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Fazit | Beitrag vom 13.04.2019

Castorf inszeniert "Justiz" von DürrenmattEine Geschichte voller Abgründe

Michael Laages im Gespräch mit Britta Bürger

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Das Schauspielhaus in Zürich, Schweiz- (imago stock&people)
Das Schauspielhaus in Zürich Schweiz (imago stock&people)

"Eine Geschichte ist erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat", sagte Friedrich Dürrenmatt. Sein Roman "Justiz" ist eine schauerliche Schweiz-Analyse. Frank Castorf bringt sie mit brillantem "Timing" auf die Bühne.

Der Autor hat das letzte Wort. Und aus jedem Wort, jedem Satz spricht die Finsternis, mit der der 1990 gestorbene Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in die Zukunft schaute. Ueli Jäggi spricht diese Abschiedsarie im Sprachduktus des Schriftstellers selbst, dessen fundamental pessimistische späten Romane immer noch verdeckt werden vom anhaltenden Erfolg der frühen Stücke. "Die Physiker" und "Der Besuch der alten Dame" sind  - vom Spätwerk aus betrachtet – sozusagen "Dürrenmatt light".

Geschichte mit "schlimmstmöglicher Wendung"

"Justiz", Ende der 50er-Jahre begonnen und erst Mitte der 80er-Jahre wieder aufgenommen und neu beendet, ist ein Muster für Dürrenmatts General-Verdikt: "Eine Geschichte ist er erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat."

Schon das Wort muss Frank Castorf interessiert haben: schlimmstmöglich. Zum "Justiz"-Roman passt die Fragmentierung, die Castorf pflegt im Inszenieren und die auch Dürrenmatt schon im Roman anlegt. Die Handlung ist die eines Kriminalfalls, in den sich ein mäßig erfolgreicher Anwalt tiefer und tiefer hinein frisst; bis der Fall umgekehrt ihn aufzufressen beginnt. Voller Skrupel geht er vor, weil er ja weiß, dass er einen verurteilten Mörder rehabilitieren soll, der die Tat nie wirklich bestreitet.

Hinter, besser: unter dem Fall – das wird in der finalen Erklärung deutlich, die Dürrenmatt den ururalten Täter erzählen lässt - steckt die politisch-ökonomische Lebenslüge der Schweiz: Die Unabhängigkeit formal zu wahren um den Preis tiefster Verstrickung in jedes mörderische Geschäft weltweit, als Waffenhändler und Rot-Kreuz-Menschenfreund zugleich.

Diese schauerliche Schweiz-Analyse verteilt Dürrenmatt auf ein finster funkelndes Personal-Tableau – auch das ist nach Castorfs Geschmack. Er lässt – wie immer – die Video-Kameras kreisen, um jeden und jede aus radikaler Nah-Sicht ins Bild rücken zu können. Mal ist es – in der finalen Erzählung – nur ein zwinkerndes Auge, nur Ueli Jäggis Mund, der als Bild den ganzen Schrecken einfangen muss, von dem hier zu erzählen ist. Enorm viel Phantasie beschwört (und fordert!) Castorf in gut fünf Spiel-Stunden von Züricher Publikum.

Das Castorf-Ensemble besteht aus alten Bekannten

Die Castorf-Protagonisten sind Castorfs Spiel-Strategien ja gewöhnt: Neben Jäggi (auch ein Marthaler-Protagonist) vor allem wieder Alexander Scheer, der dem im unsittlichen Antrag zerrissenen Anwalt jeden denkbaren Spiel-Exzess beigibt (bis zum Akkord-Rauchen mit fünf Fluppen zwischen den Lippen!). Aber auch Robert Hunger-Bühler ist wieder dabei – er gehörte zu Castorfs Berliner Start-Crew vor über 25 Jahren – und Irina Kastrinidis, die vor zehn Jahren Teil vom Team an der Volksbühne war.

Kleine Pointe am Rande – nach Rocco Mylord, Castorfs Sohn aus der Beziehung mit Carolin Mylord und in Berlin schon auf bestem Weg zum Protagonisten - ist jetzt in Zürich der nächste, noch sehr junge Castorf-Sohn im Spiel: Mikis Kastrinidis. Daneben übertragen Julia Kreusch, Jan Bülow und Nicolas Rosat aus dem Züricher Ensemble sowie Teresa Matusadila und Manuela Hollenweger Castorfs unverändert kraftvollen Ton mutig und voller Energie ins eigene Spiel.

Kleine Drehbühne und brilliantes "Timing"

Aleksandar Denic hat Züricher Raum-Impressionen auf die – eher kleine – Drehbühne zitiert: Ein Wohnhaus, die Fassade eines Porno-Kinos im Rotlicht-Bezirk, eine schicke Bar, die durchaus das Restaurant "du Theatre" sein könnte, in dem zu Beginn der Mord gleich mehrfach geschieht. Adriana Braga Peretzkis Kostüme steigern den Reiz einer Geschichte, die voller Abgrund steckt.

Mit all dem wird "Justiz" zum erstaunlichen Abenteuer, in Strom und Fluss gehalten von Castorfs noch immer und wie immer brillantem "Timing". Der alte Dürrenmatt, der nurmehr in den Himmel schaute – so schlecht war die Welt – hat in diesem Regisseur den richtigen Interpreten gefunden.

Kulturpresseschau

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