Judith Hermanns NS-Spurensuche

Opa war ein Nazi

Buchcover: Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit
© S. Fischer Verlage

Judith Hermann

"Ich möchte zurückgehen in der Zeit"S. Fischer, Frankfurt am Main 2026

164 Seiten

23,00 Euro

Von Jan Drees |
Judith Hermann begibt sich in ihrem neuen Buch auf eine Familienrecherche ins polnische Radom. Ihr Großvater war bei der Waffen-SS. Es ist das Protokoll einer fehlgeschlagenen Aufarbeitung.
Mit ihrem neuen Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ berührt Judith Hermann vollkommen überraschend ein Tabu unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft – auf das wir ungern hingewiesen werden. „Die zentrale Definition eines Tabus lautet: Wo immer man nicht mehr weiter zu fragen wagt oder nicht einmal auf den Gedanken kommt, es zu tun, hat man es mit einem Tabu zu tun.“ Das schrieben die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 in ihrer Studie „Die Unfähigkeit zu trauern“, ein Buch, das auch für Judith Hermanns Veröffentlichung bedeutsam ist.
Die Mitscherlichs analysierten vor fast 60 Jahren die hiesige Nachkriegsgesellschaft und wie diese Gesellschaft während des Wirtschaftswunders kollektiv Schuld verdrängt. Judith Hermann möchte aber nicht verdrängen, sie möchte sich konfrontieren, indem sie über ihren Großvater berichtet, der sehr wahrscheinlich NS-Verbrechen in Polen begangen hat – und über den die Familie so gut wie nichts weiß.
„Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. Er hat keine Geschichte, also kann ich keine aus ihm machen. Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf, und ich frage mich, hätte ich zu meiner Mutter sagen können, ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke. Mein Großvater ist in jeder Hinsicht ein Cold Case.“

Ganz normale Männer

Dass sich viele Menschen in der NS-Zeit schuldig gemacht haben, ist wahrlich keine Neuigkeit. Wir wissen viel über das verbrecherische Handeln nicht nur der damaligen Elite, sondern auch von vermeintlich einfachen Menschen. Diese Verbrechen werden gezeigt in Büchern wie Christopher Brownings Studie „Ganz normale Männer“ von 1992 über das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101 und die sogenannte „Endlösung“ in Polen. Es gab in den 1990er Jahren die beiden Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung – und 2002 die umfangreiche Studie „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall, die nachzeichnete, wie Erinnerungen an die eigenen Großeltern beschönigt werden.
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Historische Fotos aus einem Familienalbum aus der NS-Zeit.
Historische Fotos aus einem Familienalbum aus der NS-Zeit.
Wir wissen also viel über die Großväter im Allgemeinen, paradoxerweise aber sehr wenig über die Großväter unserer eigenen Familien. Deshalb wundert keineswegs, dass auch Judith Hermanns Großvater ein „Cold Case“ ist, ein ungelöster Fall. Ihr Buch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ kann man neben andere stellen, wie Henning Ahrens „Mitgift“ oder Per Leos „Flut und Boden“, die sich ebenfalls mit NS-Großvätern beschäftigen. Judith Hermann hat sich für eine autofiktionale Ich-Recherche entschieden, die als Mutterporträt beginnt.
„Was hinterlasse ich, fragt mich meine Mutter. Was habe ich zu vererben, was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin. Sie stellt diese Frage in einem eigentümlichen Tonfall, heiter und verärgert zugleich. Sie gibt vor, es nicht ganz ernst zu meinen, meint es aber offensichtlich mehr als ernst, wartet meine Antwort nicht ab und beantwortet sich ihre Frage selbst. Sie sagt, nichts. Ich hinterlasse nichts, es bleibt nichts von mir übrig.“

