Erste Bowlingbahn der DDR

Nach 50 Jahren droht das Aus

23:44 Minuten
Im Vordergrund ist ein Halter für Bowlingkugeln, weiter hinten ein etwas in die Jahre gekommenes Bowlingcenter mit Bahnen und Punktezählern.
Vom Glamour vergangener Jahre ist nicht mehr viel geblieben: das Bowlingcenter am Alexanderplatz. © Ernst-Ludwig von Aster
Von Ernst-Ludwig von Aster · 05.12.2021
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Ob Henry Maske oder Richard von Weizsäcker, in der Bowlingbahn am Alexanderplatz waren sie alle schon mal. Sie war die erste in der DDR, hat die Wende und die Westkonkurrenz überlebt und droht jetzt doch zu scheitern - an Corona.
Berlin-Alexanderplatz. Ein Riesenrad dreht sich neben dem Neptunbrunnen. Vom Weihnachtsmarkt wabert Glühweinduft Richtung Rathauspassagen. Es ist nachmittags, kurz vor vier.
Zwischen der Bar Cancun und dem Ristorante Piazza Rossa wirbt die Bowlingbahn mit einem überdimensionalen Pin. Am Eingang hängt ein DIN A 4 Zettel: "Im Bowlingcenter gilt momentan die 2-G-Regel" steht da. Die Inzidenz liegt über 400.
Nur vier der 18 Bahnen im Untergeschoss sind belegt. Vor allem Rentnergruppen spielen hier heute Nachmittag.
"Wir haben auch so zwei alte Damengruppen, die waren auch schon ein paarmal da, die sind auch noch alle dabei gewesen, die kommen auch regelmäßig wieder. Und die haben sich auch gefreut, dass wir aufmachen, die haben natürlich auch gefragt, bleibt es denn jetzt so, wie geht es denn weiter", sagt Manfred Golombek.

Das letzte Weihnachtsfest

Golombek sitzt am runden Tisch vor einem großen Wandrelief. Vor sich einen Espresso. 1976 kam er das erste Mal hierher. Zur Arbeit als Kellner, bei der ersten Bowlingbahn der DDR. Seit 1991 ist Golombek ihr Chef.
Letzte Woche hat er einen Weihnachtsbaum bestellt. Wie immer in den letzten 30 Jahren. Doch dieses Mal ist alles anders. Nicht nur wegen Corona. Manfred Golombek weiß, dass dies für ihn das letzte Weihnachtsfest auf seiner Bowlingbahn sein wird.
"Der November ist gerannt wie verrückt, jetzt nur noch Dezember und dann beginnt das Jahr wo es zu Ende sein soll, es ist komisch. Nicht, dass ich jetzt sentimental werde, aber der Gedanke 'Was ist in einem Jahr? Dann bist Du nicht mehr hier', der ist schon da", sagt Golombek. 
Sein Mietvertrag wird nicht mehr verlängert. Golombek schüttelt den Kopf. Hinter ihm, an der Wand, zieht sich ein großes Relief entlang. Der Lauf einer Bowlingkugel im Großformat.
In jeder Kugel ist ein Stück Volkssportgeschichte abgebildet: Für das Jahr 1815 Schlittschuhläuferinnen. Da eröffnete die erste Eisbahn in Berlin. 1881 ein Hochradfahrer. Da fand das erste Radrennen statt.

Aus der Geschichte getilgt

Prominent in der Mitte: Eine Kugel mit der Jahreszahl 1970. Darauf versammeln sich etliche Sportarten. Nebst Friedenstaube. In der Mitte der Kugel sind die Namen von DDR-Sportlern eingraviert.
"Täve Schur, ich lese da gerade Eckstein, war glaube ich auch ein Radfahrer. Gabi Seiffert, wen haben wir denn noch, ein Riedel, der jetzige Riedel ist das, glaube ich, nicht. Und darunter war jemand, der ist geflüchtet", sagt Golombek.
Und darum wurde der Name fein säuberlich heraus gemeißelt aus der Sportgeschichte im Bowling-Relief. 
1971 wollte die DDR hier am Alexanderplatz Aufgeschlossenheit demonstrieren. Sie suchte Internationale Anerkennung. Dafür schickte sie ihre Athleten zu Bowlingwettbewerben, intern plante sie kapitalistisches Kegeln fürs Volk. Die Bowlingbahnen wurden aus den USA importiert.
"Und wenn ich dann mal überlege: ich habe mir eben nochmal die Bilder angeguckt, diese erste Anlage war eine AFM-Anlage, eine hochautomatische. Und als dann keine Valuten mehr kamen oder die Valuten für was Anderes gebraucht wurden, wurde umgerüstet auf einen Strippenautomat. Ich meine, hat auch funktioniert", sagt Golombek.

