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Kompressor | Beitrag vom 29.07.2020

Buch über Weinstein und #MeToo Am Anfang war das Gerücht

Laura Backes im Gespräch mit Jana Münkel

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Frauendemonstration in Paris: Im Mittelpunkt des Bildes eine junge Frau mit rotblonden langen Haaren, die eine Faust in die Höhe gereckt hat. Im Hintergrund weitere in die Höhe gereckte Fäuste und Plakate. (imago / Hans Lucas / Karine Pierre)
Nicht mit uns: Die #Metoo-Debatte hat dazu geführt, dass auf der ganzen Welt Frauen - wie hier in Frankreich - gegen sexuelle Belästigung und Diskriminierung auf die Straße gegangen sind. (imago / Hans Lucas / Karine Pierre)

Verdachtsberichterstattung mag anrüchig klingen. Aber ohne sie würde kein Skandal aufgedeckt - und wäre auch keine erfolgreiche #MeToo-Bewegung entstanden. Das zeigt das Buch "#Me Too. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung".

23 Jahre Haft für Harvey Weinstein – das Urteil gegen den Hollywood-Produzenten im Januar 2020 war der vorläufige Höhepunkt der #MeToo-Bewegung, die seit Oktober 2017 überall auf der Welt Frauen gegen sexuelle Belästigung aufstehen lässt.

Ins Rollen gebracht wurde der Weinstein-Skandal unter anderem durch Jodi Kantor und Megan Twohey. Die beiden "New York Times"-Reporterinnen waren die ersten, die den Gerüchten über sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen durch Weinstein nachgingen. Über ihre Recherche haben sie ein Buch geschrieben, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist: "#Me Too - Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung". 

In dem Buch wird deutlich, dass trotz der ungeheuerlichen Vorwürfe gegen Weinstein, die im Raum standen, die Recherche der beiden Journalistinnen alles andere als ein Selbstläufer war. "Wenn man nach Amerika blickt, dann denkt man: Weinstein ist offenbar die Ausgeburt der Hölle, ein ganz schlimmer Mensch, logisch, dass das irgendwann auf den Tisch kam", sagt die Spiegel-Journalistin Laura Backes, die ebenfalls zum Thema sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch recherchiert. Es sei aber nicht so gewesen, dass sich Weinstein-Opfer von sich aus an die Journalistinnen gewandt hätten. Im Gegenteil: "Jodi Kantor hat etwas von Gerüchten gehört und hat sich daran gemacht, herauszufinden, was stimmen könnte, und eher Leute dazu überredet, dass sie überhaupt mit ihr sprechen."

Ohne Gerüchte würden keine Skandale aufgedeckt

Auch in Deutschland habe sie "unendlich viele Gerüchte gehört über Politiker, Wirtschaftsbosse, alles aus der Kulturbranche", sagt Backes. Solche Gerüchte allein rechtfertigten noch keine Berichterstattung. Aber sie seien ein Anlass für Journalisten nachzufragen und zu recherchieren, was davon stimmt. 

So war es auch im Fall der Belästigungsvorwürfe gegen den ehemaligen WDR-Fernsehspielchef Gebhard Henke, der unter anderem durch Backes Recherchen an die Öffentlichkeit kam. "Es gab mehrere Gerüchte", sagt Backes. "Dann haben wir nachgefragt und haben auch gesagt: Wenn Sie jemanden kennen, der was erlebt hat …" Und innerhalb einiger Wochen hätten sich immer mehr Leute gemeldet. "Wir haben Anlass gesehen: Wenn so viele Frauen Vorwürfe erheben, dann ist es gerechtfertigt, darüber zu berichten."

Natürlich sei das Verdachtsberichterstattung, räumt die Journalistin ein. Aber die gebe es im Journalismus immer und überall: "Jeder Fall von aufgedeckter Korruption im Wirtschaftsbereich ist Verdachtsberichterstattung, wenn nicht es ein Urteil gibt. Und da würde man ja auch sagen: Es gibt Hinweise darauf, und deshalb ist es erst mal legitim, darüber zu berichten."

(uko)

Jodi Kantor, Megan Twohey: "#Me Too. Von der ersten Enthüllung zur globalen Bewegung"
Aus dem Englischen von Judith Elze und Katrin Harlass
Tropen-Verlag, Stuttgart 2020
448 Seiten, 18 Euro

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