Ärztin zur Legalisierung weicher Drogen

"Man müsste Alkohol verbieten und nicht Cannabis"

29:42 Minuten
Ein Mann trägt eine Maske mit der Darstellung eines Cannabisblattes.
Legalize it: Das Hanfblatt als Symbol hätte in Zukunft vielleicht ausgedient. © AFP / Raul Arboleda
Moderation: Annette Riedel · 26.02.2022
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Der Konsum von Alkohol berge vergleichsweise größere Risiken als der von Cannabis, sagt die Fachärztin Kirsten Müller-Vahl. Deshalb halte sie es für "vertretbar", die Droge zu legalisieren. Damit drohe kein Abrutschen in eine Rauschgesellschaft.
Die aktuelle Drogenpolitik sei "gescheitert", glaubt die Expertin. Das Ziel, dass vor allem Jugendliche keinen Zugang zu Drogen haben und dass die Konsumzahlen insgesamt möglichst gering sind, sei nicht erreicht worden. Auch sei nicht gewährleistet, dass sich Menschen, die sich für Drogenkonsum entscheiden, zumindest darauf verlassen können, dass Cannabis nicht gefährlich verunreinigt oder unvorhersehbar rauschintensiv sei.
Mit der von der Bundesregierung angedachten Legalisierung von Cannabis seien diese Ziele besser zu erreichen. Erfahrungen mit der Liberalisierung von Gesetzen zum Cannabis-Genuss in anderen Ländern zeigten, dass der Konsum nicht parallel erkennbar zunehme. In sofern unterstütze sie die Pläne der Bundesregierung für eine Cannabis-Legalisierung, wie sie im Koalitionsvertrag festgeschrieben sind, "voll und ganz".

Lieber mal einen Joint als regelmäßig Bier

Auch der Genuss anderer – schon legaler –Drogen bringe Gesundheitsrisiken mit sich, die im Vergleich insgesamt sogar größer wären, als der Konsum von sauberem Cannabis. Wichtiger als Verbote seien Information, Aufklärung und niedrigschwellige Hilfsangebote für diejenigen Menschen, bei denen der gelegentliche Gebrauch von Substanzen wie Alkohol oder eben Cannabis zu einer Suchterkrankung führten. Es müsse immer darum gehen, dabei zu unterstützen "den Konsum zu beenden oder kontrollieren zu können", meint Müller-Vahl und fügt hinzu: Es gäbe "keinen vernünftigen Grund, warum wir hier mit Cannabis anders verfahren sollten" als mit anderen Drogen.
Betrachte man die Kosten, die durch körperliche, psychische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden entstehen, "müsste man Alkohol verbieten und nicht Cannabis." Ein solches Verbot hält die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie allerdings für vollkommen unwahrscheinlich: "Ich glaube nicht, dass das in der Gesellschaft durchsetzbar ist. Volksgesundheitlich und volkswirtschaftlich gesehen wäre das sicherlich eine weise Entscheidung." Insgesamt halte sie die Risiken durch Cannabiskonsum für geringer als die durch Alkoholkonsum.

Legaler Cannabiskonsum nur für Erwachsene

Eine legale Abgabe von Cannabis als Genussmittel käme zweifelsohne nur an Erwachsene infrage. Ob aus gesundheitlichen und entwicklungspsychologischen Gründen dabei das Mindestalter auf 18 Jahre, 21 Jahre oder 27 Jahre festzulegen wäre, "darüber könne man sprechen." Tatsächlich sei die Hirnentwicklung nicht mit 18 Jahren abgeschlossen. Wenn der Konsum straffrei würde, wäre das aus Sicht von Kirsten Müller-Vahl auch eine Chance für den Jugendschutz. "Ich kenne keinen Drogendealer, der Kinder und Jugendliche nach dem Ausweis oder nach dem Alter fragt. Das ist genau die Chance, die wir hier haben, indem wir das legalisieren".
In speziellen lizenzierten Fachgeschäften könnte man genau das gewährleisten. Dort könne unabhängig vom Alter auch immer zusätzlich aufgeklärt, informiert und – bei Bedarf – Hilfe angeboten werden. Insofern sei die angestrebte Legalisierung "ganz unstrittig im Sinne des Jugendschutzes". Anders als am Schwarzmarkt bestünde zudem nicht die "Riesengefährdung für die Jugend" durch mögliche Verunreinigungen der Droge. Und auch der Gehalt an der berauschenden Substanz THC könne transparent gemacht und kontrolliert werden. Wichtig sei, dass nicht der falsche Eindruck entstehe, dass "alles, was legal ist, auch gesund und gut" ist.

Weitere Drogen legalisieren?

Auch wenn die Legalisierung nicht dazu führen würde, dass der Schwarzmarkt für Cannabis vollständig ausgetrocknet würde, so könne man doch davon ausgehen, dass er schrumpfe, wie das Beispiel Kanada zeige. Dort sei der Schwarzmarkt für Cannabis seit der Legalisierung "um 50 Prozent gesunken".
Der für medizinische-therapeutische Zwecke seit fünf Jahren in Deutschland legale Bedarf werde hauptsächlich durch Importe gedeckt. Nach einer Legalisierung für den privaten Konsum entstünde auch "ein neuer Wirtschaftszweig", der bei zu vereinfachenden Produktionsbedingungen zudem Arbeitsplätze und Steuern generieren könne, glaubt die Expertin.
Ob man in Deutschland so weit gehen sollte wie in Portugal, wo der Konsum sämtlicher Drogen entkriminalisiert worden ist– auch etwa von Kokain und Heroin – hänge von den Erfahrungen ab, die man mit der Legalisierung von Cannabis mache: "Wenn wir feststellen, dass die Legalisierung und die Information über Drogenkonsum zu einer Reduktion der Konsumquoten führen, dann könnte man tatsächlich im nächsten Schritt überlegen, ob man eventuell auch weitere Drogen legalisieren möchte."

Prof. Dr. Kirsten Müller-Vahl ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Sie ist an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover Oberärztin. Das „Tourette-Syndrom“ ist ihr Forschungsschwerpunkt. Seit 1999 ist sie Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin und seit 2016 Mitglied des Sachverständigenausschusses für Betäubungsmittel der Bundesopiumstelle beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Als Sachverständige hat sie den Bundestagsgesundheitsausschuss beim Gesetz zur Legalisierung von Cannabis in der Medizin beraten. Im März 2017 ist es in Kraft getreten.

(AnRi)
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