Barbara Cassin: „Nostalgie"

Die Sehnsucht nach einem Ort

06:05 Minuten
"Nostalgie" von Barbara Cassin
© Suhrkamp

Barbara Cassin

Übersetzt von Christine Pries

Nostalgie. Wann sind wir wirklich zuhause? Suhrkamp, Berlin 2021

142 Seiten

22 Euro

Von Jens Balzer · 24.01.2022
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Die Philosophin und Altphilologin Barbara Cassin erkundet das Wesen der Nostalgie – und entwirft einen utopischen Begriff der Heimat für unser Zeitalter der Migration.
Nostalgie ist ein Gefühl, das heute viele Menschen ergriffen hat. Gerade in schwierigen Zeiten der Verunsicherung und Zukunftsangst sehnt man sich zurück in eine übersichtlicher scheinende Vergangenheit: in einen Zustand, in dem man sich noch sicher und zuhause fühlen konnte.
Die französische Philosophin und Altphilologin Barbara Cassin fragt in ihrem Essay „Nostalgie“, worin das Wesen dieses Gefühls und dieser Sehnsucht besteht und worauf beide sich eigentlich richten: „Wann sind wir wirklich zuhause?“, so der Untertitel des Buchs.
Es ist im Original bereits 2013 erschienen, hat also keinen ausdrücklichen Bezug zur Pandemie und zu den Entwicklungen der vergangenen Jahre, in denen der Rechtspopulismus die Nostalgie als politisches Gefühl zu mobilisieren versuchte.
Doch ist die Lektüre des Buchs umso erhellender. Denn Barbara Cassin zeigt, dass Nostalgie in Wahrheit gar nichts ist, was uns in eine – imaginäre – Vergangenheit zurückziehen muss, sondern dass Nostalgie eine emanzipatorische Kraft besitzen kann, die uns hilft bei einem freieren und gelasseneren Blick in die Zukunft.

Befreiung von der Fiktion des Ursprungs

Wer das Wesen der Nostalgie verstehen will – so ihre erste grundlegende These –, muss sie von der Fixierung auf die Vergangenheit lösen. Nostalgie empfindet man nicht eigentlich für eine Zeit, sondern für einen Ort: für eine Heimat, die man vermisst.
Dies liest sie aus der Geschichte des Begriffs heraus. Er besteht aus zwei altgriechischen Wörtern: „Nostos“ bedeutet Heimkehr und „algos“ Leid. Aber zusammengesetzt wurden beide erst im späten 17. Jahrhundert von einem Deutschschweizer Arzt, um das Heimweh zu beschreiben, an dem die Schweizer Söldner von Ludwig XIV. litten.
Schon der Begriff Nostalgie täuscht seine Ursprünglichkeit also lediglich vor. Und nicht anders ist es mit der Heimat, deren Verlust der Begriff beschreibt. Sie ist nicht gleichbedeutend mit dem Ursprung des nostalgischen Subjekts.
Sie selbst etwa, schreibt Cassin in ihrem ersten Kapitel, fühlt nur in ihrem Haus auf Korsika eine wahrhafte Heimat, obwohl sie dort nicht geboren wurde und auch sonst keine biografischen Wurzeln sie mit der Insel verbinden.

Wurzeln nicht im Boden, sondern in der Luft

Heimat ist immer etwas Gewähltes: das ist die zweite grundlegende These des Buchs. Sie wird von Cassin mit einer Lektüre der „Odyssee“ des Homer und der daran anschließenden „Aeneis“-Variation des Vergil erläutert.
Odysseus ist der Inbegriff des Abenteurers, der sich nach seiner Heimat sehnt und zu ihr zurückzufinden versucht. Aber als er nach seiner endlosen Reise wieder nach Ithaka kommt, bricht er sogleich wieder auf: Seine Heimat ist die Entwurzelung.
Das führt Cassin mit einem kühnen Sprung ins 20. Jahrhundert zu der Aussage von Hannah Arendt: dass sie nach der Flucht aus Deutschland und ihrem Exil keine Sehnsucht mehr nach dem Europa der Vorhitlerzeit verspürte. Was ihr geblieben sei, das sei einzig die Sprache, das Deutsche – diese sei, was für sie Heimat bedeutet.
Man kann Nostalgie also auch ohne den Bezug auf die Vergangenheit denken, und man kann Heimat, wie die Exilantin Hannah Arendt, auch in der Vielsprachigkeit einer Welt finden, in der die eigene Muttersprache Geborgenheit stiftet, ohne dass sie mit einem Territorium verbunden wäre, das man gegen andere Menschen verteidigen muss.
So erhebt Barbara Cassin den Begriff der Nostalgie zur utopischen Beschreibung von Heimat in einem Zeitalter, das von Migration und Exil geprägt ist und von Menschen, die ihre Wurzeln nicht im Boden haben, sondern in der Luft.

Intellektuelle Zärtlichkeit, tastendes Denken

„Nostalgie“ ist ein glänzendes, berührendes Buch. Bei aller philologischen Präzision und philosophischen Dichte erschließt es sich auch dem Laien sofort, so vorsichtig entwickelt Cassin ihre Argumente.
Aus den gesinnungsethisch verhärteten Debatten der gegenwärtigen Identitätspolitik, in denen jeder schon vorher zu wissen scheint, was er hinterher meint, reist man mit ihr zurück in das tastende Erkunden und Interpretieren der klassischen Philologie – und in die intellektuelle Zärtlichkeit einer Philosophie, die aus der phänomenologischen Selbstbefragung ebenso schöpft wie aus dem Studium der Tradition und ihrer Quellen.
Was für ein Glück: Man hat beim Lesen – und etwas Schöneres kann man über ein Buch über Nostalgie wohl kaum sagen – selbst das Gefühl, dass man zurückkehrt in eine verlorene Heimat des Denkens.

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