Mit der Bonzenschleuder zur Bowlingbahn

Zur Eröffnung 1971 gibt der Rundfunk der DDR eine Komposition in Auftrag. Titel: "Bowlingzentrum". Die 18 Bahnen am Alex werden schnell zum Sehnsuchtsort für viele in der Republik. Nicht allzu weit entfernt, aber doch fast immer unerreichbar.
"Nur Beziehungen waren wichtig, um hier reinzukommen. Die Frau Waldau, die hier damals die Chefin war, die hat über einen Herren die Beziehungen hergestellt. Wir sind dann ein, zweimal im Jahr mit der sogenannten Bonzenschleuder, das war der D-Zug der von Saalfeld kam und nach Berlin gefahren ist, früh um sechs losgefahren, waren hier um hab zwölf, haben hier gespielt bis zum geht nicht mehr. Und dann wieder um 17 Uhr in Lichtenberg losgefahren. Ohne was zu essen, nur um hier mal spielen zu können", erinnert sich ein alter Stammgast. Und zeigt ein Foto.
"So sah ich mal aus 1972, das war ein Hemd, das habe ich von meiner Nazi-Oma aus München gekriegt. Die Bowlingbahn wurde ja schon 1971 eingeweiht. Da haben wir uns damals schon gewundert als DDR-Bürger, dass wir sowas Gutes kriegen. Das war für uns etwas völlig Neues. Die erste Bowling Bahn in Berlin überhaupt", erzählt er.
Und auf der hatte Ruth Waldau als Chefin das Sagen. Die ehemalige DDR-Bowlingmeisterin ist heute 89 Jahre alt.
"Das war Vergnügen hier, das war kein Sport. Und wissen sie, wie ich mit mir zu kämpfen hatte, wenn ich gesehen habe, wie die Leute auf die halbe Bahn gerannt sind. Oder wie sie die Kugel sonst wohin geschmissen haben. Mir hat es immer in der Seele weh getan", sagt Waldau.
1970er-Jahre. Eine Frau lässt eine Bowlingkugel rollen, während neben der Bahn jugendliche in zeittypischen Klamotten begeistert zugucken.
Bowlingmeisterin Ruth Waldau macht Werbung für das Center auf einem Plakat von 1972.© Ernst-Ludwig von Aster
Der Schmerz der Profispielerin ist gleichzeitig der Spaß der Amateure. Seit 50 Jahren Bowling, ob sozialistisch oder kapitalistisch, die Kugeln rollten am Alex. Doch dann kam Corona.

Corona bestimmt das Spiel

Rückblende: Ende März 2021. Ein kühler Wind weht über den Alexanderplatz. Es ist ruhig zwischen Fernsehturm und Rathauspassagen. Keine Touristen, kaum Passanten. Restaurants und Geschäfte sind geschlossen. Deutschland ist im Lockdown, die Inzidenz liegt bei 119.
Manfred Golombek öffnet die große Eingangstür. Geht an den alten Fotos im Vorraum vorbei: Abschlussfeier "Sportler des Jahres 1971", 1972, 1975. Der Besuch der ungarischen Musikgruppe Omega. 
"Bitteschön", sagt Golombek und lacht, "wir haben hier die Kette noch, weil hier oben der Laden noch auf hatte". Der Mittsechziger geht leicht in die Knie und duckt sich unter einer rot-weißen Absperrkette hindurch. 20 Stufen führen nach unten zum Bowling-Center.
"Also wir haben seit 2.11. wieder zu, in der schönste Spielzeit. Und trotzdem jeden Monat Miete zahlen, das geht einfach nicht", sagt Golombek.
Die Miete kostet 20.000 Euro pro Monat. Das Weihnachtsgeschäft ist ausgefallen, es gab keine Einnahmen in den letzten Monaten. Golombeks Bowlingbahn ist seit einem Jahr mehr geschlossen, als geöffnet.

