Mentale Gesundheit im Sport

Die Angst um die Heldenhaftigkeit

23:43 Minuten
Die Japanerin Naomi Osaka läßt Ihren Schläger frustriert fallen beim Match gegen die Kanadierin Leylah Fernandez in der dritten Runde des Dameneinzels bei den US Open auf dem Billie Jean King National Tennis Center am 03. September 2021 in New York City.
Die Japanerin Naomi Osaka ist 24 Jahre alt, vierfache Grand-Slam-Siegerin, und war mit 21 Jahren Nummer eins der Weltrangliste. In einem Tweet erklärte sie, dass sie seit ihrem US-Open-Sieg 2018 mit Depressionen zu kämpfen habe. © Getty Images / TPN
Von Jutta Heeß · 28.11.2021
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Die Tennisspielerin Naomi Osaka und die Turnerin Simone Biles haben öffentlich erklärt, dass der enorme Leistungsdruck sie stark belaste. Seelische Gesundheit rückt im Spitzensport mehr ins Blickfeld. Doch wie viel Platz gibt es fürs Mentale?
In der Schwimm- und Sprunghalle im Europapark in Berlin ziehen am frühen Morgen junge Schwimmerinnen und Schwimmer des Bundesstützpunktes ihre Bahnen. Trainer Lasse Frank steht am Beckenrand. Unter seinen Schützlingen ist auch der 24-jährige Ole Braunschweig. Der Berliner ist deutscher Meister über 50 und 100 Meter Rücken und war bei den Olympischen Spielen in Tokio dabei.
Vor den Spielen hatte der junge Sportler „viele Baustellen“, wie er im Gespräch nach dem Training erzählt: ein Kreuzbandriss im Jahr 2019, im Folgejahr Pfeiffersches Drüsenfieber, dann eine Corona-Infektion. Und trotz der Rückschläge hatte er sein Ziel – die Qualifikation für Olympia – fest im Blick. Keine einfache Situation, gibt er zu.
Er habe in der Olympia-Vorbereitung gemerkt, dass man versuchen muss, ruhig zu bleiben, auch wenn man mal in einer Serie nicht so schnelle Zeiten schwimmt. „Das ist echt schwer, wenn man sich selber den Druck macht: Du hast jetzt so lange trainiert und jetzt gibt jetzt die Möglichkeit, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Im Blick auf die nicht so guten Zeiten frage man sich dann: „Woran kann das liegen? Was ist der Auslöser dafür? Und so weiter.“

Überforderung bei Olympia

Auch die Olympischen Spiele selbst haben den Schwimmer ziemlich gefordert, wenn nicht sogar überfordert. Das Olympische Dorf, die vielen Stars, die hohen Erwartungen – ganz schön viel für einen jungen Athleten.
Vor allem am Anfang prasselten die Eindrücke auf einen ein und nur wenige schafften es, das komplett auszublenden. „Dann an den Start zu gehen und zu sagen, okay, alles egal, jetzt geht's ab …“ Er habe im Olympischen Dorf viel über alle möglichen Sachen nachgedacht. Zum Beispiel: „Wenn man denkt, man ist jetzt bei den Olympischen Spielen, dem größten Wettkampf überhaupt. Da schaffen es vielleicht fünf Prozent aller Sportler jemals hin.“ Und trotzdem fühle man sich ziemlich klein klein zwischen den ganzen Top Namen.“
Eine ähnliche Erfahrung hat die Schwimmerin und Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen bei ihren ersten Spielen im Jahr 2000 in Sydney gemacht. Sie arbeitet heute als Laufbahn-Beraterin am Olympiastützpunkt in Berlin.
„Ich hab mich dann tatsächlich auch als 16-Jährige als eine der Jüngeren im Team qualifiziert, bin zu den Spielen gefahren und war mental komplett überfordert mit dieser Dimension, mit diesen absoluten Superstars.“ Denn in ihrem Umfeld sei es schon grandios gewesen, überhaupt zu Olympia fahren zu dürfen. "Aber wenn man dann da hinkommt, ist man halt das kleinste Licht auf der Torte.“

