Colson Whitehead über "Harlem Shuffle"

    Krumme Dinger und kleine Ganoven

    14:29 Minuten
    Der US-amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead sitzt bei einer Lesung in einem schwarzweiß gestreiften Hemd in einem grauen Sessel.
    Der US-amerikanische Schriftsteller Colson Whitehead präsentiert seinen neuen Roman "Harlem Shuffle" auf Lesereise in Deutschland. © Imago/Metodi Popow
    Moderation: Joachim Scholl · 13.10.2021
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    Ein wahnwitziger Raubüberfall im Harlem der 60er: Nach seinen preisgekrönten ernsten Büchern legt Colson Whitehead einen echten Gaunerroman vor. Dem Pulitzer-Preisträger ging es dabei um ein vielschichtiges Porträt seiner Heimatstadt New York.
    Spätestens seit seinem fantastisch-ultraharten Roman "Underground Railroad" über die amerikanische Sklaverei des 19. Jahrhunderts ist Colson Whitehead weltbekannt. 2017 erhielt der US-Amerikaner für dieses Buch den Pulitzerpreis. Drei Jahre später erhielt er die Auszeichnung erneut - für "Die Nickel Boys".

    Hier [AUDIO] können Sie unser Gespräch mit Colson Whitehead im englischen Original hören.

    Jetzt gibt es den neuen Roman "Harlem Shuffle". Er spielt im Harlem der frühen 1960er-Jahre in einer fast ausschließlich schwarzen Community – und ein Großteil der Protagonisten sind Gauner und Gangster.
    Die Idee dazu ist ihm vor sieben Jahren gekommen, erzählt Whitehead. Er habe sich mit seiner Frau einen Film ausleihen wollen und sich gefragt, ob er sich jetzt zum wiederholten Male den Film "Ocean's Eleven" anschauen soll. Oder ob er vielleicht selbst mal versuchen soll, einen Heist-Roman zu schreiben, also einen Roman, in dem ein spektakulärer Raubüberfall eine zentrale Rolle spielt.

    Zwischen gesetzestreu und gesetzlos

    Colson Whitehead ist 1969 in New York geboren, aufgewachsen in Manhattan, in der gehobenen Mittelschicht. Er ist in Harvard auf die Universität gegangen. In die Welt seines Romans habe er sich durch Recherche hineinversetzt, so Whitehead, und daraus versucht, realistische Figuren zu erschaffen.
    Die heißen zum Beispiel Chink Montague, Chet the Vet, Cheap Brucie oder Dootsie Bell. Im Mittelpunkt steht Raymond "Ray" Carney – eher "ein kleines Licht, was krumme Dinger angeht", wie es heißt. Er hat ein Möbelgeschäft, ist verheiratet, das erste Kind ist unterwegs, er will sozial aufsteigen. Aber er hat auch seinen Cousin Freddie, ein klassischer Kleinganove, der ihn immer wieder in seine Machenschaften verstrickt – und meistens laufen die schief.
    Er habe mit der Hauptfigur Ray Carney angefangen, erzählt Colson Whitehead. Der verkaufe gestohlene Ware weiter, habe aber auch einen richtigen Job. "Beispielsweise verkauft er Second-Hand-Elektrogeräte vorne in seinem Laden, hinten im Laden wird dann das illegale Zeug vertickt", so Whitehead. "Auf der einen Seite möchte er schon sehr rechtschaffen sein, aber er hat auch so eine innere Stimme und sagt sich, so ein bisschen kriminell möchte er trotzdem gern sein." Und so müsse Carney entscheiden, wie er diese beiden Seiten in sich ausbalanciert, die gesetzestreue und die gesetzeslose Seite.

    Im Kontext der Rassentrennung

    Mit seiner Frau Elizabeth hat Carney den Konflikt zwischen Reich und Arm innerhalb der schwarzen Community im eigenen Zuhause. Sie ist die Tochter eines einflussreichen schwarzen Anwalts. Der ist aber absolut nicht begeistert von der Ehe mit Carney, der einfach nicht gut genug für seine Tochter sei. Whitehead schildert die schwarze Community mit ihren Regeln, Codes, Intrigen und Diskriminierungen. "Ich wollte einfach versuchen, ein vielschichtiges Porträt von New York City in dieser Zeit zu schreiben", erklärt der Autor.
    Diese schwarze Gesellschaft in Harlem, reich wie arm, steht zugleich immer im Kontext der Rassentrennung dieser Zeit.
    Wenn man etwa auf Probleme wie Rassismus und Polizeigewalt schaue, habe sich ein bisschen etwas verändert im Vergleich zu damals, sagt Colson Whitehead. Aber einiges habe sich auch nicht verändert. "Es ist gewiss etwas sicherer geworden, sich in gewissen Städten des Südens in Amerika auf der Straße zu bewegen. Andererseits haben eben auch 60 Millionen Amerikaner Donald Trump gewählt, der für White Supremacy, also die weiße Vorherrschaft, steht."
    (abr)
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