Debatte um „Böses Blut" von J.K. Rowling

"Trans Menschen trifft das besonders"

07:10 Minuten
Porträt J.K. Rowlings bei einer Filmpremiere in London 2018
Die britische Bestsellerautorin J.K. Rowling im Shitstorm: Ihr neues Buch diskriminiere trans Personen, wird ihr vor allem im Netz vorgeworfen. © Imago Images / EMPICS / Doug Peters
Elena Gorgis im Gespräch mit Joachim Scholl · 22.09.2020
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Das neue Buch von J.K. Rowling soll transfeindlich sein. Stimmt das? Literaturkritikerin und J.K.-Rowling-Expertin Elena Gorgis hat sich „Troubled Blood“ mit dieser Frage angesehen. Problematischer findet sie einen anderen Text.
In Videos werden ihre Bücher verbrannt, ein Hashtag "Rest in Peace" (Ruhe in Frieden) beerdigt sie: Eine heftige Kontroverse gibt es derzeit im Netz um J.K. Rowling und ihren neuen Roman "Böses Blut" – geschrieben unter ihrem männlichen Pseudonym Robert Galbraith.
Es ist der fünfte Band einer Krimi-Reihe, der – so der Vorwurf – entschieden transfeindlich sei. Über den Shitstorm gegen die Autorin haben wir bereits berichtet. Nun hat unsere Kritikerin und J.K.-Rowling-Expertin Elena Gorgis das Buch unter dem Aspekt der Feindlichkeit gegenüber trans Menschen angeschaut.
In der aktuellen Diskussion im Netz geht es besonders um einen der Verdächtigen aus "Böses Blut": Dennis Creed. In dem Buch nehmen der Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Mitarbeiterin Robin Ellacott einen 40 Jahre alten Fall erneut unter die Lupe: Eine Frau ist damals auf dem Weg von der Arbeit in den Pub spurlos verschwunden - und es konnte nicht geklärt werden, was passiert ist.

Vergewaltiger mit Perücke und pinken Mantel

Dennis Creed ist ein Serienmörder und Vergewaltiger. "Er hat seine Opfer mehrmals damit getäuscht, dass er eine Perücke und einen pinken Mantel trug, sich also als Frau oder als Drag ausgegeben hat, um nicht bedrohlich zu wirken", erklärt Elena Gorgis. "Dann hat er seine Opfer aber eiskalt in seinen Folterkeller verschleppt."
Anfang Juni hatte J.K. Rowling in einem langen Statement auf ihrer Webseite beschrieben, dass sie Angst hat vor Gewalt von Männern, die sich als Frauen ausgeben. Vor diesem Hintergrund könne man die Figur in einer bestimmten Art und Weise lesen, so Elena Gorgis. Nämlich: "Dass sich in ihr das Klischee manifestiert, von der trans Frau, die ihre angeblich toxische Männlichkeit nicht ablegen kann." Beziehungsweise, dass mit jedem Mann, der Frauenkleider trägt, psychisch etwas nicht stimme.

Rowlings Essay verletzend für trans Menschen

"Nur", betont Gorgis: "Es wird gar nicht geklärt, ob Dennis Creed in irgendeiner Form queer ist oder transgeschlechtlich oder Transvestit." Diese Begriffe fielen auch nicht im Buch. "Man könnte die Romanfigur stattdessen auch so lesen, dass er mit dem Klischee spielt und dass er die Identität von trans Menschen ausnutzt, um seine Opfer zu täuschen. Dass das für ihn einfach nur ein Kostüm, eine Rolle ist."
Viel schädlicher und verletzender für trans Menschen als diese Romanfigur sieht Gorgis J.K. Rowlings Essay auf ihrer Webseite, wo Rowling klarmache, dass das biologische Geschlecht für sie nicht verhandelbar ist. "Das sollte man viel eher diskutieren. Aber die Romanfigur allein bietet, finde ich, nicht genug Fundament für die Kritik", so Gorgis.

Überzeichnungen typisch für Rowling

Auch an früheren Büchern gibt es nun Kritik. Im zweiten Band der Krimi-Serie "The Silkworm" gibt es eine Frau namens Pippa, die Cormoran Strike erstechen will und die er in dieser Szene als trans Frau entlarvt. "Nun gibt es Kritik daran, dass sie auf negative Art als irgendwie anders und männlich-aggressiv beschrieben wird", sagt Gorgis. Wenn man nicht dafür sensibilisiert sei, überlese man so eine Stelle.
"Das liegt vielleicht auch daran, dass das ganz typisch ist für J.K. Rowling, dass sie manchmal überzeichnet und ins Klischee abdriftet, manchmal dann auch Stereotype bedient." Das finde man auch schon bei "Harry Potter", zum Beispiel bei Harrys erster Freundin mit asiatischen Wurzeln, Cho-Chang, oder seinem spießigen Onkel Vernon. "Das sind ja eher so Karikaturen von Menschen."
Insgesamt sei "The Silkworm" eine Parodie auf die Verlags- und Buchszene. "Fast alle sind dort bösartig, missgünstig oder irgendwie nur mittelmäßig talentiert. Alle kriegen da ihr Fett weg." Das sei nichts Außergewöhnliches bei Rowling, das gehöre zu ihrem Stil, meint Gorgis. "Aber trans Menschen, die ja sowieso mit vielen Vorurteilen kämpfen müssen, trifft das natürlich besonders."
(abr)
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