Vom Problem zur Herausforderung

Coaching in allen Lebenslagen

30:05 Minuten
Menschen klettern auf Leitern nach oben (Illustration).
Im Job oder privat nach oben klettern: Coaches sind gefragt. © picture alliance / Zoonar / Kheng Ho Toh
Von Thilo Schmidt · 29.11.2022
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Eine offizielle Qualifizierung ist nicht nötig, um sich Coach, Trainerin oder psychologische Beraterin zu nennen und hohe Honorare zu verlangen. Der Markt des Life- und Businesscoachings ist unübersichtlich und birgt Risiken und Nebenwirkungen.
Ein Lofthaus in Hamburg-Altona, zweite Reihe, nicht ganz an der Elbe. Durch die großen Fensterflächen kann man den Hafen schemenhaft erkennen.  Im ersten Stock treffe ich Eckart Fiolka, Jahrgang 1964, verheiratet, vier Kinder, Coach seit 1988. Er wurde mir empfohlen, weil er als Urgestein der deutschen Coaching-Szene gilt, weil er länger coacht, als es Coaching-Ausbildungen gibt und weil er diese Ausbildungen miterfunden hat.
„Coaching ist für mich, eine Art Möglichkeitsraum zu bilden“, sagt Fiolka. „Das ist ein geschützter Raum, wo zwei Menschen sitzen. Der eine hat ein Anliegen, und dann ist da jemand, der dieses Thema ein Stück weit reflektiert - also einen Raum bietet, in dem dieses Thema groß werden kann und idealerweise auch Lösungsoptionen gewonnen werden können.“

Beratung für alle Lebenslagen

Coaches helfen in allen Lebenslagen. Karrierecoaches, wenn man beruflich aufsteigen will oder unzufrieden im Beruf ist, Hundecoaches, wenn der Hund nicht gehorcht, Lifecoaches für alle Lebensfragen und Business-Coaches wie Eckart Fiolka unterstützen Firmen: wenn es um Teamführung, Konflikte oder Veränderungsmanagement geht.
Ich wäre gern bei einem Coaching dabei gewesen, aber Eckart Fiolka schrieb vorab per Mail: „Ihre Frage nach einer Livesequenz gestaltet sich eher schwierig. Erste Anfragen bei möglichen Coachees haben da Bedenken ausgelöst.“ - Aus gutem Grund, wie ich gleich selbst erfahren werde.
Ich will wissen, wie Coaching funktioniert, und lasse mich selbst von Eckart Fiolka coachen. Ich spreche also einen Gedanken an, der mich beschäftigt, schon länger. Ohne dieses Feature hätte ich ihn nicht zum Coach getragen, aber jetzt nutze ich die Gelegenheit, weil ich bei einem „echten“ Coaching ja nicht dabei sein kann.
„Ich bin freier Journalist, und ich mache seit 18 Jahren eigentlich das Gleiche. Ich mach meine Features, die sind toll, aber letztendlich mache ich immer das Gleiche, und ich habe das Gefühl, ich komme irgendwie nicht weiter“, erzähle ich. Schon jetzt merke ich, dass ich mehr von mir preisgebe, als ich eigentlich vorhatte. Mit gegenüber sitzt ein aufmerksamer, sympathischer Mensch, Kumpeltyp.
Ein Mann sitzt an einem Tisch in einem Büro und schaut freundlich in die Kamera: der Business-Coach Eckart Fiolka
Urgestein der Business-Coaching-Szene: Eckart Fiolka.© privat
„Du erzählst mir, dass du dich weiterentwickeln willst, aber eigentlich mache ich ja schöne Sendungen“, greift Fiolka meine Gedanken auf. „Da gibt es irgendwas, was dir sagt: Ich will weiterkommen, und ein anderer Teil, der sagt: Eigentlich mache ich ja ganz schöne Sendungen. Da konkurriert oder interagiert ja etwas, und wir könnten jetzt in dein inneres Team gucken und mal schauen: Welche Anteile sind denn das? Woher kommt denn die Idee, dass du immer weiter willst?“
Eckart Fiolka fragt nach, erkennt, was mich bewegt, versteht den Konflikt zwischen kreativem Freiberufler und gleichzeitig sicherheitsbedürftigem Menschen, fragt nach meiner Berufsbiografie. Durch die Hintertür sind der Coach und ich nach kurzer Zeit beim Du gelandet. „Ja, klar, können wir lassen“, sagt Eckart. „Die meisten meiner Kunden duze ich, 80 oder 90 Prozent.“ - Darunter Vorstandsvorsitzende, Menschen, die Verantwortung für Hunderte Mitarbeitende und Millionenbudgets tragen.