Mit Gesprächen zurück auf die Erfolgsspur

Sie habe sich sehr unsicher und nicht gut abgeholt gefühlt. „Ich hätte mir gewünscht, dass einfach jemand mal kurz die Hand hält und drückt und sagt, ich bin zuversichtlich, dass du das schaffst – und wenn du es nicht schaffst, können wir später drüber sprechen und du bis trotzdem noch ein wertvoller Mensch. Denn ich war ganz lange in der Annahme, dass ich nur so wertvoll bin wie die Leistung, die ich bringe.“
Leistungsdruck, Selbstzweifel, abwertende Kommentare von Journalisten – nach einer zweiten Olympiateilnahme ohne Medaille 2004 in Athen, beschloss Britta Steffen ihre Schwimmkarriere zu beenden und ein Studium zu beginnen. Erst intensive Gespräche mit einer Psychologin brachten Britta Steffen zurück zum Sport – und endlich auf die Erfolgsspur. Bei den Olympischen Spielen 2008 holte sie vier Gold- und eine Silbermedaille.
„Für mich war das ein Geschenk, an Dr. Friederike Janofske zu geraten, die so klug und so besonnen und so wenig vom Sport versteht, in Anführungszeichen, dass die genau die Richtige war“, sagt Britta Steffen heute. „Für mich war damals die Sport-Mental-Richtung nicht die richtige, sondern ich brauchte tatsächlich jemanden, der fragt: Was kannst du noch, was interessiert dich noch? Wer bist du noch? Was macht dich stark? Wir bestehen aus dem Kopf und dem Körper und beides muss trainiert werden und beides muss entwickelt werden.“

Bevor es zu größeren Problemen kommt

Auch Ole Braunschweig weiß, wie wichtig es für einen Spitzenathleten ist, sich nicht nur um den Körper, sondern auch um den Geist zu kümmern. Anders als Britta Steffen, die aus einer Krise heraus die psychologische Beratung in Anspruch nahm, nutzt er bereits als junger Sportler das Angebot der mentalen Unterstützung. Am Olympiastützpunkt in Berlin spricht er regelmäßig mit Sportpsychologin Monika Liesenfeld.
Ole Braunschweig während des 100-Meter-Rückenschwimmens der Männer in Lauf 3 im Tokyo Aquatics Centre am zweiten Tag der Olympischen Spiele 2021 in Japan.
Ole Braunschweig während des 100-Meter-Rückenschwimmens der Männer in Lauf 3 im Tokyo Aquatics Centre am zweiten Tag der Olympischen Spiele 2021.© picture alliance /PA Wire / empics / Adam Davy
„Ich muss ehrlich sagen, mir hilft das echt gut.“ Denn als Sportler habe man den Sport zu managen, das Studium – bei ihm komme noch die Bundeswehr dazu und natürlich Privates. „Man möchte ja nicht immer mit den engsten Personen oder so darüber reden, weil es manchmal auch sie betrifft.“ Und da sei jemand, der so neutral an die Sache rangeht, wirklich gut.
Die mentalen Probleme von Leistungssportlern sind vielfältig und individuell: Nervosität vor Wettkämpfen, Ängste vor Niederlagen oder Verletzungen, aber auch Konzentrations- und Schlafprobleme, private Sorgen, Zukunftsängste und vieles mehr. Sportpsychologen versuchen in Gesprächen Strategien zum Umgang mit diesen Belastungen zu finden. Falls sie gravierende psychische Auffälligkeiten feststellen, überweisen sie an die Psychotherapie. Insgesamt sind es immer individuelle Vorgehensweisen, mit denen Sportlerinnen und Sportler mental gestärkt werden sollen – bestenfalls bevor es zu größeren Problemen kommt.

Naomi Osaka machte Depressionen öffentlich

Kraftvoll, selbstbewusst, leistungsstark – so werden erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler gerne gesehen, und so sehen sie sich selbst am liebsten. Schwäche zeigen hilft nur dem Gegner. Das Idealbild vom siegreichen und nervenstarken Athleten bekommt jedoch Risse – vor allem seit diesem Jahr. Gleich zwei Spitzenathletinnen haben öffentlich zugegeben, dass sie der enorme Leistungsdruck stark belaste – die Tennisspielerin Naomi Osaka und die Turnerin Simone Biles.
Die Japanerin Naomi Osaka ist 24 Jahre alt, vierfache Grand-Slam-Siegerin, und war mit 21 Jahren Nummer eins der Weltrangliste. Naomi Osaka ist ein Superstar, auf und neben dem Tennis-Court. Sie engagiert sich gegen Rassismus und war auf dem Cover der japanischen „Vogue“.
Im Mai 2021 gab sie bekannt, dass sie während der French Open nicht an den Pressekonferenzen teilnehmen wird, da sie diese als enorm belastend empfinde. Sie wurde mit einer Geldstrafe belegt, woraufhin sie das Turnier abbrach und abreiste. In einem Tweet erklärte sie, dass sie seit ihrem US-Open-Sieg 2018 mit Depressionen zu kämpfen habe.
Brit Wilsdorf ist eine der beiden Psychologinnen am Berliner Olympiastützpunkt und hat das Bekenntnis Osakas und die darauffolgende Debatte verfolgt. „Den Mut zu haben – und finde ich auch ein Zeichen, ein Statement, psychische Gesundheit wichtiger zu nehmen und zu zeigen, dass nicht nur Bänder und Sehnen unter Druck reißen können, sondern dass das auch was mit der Seele macht, wenn der Druck zu viel wird.“ Das mache auch anderen Sportlern Mut. Aber es sei prekär, dass bei Osaka darauf ein Shitstorm folgte. Brit Wilsdorf und ihre Kollegin Monika Liesenfeld begrüßen es, dass im Sportjahr 2021 viel über die mentale Gesundheit von Athletinnen und Athleten gesprochen wurde.

