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Lesart | Beitrag vom 02.01.2020

Claudia Hochbrunn/Andrea Bottlinger: "Helden auf der Couch" Ödipus hatte keinen Ödipuskomplex

Von Wolfgang Schneider

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Buchcover zu "Helden auf der Couch" von Claudia Hochbrunn/Andrea Bottlinger. (Rowohlt Verlag)
Und die Moral von der Geschichte: Therapie macht Literatur zunichte. "Helden auf der Couch" von Claudia Hochbrunn und Andrea Bottlinger. (Rowohlt Verlag)

Literatur lebt von der Krise, sie braucht Helden mit Problemen und auch mit Seelennöten. Zwei Autorinnen analysieren, unter welchen psychischen Störungen literische Protagonisten leiden, von der Hoch- bis zur Popliteratur.

Es war einmal Mode, literarische Werke zu psychoanalysieren. Die Literatur verkam dabei meist zu Beispielfällen für die reine Lehre. Claudia Hochbrunn und Andrea Bottlinger gehen in ihrem gemeinsamen Buch "Helden auf der Couch" nun weniger theoriefixiert vor. Sie setzen bei berühmten Figuren der Literatur an und versuchen, deren Problematik im Licht psychiatrischer Erfahrung, aber auch mit gut geerdeter Menschenkenntnis zu umreißen, was in vielen Fällen gelingt und sich – dank pointierter Darstellung – mit Vergnügen liest. Von der Psychologie des Vampirs erfährt man hier ebenso wie von dem Umstand, dass Ödipus gar keinen freudschen Ödipuskomplex hatte.

Werke von höchstem weltliterarischem Rang (Kafka, Goethe) werden ebenso unter die Lupe genommen wie klassische Helden der Unterhaltung (Sherlock Holmes, Dracula) und der Jugendliteratur (Pippi Langstrumpf, Momo, Harry Potter). Aber auch den Bestseller-Schwarten der jüngsten Zeit ("Twilight", "Fifty Shades of Grey") sind Kapitel gewidmet. Unterhaltungsromane zeigen manche Problematik deutlicher und unverstellter als die komplexe Hochliteratur.

Hoffnungslos verfahrene Situationen

Während Pippi Langstrumpf charakterlich immerhin eine "perfekte Mischung aus kindlichem Chaos und funktionierender Selbstständigkeit" bietet, stoßen die Autorinnen ansonsten allerorten in der Literatur auf dysfunktionale Familien, unreife Helden und narzisstische Störungen. Goethes Selbstmörder Werther – von Dysthymia, einer chronischen Form der Depression, gezeichnet. Scarlett O’Hara, die Heldin des Romans "Vom Winde verweht" – völlig beziehungsunfähig und beinahe psychopathisch. "König Ödipus" von Sophokles – die ganze Tragödie ein kommunikatives Desaster. Probleme würden hier nicht angesprochen und ausdiskutiert, sondern es wird gleich aufgebraust und getötet.

Dass die beiden Autorinnen dagegen sowohl die Werke Karl Mays als auch die "Twilight"-Saga von Stephenie Meyer erstaunlich positiv werten, liegt daran, dass in diesen Büchern viel und durchaus respektvoll miteinander gesprochen und nach verträglichen Lösungen für Konflikte gesucht wird. Soll der lebensfreundliche Kompromiss nun aber zur psychiatrischen Maßgabe der Literatur werden?

Literatur lebt von unbearbeiteten Konflikten  

Bisweilen ist das Buch nah an der Psycho-Dampfplauderei, wenn es etwa heißt, Kafka habe in der "Verwandlung" die menschliche Verrohung der Zeit zwischen den Weltkriegen dargestellt – obwohl die Geschichte bereits 1912 entstand. Davon abgesehen und auch unabhängig davon, welche verzwickten Problematiken die Kafka-Forschung aus diesem vielinterpretierten Meisterwerk herausgelesen hat, ist natürlich richtig, was die Autorinnen schreiben: Im Umgang mit dem bedauernswerten Sohn Gregor und seinem haarsträubenden Schicksal zeigt die Familie Samsa einen grotesken Mangel an Empathie.

Gelegentlich, etwa bei Goethes Werther, stellen die Autorinnen die Frage, ob der Figur durch eine rechtzeitige psychiatrische Krisenintervention hätte geholfen werden können. Auch wenn die Antworten differenziert ausfallen – bereits die Frage scheint merkwürdig, denn Literatur setzt eben voraus, dass keine Krisenintervention stattfindet. Was im wirklichen Leben hilfreich sein kann, ruiniert im Reich der Fiktion den Plot. Der unkonventionelle psychiatrische Blick auf die Literatur, wie ihn dieses Buch mit vielen interessanten Details bietet, ist aber durchaus anregend.

Claudia Hochbrunn/Andrea Bottlinger: "Helden auf der Couch. Ein psychiatrischer Streifzug durch die Literaturgeschichte"
Rowohlt Verlag 2019
240 Seiten, 10 Euro

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