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Tonart | Beitrag vom 09.05.2016

"Canadian Music Week" Kanadas pulsierendes Musikherz

Von Philipp Eins

1334542336_Noyz FOTO Philipp Eins.jpg (Foto: Philipp Eins)
Der 29-jährige Rapper Noyz ist ein typischer Vertreter der bunten kanadischen Musikszene. Er wurde in Toronto geboren, ist sich der Herkunft seiner Familie aus Indien aber sehr bewusst. (Foto: Philipp Eins)

Die "Canadian Music Week" gehört zu den wichtigsten Musikevents des Landes: 900 Bands waren in den Clubs und Bars Torontos zu hören. Und die haben eines gezeigt: Die einst provinzielle Stadt ist zu einem kulturellen und kreativen Schmelztiegel geworden.

Hip-Hop ist für den 29-jährigen Rapper Noyz mehr als Musik. HipHop ist für ihn ein Lebensgefühl. Seine Songs handeln von Polizeigewalt in Kanada, von den Hürden, als Einwanderer einen Job zu finden, aber auch von Flucht und Vertreibung der Sikhs nach der Teilung Indiens 1947. Von dort, aus der Region Punjab, stammen seine Eltern.

Noyz, der in der Tradition der Sikhs mit Turban und Vollbart auftritt, ist durch die Herkunft seiner Familie geprägt – auch wenn er selbst in Toronto geboren und aufgewachsen ist. Der Kampf für Freiheit und soziale Gerechtigkeit spielt für ihn eine große Rolle.

"Eine politische Haltung ist mir sehr wichtig, besonders im Hip-Hop. Dieser Musikstil ist aus der Armut heraus entstanden. Zur Kultur des Rap gehört es, Ungerechtigkeiten anzusprechen, die uns im Alltag begegnen. Ich möchte diese Tradition in meinen Songs fortführen. Hip-Hop ist stark, wenn er rebellisch ist, wenn er die Stimme gegen Rassismus und Unterdrückung erhebt."

Von der Provinzstadt zur Metropole Toronto

Mit seinem Lebensweg passt Noyz in die Musikszene Torontos, wie sie sich zur "Canadian Music Week" zeigt. Die Stadt hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bis in die sechziger Jahre hinein war Toronto angelsächsisch-presbyterianisch geprägt, Zuwanderer mit anderem kulturellen Hintergrund wurden als Fremdkörper wahrgenommen. Seit den 70er-Jahren aber kamen immer mehr Einwanderer aus Asien, aber auch aus Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten. Heute sind etwa die Hälfte der Einwohner Torontos Immigranten. Sie haben aus der Provinzstadt eine Metropole gemacht.

"Wirklich cool ist, dass in Toronto heute HipHop-Künstler leben, deren Geschichten du hier früher nie gehört hättest. So wie von K'naan, einem somalisch-kanadischen Rapper. Jemanden wie ihn gab es in den 90er-Jahren noch nicht. Aber ich und meine Gruppe sind auch ein gutes Beispiel. Wir sind Künstler aus Punjab – noch vor ein paar Jahren wäre das unvorstellbar. Das teilen viele Rapper in Toronto miteinander: Wir sind in der gleichen Stadt aufgewachsen, aber unsere Wurzeln liegen woanders. Das ist eine tolle Entwicklung."

Kulturelle Vielfalt im Sound der Stadt 

Mittlerweile sagen manche Einwohner, Toronto sei die kleine Schwester von New York. In den Musikclubs und Bars in der belebten Queen Street im Westen Torontos wird Rap und Blues, Reggae und Cumbia, Rock und Indie-Pop gespielt. Kann es da überhaupt noch so etwas wie einen kanadischen Sound in der Popmusik geben? Mike Turner kümmert sich im Auftrag der Stadt Toronto um die Entwicklung der örtlichen Musikszene:

"In den 50er-Jahren stand Torontos Musikszene für einen rustikalen, archaischen Folk-Sound, der von kanadischen Künstlern wie Joni Mitchell und Neil Young geprägt wurde. Heute ist es gar nicht so einfach, den Sound der Stadt zu benennen. Wir sind stark in urbanen Musikstilen, wie sie der Rapper Drake oder R&B-Musiker wie The Weeknd verkörpern. Auch Newcomer wie Alessia Cara stehen für eine Rhythm-and-Blues-Tradition in Toronto. Aber es ist wirklich schwer, einen typischen Sound auszumachen – gerade wegen der kulturellen Vielfalt in der Stadt."

Martha Meredith und ihre Band "For Esmé"

Auf der "Canadian Music Week" war dieses Jahr auch sie dabei: die 2013 gegründete Band "For Esmé" um die 28-jährige Sängerin Martha Meredith. Ihren Stil bezeichnen die drei Musiker als Electro-Organic Dream-Pop. Es ist eine Mischung aus Elektro-Beats, Samples und vereinzelten Gitarren-Sounds.

Noch vor einigen Jahren wären Bands wie "For Esmé" von Kanada in die USA gezogen, um in der Nähe großer Plattenlabels in Chicago oder Los Angeles ihre Karriere voranzutreiben. Die Bandmitglieder haben sich aber entschieden, in Toronto zu bleiben. Das Leben ist hier im Vergleich zu den USA preiswerter – und die Szene genauso kreativ.

"Ich arbeite mit meiner Band total gerne mit bildenden Künstlern zusammen. Wir binden bei unseren Auftritten Videoprojektionen ein, wir drehen Musikvideos, auch auf die visuelle Gestaltung unserer Alben legen wir großen Wert. Und hier in der Stadt leben einfach wahnsinnig viele talentierte Maler, Filmemacher und Konzeptkünstler. Wenn du also etwas Kreatives ausprobieren möchtest, findest du immer jemanden, der mitmacht. Das mag ich an Toronto."

Auch das Musikbusiness hat in den vergangenen Jahren Interesse an der Stadt gefunden. Rund 100 Labels haben hier inzwischen ein Büro eröffnet. Ob Toronto eine echte Musikmetropole in Nordamerika wird, liegt an jungen Musikern und Bands wie Noyz und "For Esmé" – und ob sie nach ersten Erfolgen tatsächlich hier bleiben werden.

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