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Lesart | Beitrag vom 01.12.2020

Bücher zum Verschenken Ulrike Draesner empfiehlt Marlen Haushofers "Die Wand"

Von Ulrike Draesner

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In der Reihe "Bücher zum Verschenken" empfehlen wir "Die Wand" von Marlen Haushofer. (List / Getty Images / Tatiana Mezhenina)
Der Roman "Die Wand" wurde mit Martina Gedeck verfilmt. Er erzählt davon, wie seine Protagonistin überlebt. (List / Getty Images / Tatiana Mezhenina)

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner schenkt das Buch ihrer niederländischen Freundin, weil die Hauptfigur eine mutige Frau ist. Sie möchte ihr damit sagen: Wir sind noch längst nicht so verlassen wie sie.

Meine Freundin Natasja kommt, auch wenn ihr Name so klingt, nicht aus Russland, sondern aus den Niederlanden. Ihr schenke ich ein Buch, das in Österreich spielt, weil sie das Reisenkönnen vermisst. Tatsächlich spielt das Buch nur auf einem kleinen Fleck von Österreich. Dort finden sich eine Jagdhütte, eine noch kleinere Hütte, Wald.

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Die Ich-Erzählerin, eine Frau in ihren 40ern, wacht eines Sommermorgens in diesem Jagdhaus auf, allein bis auf den Hund ihrer Freunde. Bald findet sie heraus, dass sie nicht mehr ins Dorf gehen kann – eine unsichtbare Grenze ist entstanden. Alle Lebewesen hinter dieser Grenze sind tot. Sie nennt diese Grenze "die Wand". So heißt auch der Roman: "Die Wand". Geschrieben hat ihn Marlen Haushofer, erschienen ist er 1963. Er erzählt davon, wie seine Protagonistin überlebt.

Die Wand isoliert, schafft aber auch neue Freiheiten

Die Wand schützt sie. Sie isoliert sie aber auch. Die Wand ist wie eine riesige Maske. Die vertrauten Grenzen, gesetzt von Geschlecht, Stand, Alter verlieren ihre Gültigkeit. Trotz des eingeschränkten Bewegungsradius entstehen neue Freiheiten und Beziehungen. Erzählt wird vom Wachsen eines Innenraumes durch Einschränkung im Äußeren. Haushofer gelingt dies spannend, wahrhaftig, mit immenser Anschauungskraft. Sie berichtet von Isolation und ihren Herausforderungen. Von neuer Nähe und Freundschaften für ein Ich, dem sich die Kategorien der Zeit und des Raums verschieben.

Schau, sage ich zu Natasja, wie mutig diese Frau ist. Schau, wie nahe sie dir kommt. Schau, wie wenig verlassen wir noch immer sind im Vergleich zu ihr.

Von Ulrike Draesner erschien zuletzt der Roman "Schwitters", für den sie mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

Marlen Haushofer: "Die Wand"
List Verlag, Berlin 2014
288 Seiten, 10 Euro

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