Simone Biles' Rückzug in Tokio

Neben Osaka gestand auch die Turnerin Simone Biles psychische Probleme ein: Sie zog sich bei den Olympischen Spielen in Tokio aus dem Team-Wettbewerb zurück, da sie sich unsicher in der Ausübung ihrer Sprünge fühlte. „Am Morgen nach der Quali passierte es zum ersten Mal, bei einer Sprungkombination im Bodenturnen, ich hatte einfach kein Gefühl in der Luft, wo ich mich befand“, sagte sie damals.
Simone Biles vom Team United States beim Finale am Schwebebalken der Olympischen Spiele 2020 in Tokio im Ariake Gymnastics Centre am 03. August 2021.
Auch die Turnerin Simone Biles gestand psychische Probleme ein: Sie zog sich bei den Olympischen Spielen in Tokio aus dem Team-Wettbewerb zurück, da sie sich unsicher in der Ausübung ihrer Sprünge fühlte. „Am Morgen nach der Quali passierte es zum ersten Mal, bei einer Sprungkombination im Bodenturnen, ich hatte einfach kein Gefühl in der Luft, wo ich mich befand“, sagte sie damals. © Getty Images / Laurence Griffiths
Zu viel Druck und zu viele Erwartungen lasteten auf Biles, zu groß war ihre Angst, die gefährlichen Sprünge nicht sauber stehen zu können. Und über allem schwebte natürlich immer noch die Missbrauchserfahrung durch ihren ehemaligen Mannschaftsarzt.
Sportpsychologin Brit Wilsdorf sagt: „Es wurde in vielen Medienberichten ja auch geschrieben, dass sie mit diesem Schritt ein viel größeres Erbe hinterlässt, als sie es mit jeder Medaille hätte tun können.“ Als eine Frau im Sport, die für sich einstehe und auf sich achte, auch gegen mögliche Medaillenvorgaben oder ähnliches. „Sie hat ja auch gesagt, was ich total schön fand, manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um danach einen Sprung nach vorne machen zu können.“ Dieses Selbstverständnis, dass es auch dazugehört, auf seine Psyche zu achten, genauso wie man auf den Körper achtet, sei ein riesiger Anschub gewesen – und ein Zeichen für Selbstbestimmung, Selbstfürsorge.
Mentale Gesundheit, Psyche und Achtsamkeit, Selbstbestimmung und Selbstfürsorge – diese Begriffe haben Einzug in die Sportwelt gehalten. Vor allem in den vergangenen beiden Jahren, die extrem von der Corona-Pandemie und zahlreichen Wettbewerbsverschiebungen und –ausfällen geprägt waren.

Erste Debatte nach Tod Robert Enkes

Neben Osaka und Biles sprachen auch der österreichische Fußballer Martin Hinteregger, der deutsche Radsportler Marcel Kittel und die Schwimm-Olympiasiegerin Kate Campbell über Depressionen. In einer TV-Dokumentation beschreibt der amerikanische Tennisspieler Mardy Fish eindrücklich seinen Kampf gegen eine Angststörung. Vereinzelt haben sich auch in der Vergangenheit schon Sportlerinnen und Sportler wie Michael Phelps, Lindsay Vonn, Sven Hannawald und Sebastian Deisler zu ihren psychischen Problemen bekannt. Der Suizid von Torhüter Robert Enke im Jahr 2009 hatte zum ersten Mal eine heftige Debatte über psychische Belastungen und Erkrankungen von Sportlern aufflammen lassen.
Dass der knallharte, auf Erfolg und Medaillen getrimmte und oft gut bezahlte Spitzensport auch mentale Belastungen mit sich bringt, verwundert nicht. Die Bereitschaft, darüber zu reden – noch während der aktiven Karriere – vielleicht schon. Ist hier eine neue Offenheit zu beobachten? Die Psychologin Monika Liesenfeld, würde nicht ganz so weit gehen.
„Ich glaube, da ist immer noch ganz, ganz viel Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten, gerade im System, also bei Trainern, bei Funktionären, bei Verbänden. Aber ich glaube, die Tür ist einen kleinen Spalt weit offen.“