Eine eigentümliche Nähe

„Die Frage ist ja: Kannst du dich empathisch in dieses System einfühlen und in die relevanten Personen dieses Systems“, beschreibt Eckart seine Arbeit. „Das ist ein systemischer Gedanke. Oder man könnte die beiden Teile in einem inneren Team mal miteinander reden lassen und fragen: Welcher ist denn stärker? Du kriegst keine Lösung, sondern ich gehe mit dir einen Weg. Kann auch sein, dass ich sage: Du betrügst dich selbst. Ich bin auch konfrontativ. Oder: Du schlägst dich unter Wert, weil du sehr kritisch mit dir bist. Aber am Ende entscheidest du, was das mit dir zu tun hat und was deine Handlungsoptionen oder deine Handlungsentscheidungen sind. Das ist das Wichtige.“
Das Du zwischen Eckart und mir schafft eine eigentümliche Nähe zwischen zwei Menschen, die sich bis vor einer halben Stunde nicht kannten. Das meiste, was ich mit Eckart besprochen habe, gehört nicht ins Radio. Da geht es um Verantwortlichkeiten, Familienmitglieder und andere persönliche Dinge.
Eckart sagt: Das ist nicht ungewöhnlich für ein Coaching, und dass ein Coach sehr erfahren sein muss, um mit den Emotionen seiner Kundinnen und Kunden umgehen zu können. Wenn beispielsweise der Gecoachte anfangen würde zu weinen und der Coach Angst bekomme, die Situation nicht mehr kontrollieren zu können.
„Dann brauche ich eine Erfahrung von mir und eine Reflextion, was mir Angst macht, weil meine Angst das Coaching behindern würde. Dann würde ich zum Beispiel sagen: Lass uns mal wieder rausgehen aus der Übung, weil du weinst und ich Angst habe. Dabei erlernst du: Mein Weinen ist nicht erlaubt, und eigentlich ist es nur meine Angst, die ich hier induziere. Das ist zum Beispiel eine Selbsterfahrung, die total wichtig ist.“
Eckart hat Psychologie studiert. Psychotherapeut ist er nicht. Wenn er merkt, dass der nötig wäre, empfiehlt er Coachees, eine Praxis aufzusuchen. Mit einigen Kommilitonen gründete Eckart Fiolka in den Achtzigern V.I.E.L., den Verein für intelligente Entwicklungen und Lösungen, in dem sich die Studenten Lehrinhalte vermittelten, sich sozusagen gegenseitig coachten.
Heute leitet Eckart mit drei Studienfreunden von damals in diesen lichtdurchfluteten Räumen in Altona, unweit des Fischmarkts, ein kleines Coaching-Unternehmen, dem sie, wie damals ihrem Studentenverein, den Namen V.I.E.L gaben.
„Einer meiner Kollegen sagt: Seit ich coache, gucke ich anders in die Welt und anders auf mich, habe ich in meinem Leben weniger Arschlöcher. Ich gucke nicht mehr im Kampf auf die Menschen, sondern ich gucke, was ist deren Hintergrund, wie kann ich an die rankommen“, sagt Eckart. Er und seine Kollegen bilden auch Coaches aus. In knapp 180 Stunden, verteilt auf ein Jahr, wird man „zertifizierter Business Coach“ mit V.I.E.L-Zertifikat.

Es gibt viele Coaches – zu viele?

