Corona-"Ferien"

Autorität und Einsicht

04:01 Minuten
Eine Familie mit drei Kindern. Der Vater ist wütend. (Illustration)
In Belastungssituationen können auch die nettesten Eltern autoritär werden. © imago images / Ikon Images
Überlegungen von Catherine Newmark · 14.04.2020
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Autorität auszuüben, ohne gleich autoritär zu sein: Vor diesem Problem stehen in der aktuellen Coronakrise nicht nur Eltern. Die Philosophin Catherine Newmark beschäftigt sich mit dem richtigen Maß und der richtigen Begründung von Autorität.
Zu den interessanten Erfahrungen der letzten Wochen gehört für viele Eltern ohne Zweifel die Feststellung, wie viel Energie es kostet, seine Kinder selbst zu erziehen. Zumal in einer Lage, die wir auch nicht ganz verstehen, und die wir darum nur schwer erklären können. Denn Erklären ist ja schon seit geraumer Zeit zur elterlichen Grundfunktion geworden: Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten – schrittweise – daran gewöhnt, dass elterliche "Autorität" nicht mehr wie ehedem strenges Befehlen ist. Vielmehr folgt sie – wie fast alles in unseren liberalen Gesellschaften – dem Ideal der einigermaßen vernünftigen Kommunikation.
Dieses Ideal hat aber natürlich Grenzen. Bei kleinen Kindern hilft vernünftiges Erklären ganz wenig, weil sie ganz wenig Vernunft haben. Gerade in kritischen Situationen, wenn es darum geht, ein Kind vor einer Gefahr zu bewahren. Die meisten modernen Eltern versuchen es darum mit einer Mischung aus geduldiger Vermittlung – etwa der Grundlagen des Straßenverkehrs – und panischem Brüllen, im kritischen Fall des herannahenden Autos. Was natürlich unschön ist, aber für die meisten doch ein besserer Kompromiss zu sein scheint, als die routinemäßige Einschüchterung, durch die man einst artige und gehorsame Kinder hervorbrachte.

Der Homo Sapiens ist nicht für Zwei-Meter-Distanz geschaffen

Schwierig wird diese Mischung dieser Tage, wo die Krise zum Normalfall geworden ist. Wo selbst der tägliche Auslüftungsspaziergang, der die allseits blank liegenden Nerven etwas beruhigen soll, zum Spießrutenlauf wird. Weil es Kinder, allen Erklärungen zum Trotz, eben kaum schaffen, sich von anderen Menschen in einer sicheren Zwei-Meter-Distanz zu halten. Ein solcher Abstand ist für den Homo Sapiens ganz offensichtlich nicht natürlich, und selbst Erwachsenen fällt es schwer, hier jederzeit den Instinkt zur Nähe unter die Kontrolle der vernünftigen Einsicht zu zwingen.
Genau das aber ist das Gebot der Stunde: Unsere gesamten emotionalen Widerstände gegen den Stillstand, gegen die Kontaktsperre, gegen den Verlust von Bewegungsfreiheit hintanzustellen – aus Einsicht.

Es gibt eine vernünftige und demokratische Mehrheit

An diese Einsicht appellieren Politiker – allen voran Angela Merkel – zu Recht. Die Kontaktsperre als Maßnahme wurde und wird noch immer als gemeinsame Anstrengung kommuniziert, die unser aller Mitarbeit, Solidarität und Einsicht braucht. Und sie wird – sicher auch deswegen – von der Bevölkerung breit getragen. Trotz aller Polarisierungen der letzten Jahre: Es gibt offensichtlich noch immer eine einigermaßen stabile vernünftige und demokratische Mehrheit.

Diese wendet sich in der Krise gerade nicht den populistischen und autoritären Stimmen zu, sondern den leisen und besonnenen Experten, den Virologen und medizinischen Autoritäten, denen ganz Deutschland derzeit an den Lippen hängt. Sie erklären uns, was wir nicht verstehen, und beruhigen uns – mit wissenschaftlicher Autorität –, dass auch sie nicht alles wissen.

Der Mensch ist nicht nur ein vernünftiges Tier

Vernünftige Kommunikation wird eben mehr goutiert als autoritäre Ansagen. So ganz nur auf die Vernunft allerdings stützen sich die derzeitigen Maßnahmen dann doch nicht. Mit ein bisschen Bußgeldandrohung und einer gewissen Polizeipräsenz in öffentlichen Parkanlagen sind die Social-Distancing-Maßnahmen schon hinterlegt. Der Mensch ist ja nicht nur ein vernünftiges Tier. Den Kipppunkt ins Autoritäre haben wir damit politisch allerdings noch längst nicht erreicht.
Das gilt auch fürs Häusliche, selbst jetzt, wo entnervte Eltern, die derzeit auch noch Lehrer spielen müssen, wieder öfter zum althergebrachten "Weil ich es Dir sage!" zurückkehren. Und dabei sehnsüchtig doch vor allem darauf warten, endlich wieder etwas von ihrer elterlichen Autorität abgeben zu können.

Catherine Newmark ist promovierte Philosophin und arbeitet als Kulturjournalistin, unter anderem für Deutschlandfunk Kultur und das Philosophie Magazin. Gerade hat sie den Essay "Warum auf Autoritäten hören?" beim Duden-Verlag veröffentlicht.


Porträt von Catherine Newmark.
© Johanna Ruebel
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