Kein Appetit durch Leistungsdruck

In der Lilli-Henoch-Sporthalle in Berlin trainiert der Handball-Nachwuchs der Berliner Füchse. Der Bundesliga- und Nationalspieler Paul Drux hat gerade im Kraftraum geackert und kommt zum Interview in das Foyer der Halle. Der 26-Jährige musste sich zwei Wochen zuvor einer Knieoperation unterziehen und ist im Aufbautraining; rund zwei bis drei Wochen muss er noch pausieren. Erfahrungen mit Verletzungen hat Paul Drux reichlich – und doch ist es jedes Mal wieder eine angespannte Situation für den Sportler:
„Wenn man in so einer Verletzungsphase ist und unbedingt wieder dabei sein will, hat man sicherlich auch die ein oder anderen Tage, wo man vielleicht auch mehr macht, als es gesund wäre – und sich selbst den Druck macht, dass man wieder dabei sein will.“
Gerade im Spitzenhandball sind die Anforderungen an die Athleten hoch – viele Spiele in immer kürzeren Abständen bergen große Verletzungsgefahren und enorme mentale Herausforderungen. Paul Drux bezeichnet sich selbst als psychisch stabil, schlaflose Nächte habe er keine wegen des Handballs. Doch auch er hat bereits zu Beginn seiner Karriere die Hilfe des Sportpsychologen Markus Flemming, eines ehemaligen Eishockeytorwarts, in Anspruch genommen.
„Ich habe mit Markus, als ich vielleicht 16 oder 17 war, zusammengearbeitet, weil ich extrem wenig gegessen habe.“ Durch den sportlichen Druck habe er keinen Appetit gehabt, erzählt Drux. „Mir hat es extrem geholfen, mit einem Externen, der eigentlich mit dem Verein überhaupt nichts zu tun hat, und auch aus einer anderen Sportart kommt, einfach zu sprechen. Wir haben teilweise gar nicht über das Problem gesprochen, sondern darüber, wie es so läuft und wie die Abläufe sind.“

Umdenken beginnt langsam

Paul Drux hat damals sein Problem in den Griff bekommen, dank seiner Offenheit und einer guten Struktur in seinem Umfeld. Gerade Essstörungen sind im Leistungssport keine Seltenheit, und sie können sich – wie andere mentale Probleme auch – hin zu einer psychischen Erkrankung entwickeln. Auf der anderen Seite ist zum Beispiel ein Formtief mit einhergehenden Stimmungsschwankungen nicht gleich ein Anzeichen für eine Depression.
Mentale Belastung und psychiatrische Erkrankung – das muss man auch im Sport deutlich unterscheiden, aber zugleich immer wieder im Blick behalten. Hier arbeiten die beiden Psychologinnen am Olympiastützpunkt Berlin Hand in Hand. „Wenn wir merken, es ist jemand, der klinisch auffällig ist oder Probleme hat, kann er hier vor Ort direkt auch mit betreut werden“, erklärt Sportpsychologin Brit Wilsdorf. „Für dieses Konzept der integrierten Zusammenarbeit von Sportpsychologie und Psychotherapie haben wir den Förderpreis der Robert-Enke-Stiftung gewonnen.“ In Heidelberg werde nun auch nach diesem Modell gearbeitet. „Die Kölner überlegen auch, in diese Richtung zu gehen.“
Den diesjährigen Förderpreis der Robert Enke-Stiftung erhält der Bundesligist Mainz 05 für seine gezielte psychologische Betreuung von verletzten Nachwuchsspielern. Die Robert-Enke-Stiftung fördert unter anderem Projekte, die zur mentalen Gesundheit im Leistungssport beitragen.
„Was ein total wichtiger Punkt ist: dass man versteht, dass mentale Stärke nicht unbedingt etwas mit seelischer Gesundheit zu tun hat" so Brit Wilsdorf. "Wir haben Athleten, die sind Olympiasieger geworden und erfüllen einen Riesen-Kriterienkatalog an psychischen Störungen“ Es beginne ein Umdenken, aber nur langsam.