2000 Quadratmeter und 300 Schuhe

Ein Druck auf den Lichtschalter. 2000 Quadratmeter Fläche tauchen im Halbdunkel auf. Links warten mehr als 300 Paar Schuhe in den Regalen. Dahinter 18 Bowlingbahnen. Rechts eine verwaiste Theke und leere Tische.
"Ich achte darauf, dass die Spülungen bei den Toiletten und Küchen sich nicht verfetten. Das soll man ja machen. Mache ich jede Woche 2-3 mal. Ich habe schon einen richtigen Rhythmus drin. Überall wird gespült, die WCs, die FES, die Fußbodenentwässerungen. Damit das alles weiter funktioniert. Ich gucke nach dem Rechten", sagt Golombek.
Er holt eine Cola aus dem Kasten, sucht hinter der Bar nach einem Flaschenöffner und setzt sich an einen Tisch. 1991 übernimmt er die Bowling-Bahn. Er investiert und modernisiert. 
Obwohl die Konkurrenz aus dem Westen nach Ost-Berlin drängt. Erst eröffnet eine Bahn im nahegelegenen Einkaufszentrum Alexa, später eine in der Mercedes-Welt im Nachbarbezirk.
Die neuen Bahnen werben mit Lounge-Feeling, Bowls und Burgern. Golombek bietet Soljanka, Schnitzel und auf Bestellung frisch gemachtes Hackepeter. Eigentlich wollte er dieses Jahr groß feiern, 50 Jahre Bowling am Alexanderplatz. 
"Jubiläumsjahr. Aber man muss sehen, ich meine, wer ist schon 50 Jahre irgendwo an einem Ort, was die Gastronomie betrifft", sagt Golombek.
Golombek wischt sich eine Träne aus dem Auge und atmet durch. Er will durchhalten. In den letzten Monaten bekam er finanzielle Unterstützung aus dem staatlichen Corona-Fonds. Auch die Miete wurde von der Wohnungsbaugesellschaft gestundet.
"Man hat keine Ruhe. Wenn man irgendwo alleine sitzt, der Gedanke ist immer da", sagt Golombek. Er schüttelt den Kopf. Nein, er will nicht aufgeben. Und das Jubiläum kann er auch später feiern.

3G für drei Generationen

Zwei Monate später, Ende Mai, rollen die Kugeln wieder. Vorne am Eingangs-Tresen ist die 3G-Kontrolle, erst dann geht es weiter. Unten auf den Bahnen, mahnen Schilder zum Abstandhalten. Jede zweite Bahn muss frei bleiben.
Manfred Golombek sitzt wieder vor dem alten Bowling-Relief und beobachtet die Handvoll Gäste.  
"Seit Mitte Mai haben wir wieder auf. Unter beschränkten Bedingungen, das heißt, wir müssen bei den Spielern Abstand einhalten. Wir müssen kontrollieren, ob die drei Gs vorliegen. Ich habe Ruhetage eingeführt, weil es auch Probleme mit dem Personal gibt. Ein Koch oder eine Bedienung zu finden ist im Augenblick sehr schwer, es sind viele in eine andere Berufsgruppe gegangen", sagt er.
Und eigentlich würde ein Koch im Augenblick noch gar nicht lohnen. Das Wetter ist zu schön, da sitzen viele lieber draußen und nicht unter der Erde im Bowlingcenter.
Hinter dem Tresen sorgt Isa Hoese für Getränkenachschub, wie seit 34 Jahren Jahren. "Es ist ein Traditionshaus, jedenfalls für alle Ostberliner. Für die neue Generation sind wir old school aber ich sage immer, 'Wir sind antik'", lacht sie. Aber ob old school oder antik: Hauptsache die Gäste kommen.
"Unsere alten Stammgäste, die dünnen sich aus. Wir haben von den damals jüngeren Gästen, die heute Großeltern sind, haben wir die Kinder aufwachsen sehen. Und sehen jetzt die Enkelkinder", sagt Hoese.
Drei Generationen bowlen mittlerweile hier, da gibt es viel zu erzählen. Vor allem aus der Anfangszeit der Bowling-Bewegung. Als Ruth Waldau hier noch die Bahnvergabe koordinierte: "Sie hatte ja die ganze Organisation der Bahnbelegung unter sich. Zweimal im Jahr kam säckeweise Post aus der ganzen Republik an. Und dann mussten die Bahnen koordiniert werden, damit alle was davon haben", erzählt Hoese.

