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Lesart / Archiv | Beitrag vom 13.12.2016

Comic "Odem" von MaxErleuchtung in der Einöde

Von Eva Hepper

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Eine Zeichnung aus dem Comic-Band "Odem" von Max und das Cover (Combo: Deutschlandradio) (Avant-Verlag)
Eine Zeichnung aus dem Comic-Band "Odem" von Max und das Cover (Combo: Deutschlandradio) (Avant-Verlag)

In seinem preisgekrönten Comic "Odem" schickt der katalanische Zeichner Max seinen Protagonisten auf die Suche nach Erleuchtung. Mit wenigen Linien strichelt er ihn aufs Papier. Sein Schatten, anfangs nur ein zittriges Etwas, wird von Panel zu Panel dicker.

Nicks Schatten hat schon nach der vierten Woche genug. Ihm ist langweilig in der Ödnis, er will sein altes Leben zurück. Am meisten vermisst er Kaffee und Zigaretten, ein kaltes Bier, die Musik von Bob Dylan, Vogelgezwitscher und, natürlich: Frauen. Aber Nick ist unerbittlich. Er will solange in der Wüste bleiben, bis er den "endgültigen, unanfechtbaren Sinn" gefunden hat. Da kann sein Schatten drohen und jammern, wie er will.

Und der jammert wirklich großartig! Über viele Seiten hinweg und sehr bildmächtig zelebriert der spanische Comic-Großmeister Max diesen Disput. Mit wenigen Linien strichelt er seinen Protagonisten Nick aufs Papier, und dessen Schatten, anfangs nur ein zittriges Etwas, wird von Panel zu Panel dicker. Wie ein schwarzer Block bedrängt er die kleine Figur, wie eine Fessel versucht er, sie zu umschlingen, wie eine Kobra baut er sich vor ihr auf. Es dauert, bis der innere Widersacher abzieht, und Nick allein – als hohler Umriss – im Nichts zurückbleibt. Und das ist erst der Anfang der Abenteuer.

Inspiriert von den großen Wüstenvätern

In seinem preisgekrönten Comic "Odem" erzählt Max, alias Francesc Capdevila, die Geschichte einer Reise zu sich selbst. Inspiriert von den Erlebnissen der großen Wüstenväter Antonius und Paulus, lässt der 1956 in Barcelona geborene Künstler seinen Protagonisten dem Leben entsagen. In völliger Askese in der Einöde meditierend, schickt er ihn auf eine so philosophische wie komische Suche nach Erleuchtung.

Anfangs begegnet Nick nicht selbst, sondern höchst eigenwilligen Wesen: einem lebenspraktischen Kater namens Moses, genannt Mosh, der kleptomanischen Elster Juanita und einem traumdeutenden Schiffbrüchigen. Die Dialoge mit diesen Gefährten sind von hinreißendem Witz. Mosh beispielsweise vermutet hinter Nicks Sinnsuche schlichtweg einen Sonnenstich, und der Gestrandete rät ihm "wie Wasser" zu sein. Ein Rat von der Weisheit eines Koans. 

Max' Held ringt lange mit Hunger und Durst, mit der Langeweile, seinen Sehnsüchten und Lüsten, seinem Schatten und schließlich mit seiner Vergangenheit. Als er endlich Frieden zu finden scheint, lockt die größte Versuchung überhaupt.

Poetische Bilder in Schwarz-Weiß

Durchweg in Schwarz-Weiß und in so einfachen wie poetischen Bildern treten Nick und seine Gefährten auf. Wie um einen Kontrapunkt zu setzen zur Tiefe der Geschichte, erzählt Max mit leichter Hand. Seine Figuren sind allenfalls umrissen, die Hintergründe nur angedeutet, doch die Bildideen des Spaniers sind umwerfend. Sei es der mäandernd drohende Schatten, der Nick als mächtig wachsende Linie bedrängt, oder "der ganze alte Kram" der Vergangenheit, der wie ein Urwald in die Leere der Wüste hineinwächst und die weißen Seiten schwarz färbt. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden zudem dezent versteckte Bezüge entdecken, etwa zu den Filmen Luis Buñuels oder dem Comic-Vater Herbert E. Crowley.

Mit dem nach Erleuchtung strebenden Nick hat der vielfach preisgekrönte Max eine der hinreißendsten Comicfiguren der letzten Jahre geschaffen. Nicht nur Sinnsucher werden ihr verfallen!

Max: "Odem"
Aus dem Spanischen von André Höchemer
112 Seiten, Avant Verlag, Berlin 2016, 24,95 Euro

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