Wunsch nach mehr Unterstützung

Ein Umdenken nimmt auch Johannes Herber wahr, der Geschäftsführer von Athleten Deutschland, der Interessenvertretung deutscher Kaderathleten. Durch die Bekenntnisse von Osaka und Biles sei das Thema mentale Gesundheit sehr präsent geworden, sagt er im Video-Gespräch.
„Auf der anderen Seite ist es immer noch nicht so, dass wirklich so ganz offen darüber geredet wird, sonst hätte man nicht immer diese Erleichterung, wenn es dann doch mal in den Medien auftaucht.“ Von einer Normalisierung seien wir noch entfernt. „Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es schon normaler geworden ist, mit einem Sportpsychologen zu arbeiten und das auch bisschen selbstverständlicher in den Trainingsalltag zu inkorporieren.“
Der ehemalige Basketball-Nationalspieler hatte selbst eine schwierige Zeit in seiner Karriere: zwei Kreuzbandrisse in drei Jahren haben ihn komplett ausgebremst. „Das war schon eine sehr düstere Phase für mich, weil ich das Gefühl hatte, dass eigentlich das, was mir so versprochen worden ist in meiner Jugend, in meiner Laufbahn – nämlich, dass wenn man hart arbeitet, dass man dann belohnt wird – , dass das nicht mehr eingetroffen ist.“ Das sei eine Grundenttäuschung für ihn gewesen und daraus sei zwar keine klinische Depression entstanden, aber Gefühle wie ein Mangel an Selbstwirksamkeit, Antriebslosigkeit und Leere. „Und da hätte ich mir sicherlich mehr Unterstützung gewünscht.“
Mehr Unterstützung wünschen sich auch die Sportlerinnen und Sportler des deutschen Olympia- und Paralympic-Kaders. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Sporthilfe geben drei von zehn Athletinnen und Athleten an, dass sie bei ihrem Saisonhöhepunkt nicht „mental präsent“ waren. Ursachen sind unter anderem finanzielle Sorgen, Führungsstile von Trainerinnen und Trainern und die geringe Wertschätzung der Gesellschaft und der Medien.
Es sind also nicht immer nur Verletzungssorgen, Leistungsdruck oder private Probleme, die die Athleten plagen. Hinzu kommen heutzutage die Erwartungen an Sportlerinnen und Sportler, sich in den sozialen Netzwerken gut gelaunt und topfit zu präsentieren – und möglicherweise mit Shitstorms umgehen zu können. Ein Sportlerleben ist komplex – und bedarf eines guten Maßnahmenpakets, damit es auch erfolgreich wird.

Bedarf übersteigt das Angebot

Diesen Beistand leisten die Sportpsychologinnen Brit Wilsdorf und Monika Liesenfeld am Olympiastützpunkt in Berlin rund 400 Athletinnen und Sportschülern – das ist ein großer Kader für zwei Sportpsychologinnen. Der Bedarf sei größer als das Angebot, sagt Monika Liesenfeld. „Da müssten wir nachsteuern, aber das hängt dann auch wieder mit Geldern zusammen. Da sind wieder die ganz großen Themen, die dann auf den Tisch kommen.“
Der Geschäftsführer von Athleten Deutschland, Johannes Herber, sieht möchte die Verteilung von Geldern verändern: „Das Problem, was wir haben, ist, dass wir momentan nur Gelder verteilen nach Leistung. Wir honorieren Leistung.“ Wenn es bei der Logik bleibe, brauche es Evidenzen, dass psychische Gesundheit auch Leistungen stärkt. Dann werde es auch mehr Geld geben für Sportpsychologie und psychiatrische Unterstützung.
„Wenn wir die Logik ändern können und neben dem Erfolg andere Erfolgsfaktoren definieren können, wie zum Beispiel das Wohlbefinden der Athletinnen und Athleten oder das Wohlbefinden der Athleten nach der Karriere, hätte ich auch Hoffnung, dass man auch dafür dann mehr Gelder bereitstellt.“ Diese dienten dann dazu, sportpsychologen, andere Psychologen, Karriere-, Laufbahnberater, die sich verstärkt mit der Persönlichkeitsentwicklung, Entfaltung von Athletinnen und Athleten befassen, einzustellen. „So könnten wir dieses ganze Thema besser in den Griff kriegen.“