Kugeln aus Kartoffelkraut

Für die erste Chefin Ruth Waldau ist der Beginn am Alex das Ende ihrer Sportlerkarriere. Seit 1959 ermittelte die DDR ihre Bowling Meister und Meisterinnen im Vereinssport. Ruth Waldau trat für den SC Einheit Dresden an.
"Unsere Kugeln waren aus gepresstem Kartoffelkraut. Wir hatten doch nix in der DDR. Die Kugel hatte keinen Schwerpunkt. Wenn da die Fingerlöcher rausgebohrt waren, dann lief die unrund. Damit mussten wir klarkommen und unsere Kugel so ansetzen, dass sie dahin lief, wo wir sie hinhaben wollten", erzählt Waldau.
Ruth Waldau hatte den Schwung raus: "1965 habe ich den deutschen Meister gemacht. Hinterher sind wir nach England gefahren mit der Nationalmannschaft DDR."
Das war ihre erste Reise ins westliche Ausland, dem Bowling sei Dank. Allerdings rollten bei der Europameisterschaft keine Kartoffelkraut-Kugeln über die Bahn, sondern  westliche Hardplastik-Modelle.  
Aber damit kann ihr Team kaum punkten. Immerhin erbowlt sich die Männermannschaft die Silbermedaille. Das DDR-Frauen-Team macht trotzdem Schlagzeilen, als emanzipierte Modebewegung.

"Das war die große Sensation, DDR in kurzen Hosen. Alle kamen in Röcken. Wir wussten nix davon, dass alle in Röcken angetreten sind, das war natürlich eine Sensation. Wir Frauen sind fotografiert worden von allen Ecken und Enden", erzählt Waldau.
Während Bowling als Sportart in der DDR gerade erst richtig in Schwung kommt, bremst die Politik die Athleten aus. Allen nichtolympischen Disziplinen wird die staatliche Förderung gestrichen. Am Alex aber wird in die erste Bowlingbahn investiert.

Das letzte Angebot

Ende Juni 2021. Die Sonne scheint. Auf den Terrassen vor den Restaurants am Alex ist kaum noch ein Platz frei. Unten, auf der Bowlingbahn rollen die Kugeln. Vor kurzem hatte Manfred Golombek einen Termin, bei seiner Vermieterin von einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft. 
"Ich hatte mit meinem Anwalt ein sachliches Gespräch mit den Verantwortlichen. Man hat die Corona-Zeit im Vordergrund gesehen und hat gesagt, dass man ein Jahr verlängert. Mein Wunsch war, dass ich dann weitermachen möchte. Da hat man mich aber in einer netten Art und Weise darauf hingewiesen, dass ich keine 30 mehr bin. Ob ich mir das antun würde", sagt Golombek.
Er zuckt mit den Schultern. Die Wohnungsbaugesellschaft ließ ihm keine Wahl. Einen neuen, langfristigen Vertrag wird es nicht geben. Im Mai 2022 ist für ihn endgültig Feierabend.
Neulich erst war ein junger Mann zur Besichtigung hier, sagt er. Zusammen mit einer Frau von der Immobiliengesellschaft. Er interessierte sich für die Räume, aber nicht fürs Bowling.
"Nun habe ich gebeten, ob ich jemanden suchen könnte, der das Haus übernimmt. Der das Bowlingcenter weiterführt, modernisiert und verändert. Was ich in den letzten Jahren nicht machen konnte", sagt Golombek.
Die Feiern zum 50-jährigen Jubiläum hat er erst einmal ad acta gelegt. Jetzt geht es vor allem um den Weiterbestand der Bowlingbahn. Und um die Arbeitsplätze der Mitarbeiter.

Endspurt am Alex

Einige Wochen später, Ende September, drängen sich gut 20 Personen vor dem Einlass-Tresen zur Bowling-Bahn.
Eine Bahn für eine Stunde, dafür müssen die fünf Bowlingfreunde 20 Minuten warten. Sie gehen an der Theke vorbei, nicken Isa Hoese kurz zu, setzen sich an einen Tisch vor dem Wandrelief.
"Ich kenne die Bowlingbahn seitdem sie offen ist. Ich kenne sogar einige der Techniker. Und ich kenne auch die Chefin", erzählt eine Frau, die sich als Maria vorstellt. Zweimal im Jahr kommt sie mit ihrem Mann hierher. Heute ist Besuch dabei, der Sohn vom alten Techniker mit seiner Frau. Und Marias Tochter.
In seinem kleinen Büro geht Manfred Golombek zum Eckschrank, greift in die untere Ablage und zieht einen schweren DIN-A 2 Karton hervor. Er sucht immer noch einen Betreiber für die Bowlingbahn. Es gibt Gespräche, sagt er.