Eckart selbst hat keine Coaching-Ausbildung – er hat sie schließlich miterfunden, nach dem er sich während seines Studiums in Gesprächsführung, Gruppendynamik und Supervision weiterbilden ließ. Um ein guter Coach zu werden, reicht das noch nicht, sagt Eckart. „Was wir hier vermitteln, sind sehr vielfältige Methodiken, aber es braucht auch so etwas wie eine persönliche Reifung. Die kriegst du nur bedingt in der Coaching-Ausbildung. Ich glaube, dieser Teil muss nachsozialisiert werden.“
Hand zeigt Daumen hoch
Mit Coaching besser durch Krisen kommen? Der Markt für Berater in allen Lebenslagen wächst jedenfalls.© picture alliance / Zoonar / Elmar Gubisch
Er sagt, dass er die meisten Aufträge über persönliche Empfehlungen erhält. Es gebe viele Coaches, zu viele vielleicht, und es sei schwer, den richtigen zu finden, weil es ein Überangebot gibt, und eine ganze Reihe an Verbänden mit jeweils eigenen Zertifizierungen. Den Deutschen Verband für Coaching und Training haben zwei Coaches, die von V.I.E.L. ausgebildet wurden, in Folge dieser Ausbildung gegründet.

Echte Veränderung kommt von innen. Seit Jahren unterstützen wir Einzelpersonen und Unternehmen darin, ihre Potenziale zu nutzen und ihre Leistungen zu verbessern. Unsere Trainingsmethoden entwickeln sich weiter, der Kern unserer Überzeugung aber bleibt.

Business-Coach aus München auf seiner Webseite

Der Deutsche Verband für Coaching und Training (dvct) ist nach eigenen Angaben mit mehr als 1600 Mitgliedern der größte Fachverband im deutschsprachigen Raum.
Ich treffe Lars-Peter Linke, Vorstandsmitglied des dvct, in einem Hamburger Kaffeehaus. Wer durch den dvct zertifiziert werde und Mitglied des Verbandes sei, müsse nachweisen, dass er als Coach gearbeitet und Berufserfahrung sowie eine abgeschlossene Coach- oder Trainerausbildung habe, die ein bestimmtes Mindestmaß erreiche. „Sie brauchen schon eine Ausbildung von 150 Zeitstunden. Es reicht also nicht, ein Wochenendkurs im Coaching gemacht zu haben.“

Viele Verbände, viele Zertifikate

Der dvct ist einer von vielen Verbänden, der eine von vielen Zertifizierungen vergibt. Coach darf sich jeder nennen – eine ungeschützte Berufsbezeichnung wie auch Berater oder Trainer. Voraussetzungen für den dvct-zertifizierten Coach sind: eine Mitgliedschaft im Verband (kostet 235 Euro im Jahr), eine Ausbildung, zum Beispiel bei Eckart Fiolka und Kollegen (kostet 6780 Euro) – und Berufserfahrung.
Wer zur Zertifizierung zugelassen werde, müsse außerdem ein Konzept seiner Arbeitsweise vorweisen, so Linke. „Sie absolvieren ein Probecoaching. Dort schauen wir genau hin: Wie ist die Gesprächsführung, wie ist der Kontakt mit dem Coachee, wie agieren Sie im Gespräch?“

Unsichere Zeiten, viel Coaching

Gut 60 Prozent der Mitglieder des dvct sind Einzelselbständige. Das geht aus der letzten Mitgliederbefragung hervor. Die restlichen sind angestellt, teilweise angestellt oder haben ein eigenes Unternehmen. Die Nachfrage nach ihren Leistungen steigt, sagt Lars-Peter Linke.
„Wir Menschen haben doch lange relativ konstant gelebt, konnten von relativ konstanten Lebensbedingungen und Annahmen ausgehen. Jetzt merken wir auf allen Lebensebenen, dass eigentlich gar nichts sicher ist. Wir wissen nicht, was in einem Jahr ist, wir wissen nicht, wie sich die Wirtschaft entwickelt, wie sich die Gesellschaft entwickelt“, sagt er. Gerade in solchen Umbruchsituationen sei die Hilfe eines Coaches und Trainers elementar. „Weil mir der Coach hilft, Situationen zu sehen, Handlungsmöglichkeiten zu erkunden. Deswegen merken Coaches und Trainer, dass sie in viel mehr Bereichen nachgefragt werden und auch ihre Hilfe anbieten können.“
Woran merke ich, dass ich einen Coach brauche? Lars-Peter Linke schaut in seinen Kaffee. „Woran merke ich, dass ich einen Coach brauche? Das ist eine schöne Frage. Geben Sie mir einen Moment.“ Dann setzt er zur Antwort an:
„Ich merke, dass ich einen Coach brauche, wenn es eine Situation in meinem Leben gibt, die mir zu schaffen macht. Ich leide unter dieser Situation. Ich weiß, dass das Leiden zunimmt, wenn ich nichts tue, aber ich weiß nicht, was ich tun kann. Es fehlt mir die Übersicht. Ich habe das Gefühl, es ist immer wieder derselbe Film. Es braucht für mich eine Klarheit, und ich möchte die Situation ändern, ich weiß aber nicht wie.“
Gefragt sei dann niemand, der einem genau sage, was zu tun sei, sondern jemand, der hilft herauszufinden, welche Möglichkeiten es gebe, die Situation zu verbessern. Kurz: Coaches präsentieren keine Lösungen. Sie entwickeln mit den Coachees mögliche Lösungen.