Beinahe alle wurden ermordet

Von dieser Klage ausgehend recherchiert Judith Hermann über das Leben ihrer Mutter – und die Schriftstellerin erkennt schnell, dass sie für ihr Projekt mit dem Großvater beginnen muss. Der war Mitglied der SS und trug die verräterische Blutgruppen-Tätowierung. Die Mutter gibt an, sie habe ihren Vater nie gekannt, was sich später als unwahr herausstellt, als Verdrängung. Tatsächlich ist sie bis ins Teenageralter mit diesem Mann aufgewachsen.
„Mein Großvater wurde 1904 in Berlin geboren, sein Vater war Lehrer, seine Mutter starb früh. Er war zehn, als der Erste Weltkrieg ausbrach, vierzehn, als er zu Ende ging. Er machte eine Lehre zum Drogisten und den Abschluss mit der schlechtestmöglichen Note, er hatte im Einzelhandel zu tun, vermutlich verkaufte er Seife. Knöpfe. 1932 trat er in die NSDAP ein. Umstandslos, es sieht nicht so aus, als ob er gezögert hätte. Er heiratete meine Großmutter, bekam drei Kinder, zwei Söhne während des Krieges, eine Tochter, meine Mutter, im November 1945. Er verschwand. Kam zurück und verließ die Familie endgültig, er ließ sich Mitte der fünfziger Jahre scheiden.“
Stationiert war der Großvater im polnischen Radom, wo vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zwei Drittel der damals 85.000 Einwohner Juden waren. Nur wenige hundert überlebten die nationalsozialistische Besatzung. Sie wurden in Ghettos gesperrt, in Arbeits- und Vernichtungslager verschleppt, sie wurden erschossen, vergast oder starben an unbehandelten Krankheiten. Judith Hermann berichtet, dass gegenwärtig nur noch ein einziger Jude in Radom lebt, der freitags allein den Sabbat feiert. Sie möchte mehr erfahren, und macht sich im Winter von Berlin aus auf in diese inzwischen rund 196.000 Einwohner zählende Stadt, „zwischen Warschau und Krakau, zwischen Weichsel und Heiligkreuzgebirge, polnische Kleinstadt mit Lehrerkollegium, Hochschule und Theater, einem Kino, zwei Museen und Industrie für Waffen und Präzisionstechnik.“

Zunehmende Ängste

Man kann es kurz machen: Judith Hermann wird während ihres mehrwöchigen Aufenthalts wenig herausfinden, und stattdessen in eine Dissoziation fallen.
„In der zweiten Hälfte meiner Zeit in Radom bekam ich zunehmende Befindlichkeiten. Ich schlief unruhig, träumte nichts, wachte nachts auf und hatte das Gefühl, mein Körper wäre in zwei Hälften geteilt und eine wäre taub. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Schlucken von Kaffee, von heißen Getränken an sich. Zunehmende Ängste. Angst davor, die Wohnungstür könnte bei meiner Rückkehr von den Wegen des Nachmittags einen Spaltbreit offen stehen. Angst davor, sie könnte geschlossen, aber nicht verriegelt sein, obwohl ich sie, als ich gegangen war, zweimal verriegelt hatte. Angst davor, das Wasser im Kühlschrank könnte vergiftet sein, jemand könnte in meiner Abwesenheit die Wohnung betreten, das Wasser im Kühlschrank vergiftet, die Wohnung wieder verlassen haben.“
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Dieses Buch ist anders, als bereits bekannte Texte über NS-Vorfahren. Judith Hermann liefert keinen positivistischen Bericht. Sie erzählt nicht von zurückliegenden Verbrechen, sondern stattdessen von ihren psychosomatischen Affekten. Wenn sie nun glaubt, ein Fremder habe ihr Wasser im Kühlschrank vergiftet, wenn sie irgendwann aus Angst nicht einmal dem Wasserableser öffnen möchte, der gegen ihre Wohnungstür hämmert, geschieht eine schreckliche Verwandlung.

