird noch dadurch kompliziert, dass Saša Stanišić alles Recht hat als aus Bosnien stammender Autor, da zu reagieren. Und so vermengen sich bestimmte Dinge, die sehr schwer auflösbar sind. Mein erster Gedanke war bei dieser Dankesrede, Saša Stanišić twittert zu viel, er verkürzt, weil einfach die 280 Zeichen in seinem Twitter-Eintrag, natürlich dazu führen, zuzuspitzen, zu pauschalisieren, einen Aktualitätstrend zu setzen, und genau das hat er auch in dieser Dankesrede gemacht. Und das wird natürlich einem Autor wie Handke nicht mal im Ansatz gerecht und verfälscht im Grunde das, worum es gehen sollte, wenn man über Literatur spricht.

Aguigah: Dankesreden gab es schon immer, es gab auch schon immer kurze Dankesreden, und ich finde es so unerträglich, dass das andere Medium verantwortlich gemacht wird dafür, dass halt einfach eine andere Meinung artikuliert wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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