Gecoacht werden: brutal anstrengend

„Für mich steckt da das Thema Selbstwirksamkeit drin. Das bedeutet, dass ich mich mit meinen eigenen Themen selbst ernstnehme und mit Vertrauen auf meine Kompetenzen blicke“, sagt Steffi Thierheimer. Wir sitzen im Erdgeschoss eines Altbaus in Berlin-Kreuzberg, unweit des Marheinekeplatzes. Ein Quartier mit vielen Cafés und Kneipen, Mode- und Plattenläden.
Steffi Thierheimer, 39 Jahre, seit 2008 selbständige Logopädin. Seit sechs Jahren ist sie auch Life- und Business-Coachin, weil sie, wie sie sagt, auf den ganzen Menschen schauen wollte. Ich fordere auch Steffi – auch wir sind schnell beim branchenüblichen Du – zum Coaching-Rollenspiel heraus, trage wieder mein Szenario vor: Dass ich freier Journalist und gerne viel unterwegs und kreativ bin, mir aber dabei die Sicherheit fehlt.
„Ich würde dich jetzt erst einmal zum Thema Sicherheit fragen: Wie wäre es denn richtig gut für dich?“, beginnt Steffi. Auf ihrer Webseite stehen Sätze wie: „Glücklich machen kann man lernen, ich helfe dir dabei“, „Mehr Erfolg durch mehr Klarheit“ oder „Deine Stimme zu deiner Visitenkarte machen“. Ausbildungen: zum Life-Coach, zum Master-Life-Coach, zum Team-Coach, zur zertifizierten Anwenderin der positiven Psychologie.
„Ich höre da eine innere Zerrissenheit raus“, greift Steffi später meine Gedanken auf. „Die eine Stimme sagt: Ich möchte frei arbeiten, ich möchte genau das weitermachen, was ich mache. Die andere Seite sagt: Ich möchte Sicherheit, ich möchte mich auf das verlassen können, dass ich jeden Monat Summe X auf dem Konto habe. Die Stimmen, die machen wahrscheinlich so ein bisschen Bauchschmerzen, beziehungsweise betreiben Tauziehen. Das lässt dich irgendwie nicht zur Ruhe kommen.“
Steffi erkennt Widersprüche, nachdem ich andeutete, mal etwas ganz anderes machen zu wollen, geht Szenarien mit mir durch.
Es ist brutal anstrengend, gecoacht zu werden. Und das hier wäre erst der Anfang. Ein kompletter Coaching-Prozess umfasst oftmals bis zu sechs Sitzungen à 90 Minuten, verteilt auf mehrere Monate.
Eine junge Frau mit langen, glatten Haaren sitzt an einem Fenster und schaut in die Kamera: Coachin Steffi Thierheimer.
"Mehr Erfolg durch mehr Klarheit" verspricht Steffi Thierheimer.© Thilo Schmidt
Auch Steffi hat es geschafft, mehr aus mir herauszuholen als es meine Absicht war mit den mitgebrachten Gedankenspielen - mit Logik, mit lösungsorientierten Fragen, mit Ressourcenfragen, mit Stärkenfragen, sagt sie. „Ich habe deine Fähigkeiten angezapft. Ich habe dich immer wieder in die Selbstwirksamkeit gebracht und auch träumen lassen. Das ist ja auch das, was dir ganz schwerfiel in dem Prozess: Den Kritiker wegzudrücken und mal wirklich auf das Thema mit allen Gestaltungsmöglichkeiten zu gucken.“ 

Verpflichten Sie sich nur dem, was Sie glücklich macht! Jetzt mit mehr Kraft, Klarheit und Selbstbewusstsein den eigenen beruflichen und unternehmerischen Weg gestalten. Ich weiß, das klingt ziemlich abgedroschen, aber ich meine es wirklich ernst. Heute kann der Tag sein, an dem Sie Ihre Perspektiven verändern und die Kontrolle über Ihr Leben und dessen weiteren Verlauf übernehmen werden.

