Nur die wenigsten Überlebenden der deutschen Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg haben das Grauen in Texten festgehalten: von Primo Levi über Stéphane Hessel bis hin zu Margarete Buber-Neumann. Mittlerweile sind fast alle Zeitzeugen gestorben. Doch gibt es nachgeborene Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ihre Fiktionen auf recherchierten Fakten keimen lassen: Oft mit großem Verkaufserfolg wie die Britin Anna Stuart demonstriert.
Für ihren Roman „Die Hebamme von Auschwitz“ hat sie sich an der Biografie der Polin Stanisława Leszczyńska orientiert. In ihren „historischen Anmerkungen“ am Schluss des Buchs beschreibt Anna Stuart, wie sie Fakten und Fiktion kombiniert. Ihr Ziel ist es, so viel Recherchiertes wie möglich unterzubringen: immer im Dienst eines spannenden Plots. Die Geschichte beginnt mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im September 1939 ins polnische Łódź. Sie führt das Schicksal der Hebamme Ana Kaminski mit dem der fiktiven Jüdin Ester zusammen.
Widerstand mit Gott
Angesichts der Entrechtung der Juden, die in ein Ghetto eingesperrt werden, beginnt Anas Widerstand gegen die Willkür der deutschen Besatzer. Der innere Motor ist ihr tiefer katholischer Glaube.
„Sie hätte jeden Einzelnen der selbstgefälligen Soldaten anschreien mögen, die durch ihre Stadt marschierten [...] und neue Gesetze erließen, ohne Rücksicht auf Gebräuche, Traditionen oder, wie es schien, auch nur Anstand und Vernunft. Jesus hatte sie gelehrt, die andere Wange hinzuhalten, aber die Nazis schlugen ihr auf beide Wangen gleichzeitig.“
Die Hebamme von Auschwitz
Der Plot ist einfach gebaut. Abgesehen von Prolog und Epilog, die im Jahr 1946, also nach Ende des Zweiten Weltkriegs spielen, hält sich Anna Stuart an die Chronologie der historischen Ereignisse. Im Wechsel der Perspektiven von Ana und Ester beschreibt sie, wie die deutschen Besatzer den Alltag durch Demütigung und nackte Gewalt zur Hölle machen – bis zu dem Tag, als die beiden Frauen im selben Zug nach Auschwitz-Birkenau deportiert werden: Ester, weil sie Jüdin ist, Ana als Widerstandskämpferin.
Mitmenschlichkeit im Vernichtungslager
Im Vernichtungslager haben sie Glück im Unglück. Denn sie können in der Krankenabteilung ein Team bilden: Ana, die Hebamme, und Ester, ihre Krankenschwester. Wo der Massenmord regiert, helfen sie unter schwierigsten Bedingungen Babys auf die Welt.
„[Die Hebamme] konnte ihren Patientinnen nicht mehr bieten als schmutzige, von Läusen befallene Decken, verunreinigtes Wasser und eine rostige Nagelschere. Jedes Kind, das im Lager zur Welt kam, war ein winzig kleiner Sieg – eine Luftblase in der Jauchegrube –, und auch wenn das Ganze mit einem gebrochenen Herzen endete, weil das kleine Leben letztlich doch dahinschwand, hatte es wenigstens einen Moment der Freude gegeben.“
Die Hebamme von Auschwitz
Beschönigt wird im Roman „Die Hebamme von Auschwitz“ nichts. Die jüdischen Neugeborenen verhungern oder werden von der mit Schnaps entlohnten Blockältesten ertränkt. In eingängiger, dialogreicher Sprache macht Anna Stuart das alltägliche Grauen im Todeslager gegenwärtig. Doch meidet sie bei der Schilderung die allzu drastischen Details, die allzu große Nähe zum unfassbar Bestialischen. In den Fokus rückt die Widerstandskraft Anas, in der Ester sie bestärkt. Beide Protagonistinnen leben zwei Jahre lang nach der Devise: „Unsere einzige Waffe ist es, am Leben zu bleiben.“
„Lebensborn“ und „Todesengel“
Wer überlebt den gewalttätigen Sadismus und die Mordlust der SS-Offiziere und ihrer Gehilfen? Findet Ana nach der Befreiung von Auschwitz-Birkenau ihren Mann und ihre drei Söhne wieder? Lassen sich die blonden jüdischen Babys aufspüren, die für das Lebensborn-Projekt „germanisiert“ worden sind – unter ihnen Esters Tochter? Mit solchen Fragen hält der Roman „Die Hebamme von Auschwitz“ die Spannung hoch. Hinzu kommen Anas nicht immer berechenbaren Wutausbrüche: wenn sie sich, auch das ist von Zeitzeugen überliefert, mit dem „Todesengel von Auschwitz“, dem Arzt Josef Mengele, anlegt.
Anna Stuart zeigt in ihrem Roman, zu was Menschen fähig sind: im Bösen wie im Guten. Ihr Plot ist solide gebaut, ihre Fiktionen liegen im Bereich des Möglichen. Doch schreibt Anna Stuart mit wenig literarischem Feinschliff. Gerade bei der Beschreibung von Gefühlen neigt sie zu eingängigen Sprachklischees. Ihr Lob widerstandswilliger, mutiger Frauen aber ist zeitlos.