"Sehen Sie, das ist wirklich das Originalbuch von 1971. Das Bowlingcenter hieß Bowlingzentrum", sagt Golombek. Er greift zur Lesebrille, öffnet den Pappkarton. Bunte Wimpel kommen zum Vorschein, beschriftet mit Bowlingzentrum, HO Gaststättenbetrieb, Berlin, Hauptstadt der DDR.
Ein Wimpel mit der Aufschrift "Bowlingzentrum, HO Gaststättenbetrieb, Berlin, Hauptstadt der DDR".
Erinnerungen aus der Glanzzeit der Bowlingbahn.© Ernst-Ludwig von Aster
Darunter ein kleines Heft in gelb-schwarz. Die sozialistische Bowling-Fibel. "Da ist hier die Begrüßung und was ein "strike" ist, was ein "split" ist, was ein "foul" ist, wie man es einträgt, wie man es zählt", Golombek blättert weiter, "Der neue Volkssport aus Übersee, Schritt für Schritt erklärt. US-amerikanische Fachbegriffe inklusive."
Manfred Golombek schüttelt amüsiert den Kopf. Greift dann zu einer Speisekarte in Kegelform: "Das ist eine der ersten Speisekarten, ja, aber die Preise, es gab Milch, ein Glas Milch, kalt oder warm, 29 Pfennig, Soljanka 2 Ostmark, Apfelsaft 70 Pfenning".
Ganz unten liegt das goldene Buch. Es ist schwer und gebunden. Golombek schiebt die Brille zurecht und beginnt zu blättern.
"Dann haben wir Henri Maske. Er muss hier irgendwo drauf sein. Wann war das? 1987, da ist er dann bekannt geworden", sagt Golombek.
Es finden sich russische Delegationen, Sportreporter und Schauspieler, eine bunte Mischung. "Auch ein Amateur wie ich hat hier viel Spaß", schreibt Richard von Weizäcker im April 2005. Golombek erinnert sich vor allem an seine eleganten italienischen Schuhe.
Eine Buchseite mit der Aufschrift "Auch ein Amateur wie ich hat hier viel Spaß. Richard von Weizsäcker, 2005"
Richard von Weizsäckers Eintrag im goldenen Buch von 2005. © Ernst-Ludwig von Aster
"Wen haben wir denn hier noch? Celine Dion. Die war, die hat ja drei oder vier Kinder, ganz freundlich, ganz nett, ganz wunderbar und die war mehrere Tage da", sagt Golombek.
Auf Bahn 6 ist Maria an der Reihe. Der Arm schmerzt ein wenig. Trotzdem spielt sie weiter. Alle sind aus der Übung. Noch steht kein Strike auf der Anzeigentafel. Die Tochter führt.
Ein Pin bleibt stehen. Gerade haben sie gehört, dass hier vielleicht bald endgültig Feierabend ist.
"Wenn die Bowlingbahn weg ist, das wäre schlecht. Das wäre echt eine harte Nummer, wenn das wegfällt. Gut, wir haben noch die Bahn im Alexa. Aber das ist eine Preiskategorie, die will man nicht haben. Muss man nicht haben", sagt Maria.

Die Stornierungen kommen

Vorweihnachtszeit am Alex. Auf der Bowlingbahn rollen die Kugeln. Hinter dem Tresen zapft Isa Hoese Bier. Die Mittfünfzigerin sieht ein wenig müde aus: "Wir wollen uns das nicht vorstellen. Wir hoffen, dass es da eine vernünftige Lösung gibt, ich meine 50 Jahre vor Ort, das erste Bowlingcenter überhaupt zu DDR-Zeiten. Wir haben diverse Bowlingcenter des Westteils nach der Wende überlebt", sagt sie.
Manfred Golombek wartet wieder am runden Tisch vor dem Wandrelief. Die letzten Monate gab es für die Gäste nur Soljanka und Bockwurst. Das soll sich jetzt ändern. "Wir haben entschieden eine kleine Karte zu machen, aber keine Weihnachtskarte. Da gibt es eine Kürbiscreme-Suppe geben wird, dann gibt es ein Schnitzel, ein vegetarisches Gericht. Ein Dessert, so Weihnachtsstern mit Eis", sagt Golombek.
In den letzten Wochen sind viele Buchungen für Weihnachtsfeiern eingegangen, sagt Golombek. Die Freitage waren als erstes ausgebucht.
"Seit fünf Tagen kommen die Stornierungen von Firmen, die das sehr bedauern, aber die Chefs erlauben nicht, dass so große gemeinsame Feiern veranstaltet werden, da müssen sie stornieren. Die Anzahlung sollen wir zurück schicken. Was ich natürlich mache", erzählt Golombek.
Er blickt über die Bahnen und schüttelt den Kopf. Vielleicht finde ich noch einen Interessenten, sagt Manfred Golombek. Und die Wohnungsbaugesellschaft Mitte akzeptiert den als Nachmieter. Ihm bleibt noch knapp ein halbes Jahr. Neben 50 Jahren Bowlinggeschichte.

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