Eine „Female Empowerment- und Business“-Coachin auf ihrer Webseite

Anfang Oktober ist die fünfte Marburger Coaching-Studie erschienen. Ein wirtschaftswissenschaftliches Team der Universität Marburg analysiert darin den Coaching-Markt in Deutschland, um nach eigenen Angaben Transparenz in die undurchsichtige Szene zu bringen. Dazu wurden Coaches befragt, aber auch Unternehmen, die Coaches beauftragen. Die Studie berücksichtigt nur Business-Coaching.
Der Markt für Life-Coaching ist so diffus, er ließe sich gar nicht seriös analysieren, sagt Michael Stephan, Professor für Technologie- und Innovationsmanagement. 2009 erschien unter seiner Federführung die erste Coaching-Studie. Damals war Business-Coaching in Deutschland noch kein Massenphänomen.

Coachingmarkt wächst und wächst

Seit 2010 wächst der Coaching-Markt. Jährlich kommen etwa zehn Prozent neue Business-Coaches dazu, sagt Michael Stephan. Seiner Meinung nach sind die Gründe dafür wachsende berufliche Anforderungen, steigender Innovationsdruck und Fachkräftemangel. 

Plötzlich fiel ich in ein tiefes Loch. Willkommen Depression. Somit begab ich mich in eine Therapie. Ich befasste mich mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung. Dann nahm ich an einem Jobcoaching teil und fand meinen Traumberuf Life Coach.

Eine Coachin für „live, social und job“ auf ihrer Website

Noch immer gebe es das Coaching für Top-Führungskräfte. „Sie müssen sich vorstellen, wenn Sie Vorstandsvorsitzender sind, gibt es ja in Ihrem Umfeld niemanden mehr, der Ihnen wirklich Kritik gibt. Alles Speichellecker, alles Ja-Sager, und ein Coach war am Anfang ein wichtiger Spiegel, der auch mal kritische Fragen stellt.“ Inzwischen werden auch mittlere Führungsebenen in Sachen Teamleitung, beruflicher Entwicklung und Work-Life-Balance auf Kosten des Arbeitgebers gecoacht. Unternehmen werben damit sogar Fachkräfte an: Betriebssport, kostenlose Parkplätze, Jobticket, Coaching.

Keine Berufszulassungsverfahren

Es gibt keinen übergeordneten Berufsverband und keine Berufszulassungsverfahren. Die Umfrageteilnehmer der aktuellen Marburger Coaching-Studie sind Mitglieder in 35 unterschiedlichen Verbänden. In der letzten Studie 2017 waren es noch 22. „Es gibt sehr seriöse Verbände, auch Verbände, die exklusiv sind, was die Aufnahme anbelangt“, sagt Michael Stephan. „Aber das ist natürlich für den Coachee gar nicht transparent. Der sieht dann nur 20 Verbände und verschiedenste Ausbildungsinstitute, und das klingt erst einmal super alles.“
Genau wie bei den Instituten, die zum Coach ausbilden. Die Ausbildung selber sei käuflich, sagt Stephan. „Wenn Sie da ihre 10.000 Euro bei einem Heidelberger Institut hinblättern, dann sind Sie systemischer Coach, in Heidelberg zertifiziert. Das klingt gut. Aber ein richtiges Examen, offiziell anerkannt, gibt es nicht. Wir sagen dazu, es gibt keine objektiven oder subjektiven Berufszulassungsvoraussetzungen. Jeder kann sich diese Visitenkarte drucken lassen.“

