Das Geschäft mit der Gesundheit

    Wie uns Apple und Co. auf den Leib rücken

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    Eine Illustration zeigt einen Arm mit einer Manschette zum Blutdruckmessen an die ein kleiner Monitor angeschlossen ist.
    Es wird höchste Zeit, den Techkonzernen genauer auf die Finger bzw. Handgelenke zu schauen, meint Anna-Verena Nosthoff. © Imago / fStop Images / Malte Müller
    Ein Kommentar von Anna-Verena Nosthoff · 25.06.2021
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    Haben Sie auch irgendwo am Körper einen von diesen vernetzten Computern, die pausenlos messen und speichern. Schon lange geht es dabei aber nicht mehr nur um die reine Selbstoptimierung, meint die Autorin Anna-Verena Nosthoff.
    Vor knapp elf Jahren veröffentlichte Gary Wolf das Manifest der Quantified-Self-Bewegung. Der Technikjournalist porträtierte damals Personen, die ihr Leben konsequent protokollierten, beharrlich Schritte zählten, biometrische Daten erfassten. Er erkannte eine smarte Avantgarde, die vage Bauchgefühle in numerische Werte goss, das flüchtige Sein durch tragbare Technologien – sogenannte Wearables – optimierte. Für Wolf markierten die Selbstvermesser eine neue Stufe digitaler Aufklärung, kurz: den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unzählbarkeit.

    Apple Watch beherrscht den Markt

    Das damalige Randphänomen ist heute längst Alltag, schon 25 Prozent der Deutschen verfügen über Wearables. Eine Entwicklung, die besonders auf die Firma Apple zurückgeht. 2015 verdichtete sie den Diskurs der Selbstvermessung in einem schicken, stahlharten Gehäuse, das seit 2017 den Markt beherrscht: der Apple Watch. Aktuell setzt die Firma mit ihr mehr um als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie. Doch was macht das Anziehbare so anziehend?

    Neben Apples schmucker Ästhetik deutet vieles auf einen Kurswechsel. Denn Apple erkannte in unserem "Sein zum Tode" eine Marktlücke, setzt nicht mehr allein auf tragbare Selbstoptimierung, sondern – mit Sensoren für Herzfrequenz oder Blutsauerstoff – auf kollektive Gesundheitsfürsorge. Klar wurde dies erstmals in der mit über 400.000 Teilnehmenden durchgeführten "Apple Heart Study", die 2019 nachwies, dass die Smartwatch Vorhofflimmern detektieren kann. Ein Forschungs- und Markterfolg, der Apple-Vorstandschef Tim Cook auf die Frage, welches der größte Beitrag seiner Firma für die Menschheit sein werde, antworten ließ: "Die Gesundheit."

    Versuchslabore an Handgelenken

    Diesem Ideal folgt der Konzern seither zielstrebig, präsentierte 2019 eine hauseigene "Research App", über die Nutzer:innen qua Datenspende hautnah an Forschung und Entwicklung – etwa an Studien zur Hörgesundheit oder zum weiblichen Zyklus – teilnehmen können. So überführt die Smartwatch individuelle in kollektive Kreisläufe, und wird dabei zum Versuchslabor am Handgelenk.
    In der Corona-Pandemie erfuhr dieser Forschungsansatz neue Tragweite. Von der Universität Stanford bis zum RKI wurden diverse Studien initiiert, die untersuchten, ob Smartwatches zur Früherkennung von Covid-19 dienlich seien. Forscher:innen des Mount Sinai belegten etwa, dass die Apple Watch Veränderungen in der Herzfrequenz, und damit bis zu sieben Tage vor spürbaren Symptomen auf Infektionen hinweisen kann. Spätestens hier wird deutlich: Wearables bieten nicht nur ungeheure Markt-, sondern auch präventive Wissenspotenziale – es verwundert kaum, dass auch Tech-Monopolisten wie Google oder Amazon zuletzt massiv in den Gesundheitsmarkt investierten.
    Apples Forschung wirkt damit nicht allein als Antwort auf gesundheitliche Probleme. Sie scheint uns – gerade postpandemisch – vor allem gesellschaftliche Fragen zu stellen: Denn was, wenn die smarten Tools wirklich helfen? Man könnte meinen, es gäbe dann kaum noch Argumente gegen die multisensorische Fürsorge. Doch sollte uns klar sein, dass die Expansion der Wearables mit Nebenwirkungen verbunden ist.

    Droht im Gesundheitsbereich die Alternativlosigkeit?

    Denn Apple und Co. erweitern mit den anschmiegsamen Apparaten ihre Ein- und Übersichten; forcieren dabei eine infrastrukturelle Macht: Schon jetzt stellen sie die maßgeblichen Geräte und Services, bestimmen Verfahren und Standards; definieren, wie und welche Daten von uns erfasst werden. Mit jedem neuen Sensor formt sich diese Dominanz weiter aus, konturiert sich – nun auch im Zeichen der Gesundheit – eine plattformökonomische Alternativlosigkeit.
    Höchste Zeit also, den Konzernen auf die Finger bzw. Handgelenke zu schauen. Denn ein bloß gutes Gefühl kann, dies wusste schon der digitale Selbstvermesser Gary Wolf, trügerisch sein.

    Anna-Verena Nosthoff ist Publizistin und politische Theoretikerin. Derzeit lehrt sie am Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien, zudem ist sie Co-Director des Data Politics Lab an der Humboldt-Universität Berlin. Zuletzt erschien ihr gemeinsam mit Felix Maschewski verfasstes Buch "Die Gesellschaft der Wearables. Digitale Verführung und soziale Kontrolle" (Nicolai, 2019).

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