Krankheit zum Tode

Es scheint, als weiche die Schriftstellerin vor der Konfrontation mit ihrem Täter-Großvater aus und verwandele sich stattdessen in ein jüdisches Opfer, das während der NS-Besatzung tatsächlich Angst haben musste, es werde vergiftet, oder von an der Tür hämmernden Gestapo-Schergen verschleppt. Sie internalisiert also jene Täter-Opfer-Umkehr, die Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ beschrieben haben. Judith Hermann wird diese Studie von 1967 während ihres Polen-Aufenthalts studieren.
Sie wird in jene bereits von den Mitscherlichs beschriebene Form der krankhaften Selbstzerfleischung verfallen, die – sehr verkürzt gesagt – nicht die Opfer betrauert, sondern stattdessen den Verlust des eigenen Ich-Ideals, das während der NS-Zeit vom selbsternannten Führer Adolf Hitler verkörpert wurde. Überspitzt könnte man also sagen, dass Judith Hermanns Verhalten ein schauriges Reenactment der frühen bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft ist. Nachdem sie, quasi komplett als Opfer identifiziert, mit dem einzigen Juden Radoms Sabbat gefeiert hat, reist die Schriftstellerin weiter zu einem Literaturfestival im polnischen Krakau, um dort vor einem leeren Zuschauerraum zu lesen.
„Ich fuhr von Krakau aus mit dem Zug nach Wien und ging ins Jüdische Museum, um die Ausstellung ‚Die dritte Generation – der Holocaust im familiären Gedächtnis‘ anzusehen; ich verlor ohne weiteres gleich zu Beginn, vor dem Modelleisenbahnwaggon des Holocaustüberlebenden Uri Ben-Rehav, ein Modell des Waggons, in dem er mit seiner Mutter und seinem Bruder deportiert worden war, die Nerven. Ich verlor sie leise, nur in meinem Kopf.“

Ein urdeutsches Gefühl

Der deutsche Historiker und Politikwissenschaftler Jan Gerber hat im vergangenen Jahr seinen Essay „Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung“ veröffentlicht – und danach in mehreren Auftritten gesagt, der Holocaust sei eigentlich nicht zu begreifen: wofür er in der NZZ von der jüdischen Autorin Zelda Biller kritisiert wurde, denn sie könne sich „sechs Millionen Tote genauso gut vorstellen […] wie einen japanischen Tsunami oder die vollständige Auslöschung Karthagos und dass der Holocaust in all seiner Sinnlosigkeit natürlich trotzdem Sinn ergebe.“
Doch Zelda Biller ist Nachfahrin der Opfer, während Jan Gerber ein Nachfahre der Täter ist – wie Judith Hermann. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist so die Selbstbezichtigung einer Frau, die daran scheitert, ihre eigene Verdrängung anzuschauen. Sie kann nicht richtig hinsehen: und flüchtet in jene heimatliche Traurigkeit, die ihr gesamtes Werk kennzeichnet. Es ist eine vermeidende Traurigkeit, die Hermann nicht nur seit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ von 1998 immer mal wieder öffentlich vorgeworfen wurde, sondern sogar von der eigenen Schwester:
„Sie schrie, es ist nicht immer alles traurig! Das war es, was sie schrie. Sie repetierte das, führte es aus und deklinierte es durch, sie warf mir vor, ausnahmslos alles traurig zu finden, eine Haltung, die sie schlicht nicht mehr ertragen, keine einzige Sekunde lang mehr aushalten könne undsoweiterundsofort, sie steigerte sich rein. Aber mit ihrem ersten Ausruf hatte sie den Stand der Dinge zusammengefasst, und natürlich hatte sie recht.“

Offenlegung eines Tabus

Im zweiten Teil des Buchs wird Judith Hermann ihre Schwester in Neapel besuchen und hier weitere Verdrängungsmechanismen innerhalb ihrer Familie beobachten. In einem sehr kurzen letzten Kapitel wird dann noch einmal die Orientierungslosigkeit und Scham der Elterngeneration poetisiert. Dies geschieht nie konkret, sondern stets in Andeutungen. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist das Protokoll einer fehlgeschlagenen Aufarbeitung, einer selbstbezichtigenden Fassungslosigkeit. Das Buch erzählt permanent von Phänomenen, die „unbegreiflich“ sind, von Amnesien und Dingen „ohne Namen“, vom Nicht-Sehen, Nicht-Verstehen, von einem diffusen „Narrativ ohne Sprache“.
In ihrem Selbstverständnis haben die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik die Verbrechen des Nationalsozialismus bewältigt, also mit Sonntagsreden, Feiertagen und Kranzniederlegungen hinlänglich Schuld abgearbeitet. Nun kommt dieser Text Judith Hermanns, der unsere vermeintliche Bewältigung als Selbsttäuschung entlarvt, eine unstatthafte Melancholie veranschaulicht und auf schmerzhafte Weise das größte Tabu unserer Gesellschaft offenlegt.
Das Hörbuch, gelesen von der Autorin, erscheint am 6. März bei „Der Hörverlag“ (3:57 Std)
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