„Wildwuchs“ im Life-Coaching

Coach ist eine ungeschützte Berufsbezeichnung. Vor allem der Markt für Life-Coaching, in dem es um alle möglichen Lebensfragen geht, ist unübersichtlich und bisweilen chaotisch.  „Da ist wirklich großer Wildwuchs zu beobachten. Da werden verschiedenste Beratungs- und Trainingsformen auch mit dem Etikett Coaching geschmückt, weil es irgendwie spannender oder sexy aussieht“, sagt Stephan. Und vielleicht, weil das vermeintlich schnelle Geld winkt?
Eine Frau spricht vor evielen Menschen bei einer Konferenz
Für hochwertige Zertifikate absolvieren angehende Coaches zahlreiche Unterrichtseinheiten. Andere Zertifikate lassen sich einfach kaufen.© picture alliance / Zoonar / Matej Kastelic
Im Durchschnitt kostet eine Stunde Coaching 250 Euro – bei einer Bandbreite von weniger als 100 bis – in Ausnahmefällen – 15.000 Euro, sagt Michael Stephan. „Da ist die Studie natürlich Fluch und Segen zugleich, weil viele das so lesen: 250 Euro. Das mache ich auch. Ich druck mir eine Visitenkarte und dann habe ich morgen auch diese Zusatzeinnahme. So einfach ist das ja nicht.“

Wir werden gemeinsam erkennen, welche Bremsen bei dir angezogen sind und diese lösen. Ich zeige dir, wie du Schritt für Schritt wieder in deine Energie kommst, ich habe verschiedene Tools für dich, damit du sofort im Alltag deine Kraft aktivieren kannst.

Ein Life-Coach auf seiner Webseite unter der Überschrift „Aus dem Kopf ins Herz“

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Uni Marburg haben sich die Entwicklung der Stundensätze genauer angesehen. Das Ergebnis: Die Zahl der Coaches mit einem Stundensatz von weniger als 150 Euro hat kontinuierlich abgenommen, während die Zahl der Coaches mit einem Stundensatz von mehr als 150 Euro ebenso kontinuierlich zugenommen hat. Heißt das: Die schlechten Coaches „sterben von selber wieder aus“?
„Wir haben die Annahme getroffen, ein guter Coach verdient auch gut“, sagt Stephan, „und haben uns angeschaut, was die Coaches, die hohe Stundensätze haben, von denen, die eher geringe Sätze haben., unterscheidet.“ Die Ergebnisse seien nicht überraschend, aber interessant. „Ein guter Coach hat immer auch eigene Erfahrungen in dem Thema, in dem er coacht. Seniorität ist ganz wichtig im Businesscoaching vielleicht auch in der Branche.“

Lebens- und Berufserfahrungen sind wichtig

Zwei Drittel der befragten Coaches sind zwischen 50 und 70 Jahre alt. Die überwiegende Mehrheit hat eine Coaching-Ausbildung. 25 Prozent haben zuvor Psychologie studiert, 22 Prozent Wirtschaftswissenschaften, 16 Prozent Pädagogik. Gut zwei Drittel sind seit mehr als zehn Jahren als Coach tätig.

Durch Teilnahme an Weiterbildungen informiere ich mich regelmäßig über den neuesten Wissensstand, die neuesten Ideen und erfolgreiche Ansätze im Tiertraining und setze Sinnvolles in eigenen Seminaren auch um.

Hundecoachin Ariane Ullrich auf ihrer Webseite

„Ich coache tatsächlich eigentlich immer nur die Menschen, damit die ihre Hunde coachen können“, sagt Ariane Ullrich. „Ihren Hund kann ich ja trainieren, das ist nicht das Thema. Aber Sie müssen ja mit ihrem Hund leben, Sie müssen ja ihren Hund ausbilden, damit der mit Ihnen zusammenarbeiten kann.“
Ein altes Haus mit sehr großem Grundstück am Stadtrand von Zossen in Brandenburg: Ariane Ullrich streift über den Trainingsplatz. Willy und Lucy, schwarze Mischlingshunde, Geschwister, tollen über den Rasen. Ariane Ullrich ist studierte Verhaltensbiologin. Dass die Industrie- und Handelskammer mittlerweile Hundeerzieher und Verhaltensberater zertifiziert, hat unter anderem sie mit angestoßen. Auch der Markt für Hundecoaches ist unübersichtlich geworden.
Letztendlich gehe es bei ihrer Arbeit darum, sich anzuschauen, warum der Hund welches Verhalten zeige, das den Besitzer störe. „Das bespreche ich mit dem Menschen. Dann sortieren wir das nach Problematik für den Menschen – für den Hund ist es ja meistens kein Problem, aber für den Menschen – und schauen dann von Verhalten zu Verhalten: Was ist die Ursache, was ist der Auslöser, was soll eigentlich nachher rauskommen und wie kann ich mit dem Menschen zusammen die Dinge, die Umwelt und das Training verändern, damit nachher das so funktioniert, dass beide gut miteinander leben können.“