Aufklärung und Entstigmatisierung

Extrem wichtig, das betonen alle Befragten, sei auch hier die Rolle der Trainerinnen und Trainer. Diese für mentale Probleme ihrer Schützlinge zu sensibilisieren, ist ebenso notwendig, wie ihnen selbst Beistand anzubieten – denn Trainer stehen ebenso unter großem Leistungsdruck und sind in der Regel nicht gut bezahlt. Wie groß hier der Nachholbedarf ist, zeigt Folgendes: Beim Internationalen Olympischen Komitee gibt es erst seit 2019 eine Expertengruppe zum Thema Sportpsychologie, seit 2020 wird ein Mental-Health-Zertifikat für Trainer und Betreuer angeboten.
Solange die sportpsychologische Infrastruktur in Leistungszentren und Verbänden noch dem Bedarf hinterherhinkt, ist es wichtig, das Thema mentale Gesundheit weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. Dafür hat Brit Wilsdorf zusammen mit der ehemaligen Schwimmerin und Psychiaterin Petra Dallmann die Website „Athletes in Mind“ ins Leben gerufen. Hier können sich Sportlerinnen und Sportler umfassend über psychische Gesundheit und psychologische Unterstützungsangebote informieren und zudem von den Erfahrungsberichten anderer Sportler lernen.
„Unser Ziel war es, die vorhandenen Strukturen noch besser zu vernetzen und mehr aufzuklären, wie man an Unterstützung kommt“, erklärt Sportpsychologin Brit Wilsdorf. Außerdem Entstigmatisierung und Aufklärung. „Einige Sportler, die mit ihren Geschichten ermutigen wollen, sagen, dass Hilfe zu suchen, manchmal ein schwieriger Schritt ist, aber einen eben auch weiterbringen kann in der persönlichen Entwicklung.“

Verwundbarkeit versus Heldenhaftigkeit

Den Sportler als Menschen zu sehen, der wie jeder andere auch physische und psychische Schwächen hat – das ist womöglich die erste, eigentlich selbstverständliche Erkenntnis, die sich durchsetzen müsste. Doch trotz der zunehmenden Debatte um die mentale Gesundheit von Athletinnen und Athleten könnte es ein schwieriges Thema für den Spitzensport bleiben, denken Johannes Herber und Britta Steffen.
Der Athleten-Deutschland-Geschäftsführer gibt zu bedenken:„Es gebe auf jeden Fall ein Spannungsverhältnis zwischen dieser Verwundbarkeit, die wir bei Biles und Osaka gesehen haben– die ja auch viel Applaus dafür bekommen hätten, sich verletzlich zu zeigen - und auf der anderen Seite der „Game-Face-Mentalität“ im Sport: „Also ich gehe in ein Match und dann setze ich mein Game-Face auf und bin dann sozusagen unverwundbar, projiziere ganz viel Stärke und ja, fast schon Arroganz auch dem Gegner gegenüber.“ Diese beiden Dinge passten nicht so gut zusammen würden immer wieder Spannung provozieren, meint Johannes Herber.
Die frühere Schwimmerin Britta Steffen sagt: „Ich glaube, dass viele viel zu sehr mögen, dass man als Sportler unantastbar ist, unangreifbar und so einen heroischen Status einnimmt. Viele wollen gar nicht in den dunklen Keller der Seele hinabsteigen und gucken, ob der Keller aufgeräumt ist und ob Licht angeht oder nicht.“ Sie fände es toll, wenn alle einfach dazu würden, „dass wir eben dual ausgerichtet sind und dass beides Probleme machen kann und dass beides auch total zusammenhängt.“
Medaillen und Titel sind die Währung im Spitzensport. Das gesamte Sportsystem sowie die Medien werden aber nicht darum herum kommen, mentales Wohlbefinden und seelische Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern, von Trainerinnen und Trainern stärker in den Blick zu nehmen und Schwächen zu akzeptieren. Naomi Osaka und Simone Biles hätten somit in einer idealen Sportwelt gar nicht für so viel Aufsehen gesorgt.

Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen, Suizidgefährdete und ihre Angehörigen: Wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen. Hilfe bietet unter anderem die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800-1110111 (kostenfrei) und 0800-1110222 (kostenfrei) oder online unter https://www.telefonseelsorge.de. Eine Liste mit bundesweiten Beratungsstellen gibt es unter https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen.

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