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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2018

Carlo Rovelli: "Die Ordnung der Zeit"Zeit wird in Gefühlen gemessen

Von Volkart Wildermuth

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Cover von Carlo Rovelli: "Die Ordnung der Zeit"; im Hintergrund ist eine Frau im Bett zu sehen, die einen Wecker ausschaltet (Rowohlt / dpa / Collage: DLF Kultur)
In Carlo Rovellis Theorie zur Zeit steht der Mensch im Mittelpunkt. (Rowohlt / dpa / Collage: DLF Kultur)

Der Mensch glaubt, dass er sich von der Vergangenheit in Richtung Zukunft bewegt. Doch dieser Eindruck ist rein subjektiv, verdeutlicht der Physiker Carlo Rovelli in "Die Ordnung der Zeit". Denn der Mensch vertraut hier nicht etwa Messungen, sondern allein seinen Emotionen.

"Im Gebirge vergeht die Zeit schneller als im Flachland." So eröffnet Carlo Rovelli sein Buch über die Zeit und macht damit klar, es geht in unvertrautes Gelände. Denn der Satz beschreibt keine Theorie, sondern eine Tatsache, messbar mit modernen Uhren. Ein typischer Ansatz, denn Rovelli geht es um die Dekonstruktion der Zeit: In vielen Bereichen der Physik wird nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft unterschieden. Im Universum tickt keine Uhr, es gibt nur lokale Ordnungen der Zeit, schon Erde und Mars teilen kein gemeinsames "Jetzt".

Ganz nebenbei heißt das auch, dass es nur begrenzt sinnvoll ist, von Ursache und Wirkungen zu sprechen. Dem Leser raucht der Kopf, aber auf angenehme Weise, denn der Physikprofessor findet überzeugende Beispiele und Bilder: "Die Ereignisse der Welt stehen nicht geordnet Schlange wie die Engländer. Sie bilden ein chaotisches Gedränge wie die Italiener."

Zeit ist nicht das Ticken einer Uhr

Der Ton zieht sich durch das gesamte Werk. Wirklich schwierig nur an den Stellen, wenn Rovelli versucht Relativität- und Quantentheorie zusammenzubringen. Dann geht es um "Spinschäume", ein "wildes Gewimmel erscheinender und verschwindender Quanten". Schwierig zu verstehen und auch die dazugehörige Illustration macht den komplexen Inhalt nicht wirklich verständlich.

Glücklicherweise hat der Autor diesen Teil erfreulich kurz gehalten, um dann zum eigentlichen Kern seines Buches zu kommen: den Quellen der Zeit. "Auch wenn ich nicht weiß, ob die Idee zur richtigen Antwort führt, habe ich mich in sie verliebt", schreibt er und geht auf der Suche nach Antworten weit über das eindeutig Belegte hinaus.

In Rovellis Theorie steht der Mensch im Mittelpunkt. Menschen, so der Physiker, sehen die Welt vergleichsweise unscharf. Gerade weil wichtige Details verschwimmen, entsteht der subjektive Eindruck, dass man sich von der Vergangenheit Richtung Zukunft bewegt. "Die Ausrichtung der Zeit ist folglich real, aber perspektivisch bedingt: bezogen auf uns." Zeit ist demnach nicht das Ticken einer Uhr, sie ist Erinnern und Planen, sie wird weniger in Sekunden, als in Gefühlen gemessen.

Versuch, Physik und Erleben zu verbinden

Deshalb zitiert Rovelli in seinem inspirierenden Buch neben Physikern auch Poeten und Philosophen. Und benutzt selbst auch gerne eine lyrische Sprache: "Am Ende sind die Gefühle, die das Phänomen Zeit in uns auslöst, vielleicht doch nicht die Nebelwand, die uns daran hindert, das objektive Wesen der Zeit zu erkennen. Vielleicht ist die emotionale Haltung gegenüber der Zeit genau, das, was für uns die Zeit ausmacht."

Viele Bücher berichten aus der seltsamen Welt der Relativität und der Quanten. "Die Ordnung der Zeit" sticht hier aber heraus, gerade weil das Thema Zeit so eng mit dem menschlichen Erleben verbunden ist. Carlo Rovelli gelingt es in diesem vergleichsweise schmalen Buch mit klaren Sätzen, den Leser anzuregen, die eigene Weltsicht in Frage zu stellen.

Ob seine Idee zur Überwindung dieser Verunsicherung am Ende Bestand haben wird bleibt offen. Es gibt weitere spannende Theorien, die versuchen Physik und Erleben zu verbinden, aber deren Autoren schreiben meist nicht so zugänglich und unterhaltsam, wie der Franzose. Ein schönes, ein lesenswertes Buch!

Carlo Rovelli: Die Ordnung der Zeit
Übersetzt von Enrico Heinemann
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018
192 Seiten, 20 Euro

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