Christian Kracht: "Eurotrash"

    Ein ganz schlauer Bursche

    06:36 Minuten
    Buchcover "Eurotrash" von Christian Kracht
    Mit "Eurotrash" bezieht sich Christian Kracht bewusst auf sein erfolgreiches Romandebüt "Faserland". © Deutschlandradio / Kiepenheuer & Witsch
    Von Helmut Böttiger · 04.03.2021
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    Christian Kracht gilt seit seinem Debüt "Faserland" als Meister der medialen Selbstinszenierung. In "Eurotrash" rückt er nun effektvoll die eigene Familiengeschichte ins Zentrum. Dennoch läuft der Roman auf ermüdende Weise ins Leere.
    Der Verlag wirbt für dieses Buch mit einem Satz von Peter Handke: "Christian Kracht ist ein ganz schlauer Bursche." Besser kann man es tatsächlich kaum sagen.
    Handke hat das natürlich abwertend gemeint, aber Kracht weiß es zu einem Imagegewinn umzumünzen. Sein charakteristisch mehrdeutiges Autorenprofil wird dadurch umso mehr geschärft.
    "Eurotrash" ist erneut ein Beispiel für seine Medienkunst. Es bezieht sich konsequent auf seinen berühmten Debütroman "Faserland" von 1995. Der Protagonist zog damals mit seiner Popperfrisur in luxuriöser Verzweiflung durch die Konsumwelt der gelangweilten Kinder der Wohlstandsverwahrlosung.
    "Eurotrash" setzt jetzt noch eins drauf. Kracht rückt seine eigene Familiengeschichte ins Zentrum und beschreibt einen Besuch seiner Ich-Figur bei dessen 80-jähriger dementer Mutter.

    Die psychotische Mutter

    Der soziale Hintergrund, von dem aus dieser Autor schreibt, erklärt wirklich viel. Sein Vater, der ebenfalls Christian Kracht hieß, war jahrzehntelang die rechte Hand des Verlagsmoguls Axel Springer und residierte zum Schluss in einem Schloss am Genfer See. Er kann exemplarisch für den zeitgenössischen Finanzadel stehen. Sein Künstlersohn scheint jetzt mitten in diese familiären Abgründe hinabzusteigen.
    Der Icherzähler skizziert alles mit dem Gestus der Verachtung, etwa die kleinbürgerlichen Aufstiegsstrategien seines vor Jahren gestorbenen Vaters. Die Mutter ist öfter, zum Beispiel an ihrem 80. Geburtstag, in der Psychiatrie im schweizerischen Winterthur, schafft es aber immer wieder, in ihren ästhetisch abschreckenden Neubau am Ufer des Zürichsees zurückzukehren.
    Der Sohn besucht sie alle zwei Monate, und die Handlung von "Eurotrash" beschreibt solch einen bizarren Besuch, mit Taxifahrten nach Genf und in die Gegend von Gstaad, wo Kracht geboren wurde.
    Die Mutter hat Geld wie Heu, aber das nützt nicht so viel, denn sie war psychisch schon immer ein Wrack.

    Ermüdende Überrumpelungsversuche

    Das Ganze ist in einem soghaften Gestus der Mündlichkeit geschrieben. Der erste Satz fängt mit einem typischen "also" an, das den Leser sofort in den Text hineinzuziehen versucht: "Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich."
    Das ist auch eine Referenz an den damals aufsehenerregenden "Faserland"-Beginn ("Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe").
    Kracht hatte damals als Redakteur beim Zeitgeistmagazin "Tempo" angefangen und von der Medienprofessionalität seines Vaters enorm profitiert. Sein Stil ist bis heute durch die journalistische Magazin-Reportage geprägt.
    Der Schriftsteller Christian Kracht
    Der Schriftsteller Christian Kracht© Deutschlandradio / Jelina Berzkalns
    Auch "Eurotrash" möchte durch ständig neue Reize überrumpeln. Aber mit der Zeit ermüdet das, und es fällt dem Autor auch bald nicht mehr viel ein.

    Eine Welt, die ihn ankotzt

    Die Pose, die Dekadenz des Geldadels vorzuführen, tritt immer mehr als eine solche Pose in den Vordergrund. Dass Kracht diese Welt buchstäblich ankotzt, ist ihm durchaus abzunehmen.
    Aber gleichzeitig zeigt er sich in der Lage, sich genüsslich in alten Dandyfiguren wie Joris-Karl Huysmans zu spiegeln, und versucht, alle Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Seine auf Effekt berechnete, aber auf die Dauer leerlaufende Schreibe ist das Ergebnis davon.

    Christian Kracht: "Eurotrash"
    Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
    209 Seiten, 22 Euro

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