Der Mensch, nicht der Hund hat Probleme

Die meisten ihrer Kunden kommen mit Welpen, weil sie von Anfang an alles richtigmachen wollen. Außerdem: Menschen, deren Hunde nicht allein bleiben wollen, andere Hunde verbellen oder die Wohnung zerlegen. Aber vielleicht haben ja eigentlich nicht die Hunde ein Problem? „Das haben wir tatsächlich in den letzten Jahren mehr, dass die Menschen selber eigene Probleme haben, viel mit psychischen Belastungen kommen, einen Hund sich holen, der ihnen vielleicht helfen soll“, sagt Ullrich. Doch der Hund könne dann nicht die Aufgabe erfüllen kann, die er erfüllen soll.
„Weil sie gar keine Zeit haben, sich mit den Problemen oder dem Verhalten des Hundes zu befassen, weil sie ja so viel Zeit für sich selbst brauchen.“ In solchen Fällen müsse sie eine Grenze ziehen – „und sagen: Ich bin weder Psychologe noch Paarberater. Es gibt natürlich immer wieder Punkte, wo ich sage: Das ist nicht mein Gebiet, da kann ich nicht helfen.“
Eine Frau steht auf einer Wiese, neben ihr liegen Hunde: die Hundecoachin Ariane Ullrich.
Auch ein Hund könne ein guter Coach in manchen Lebenslagen sein, meint Ariane Ullrich.© Thilo Schmidt
Ein Business-Coach muss Vertrauen aufbauen, damit der Coachee sich öffnet. Es geht darum, Beziehungen, äußere und innere Konflikte zu analysieren. Beim Hundecoaching ist das grundsätzlich nicht anders. „Als Coach muss ich mich auf denjenigen einlassen, muss ich mich in denjenigen hineinfühlen, um zu gucken, wie kann ich sein Leben verbessern“, erklärt Ullrich.
„Der andere Mensch muss wiederum schauen: Was kann er, wo ist er fähig, sein Leben und sein Verhalten zu verändern, um auch wieder sein Leben zu verbessern. Das bedeutet ja auch wieder Energie, die man hineinstecken muss. Das ist anstrengend.“

Der Hund als Coach

Ich lasse es drauf ankommen und mich auch von Ariane Ullrich coachen. „Ich bin freier Journalist, möchte gerne mehr Sicherheit im Leben haben, aber andererseits mache ich auch total gerne das, was ich tue: also ziemlich viele Freiheiten, aber wenig Sicherheit“, beschreibe ich das Szenario. „Würde mir ein Hund guttun?“
„Das kommt auf die Persönlichkeit drauf an“, sagt Ullrich. Grundsätzlich könne sie sich das aber vorstellen, weil ein Hund eine stete Verantwortung sei. „Da ist jemand, um den ich mich kümmern muss. Damit coacht der mich tatsächlich auch, mich um mich selber zu kümmern. Ich muss meinen Tag strukturieren, ich muss mich um die Bedürfnisse des Tieres kümmern. Darum hilft er mir auch und ist tatsächlich auch mein Coach.“
Während der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen Hunde angeschafft. 2020 nach Angaben des Tierschutzbundes eine halbe Million mehr Hunde als 2019. Der Hund als Partner – und Coach im Lockdown, in ungewohnt unsicheren Zeiten? Gut gedacht: Krisen und Probleme sind der Kern von Coaching-Prozessen – ob Hund oder Mensch, ob Life oder Business.
Aber: Coach und Coachee müssen zusammenpassen. Sonst gibt man viel Geld für geringen Erfolg aus – oder der Hund landet im Tierheim.

Autor: Thilo Schmidt
SprecherInnen: Meike Rötzer, Haino Rindler, Thilo Schmidt
Ton: Ralf Perz
Regie: Giuseppe Maio
Redaktion: Franziska Rattei

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