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Lesart / Archiv | Beitrag vom 31.01.2020

Bov Bjerg über seinen Roman "Serpentinen"Eine Geschichte vom Fremdsein

Moderation: Frank Meyer

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Porträt des Schriftstellers Bov Bjerg. (Ullstein Buchverlag / Gerald von Foris)
In seinem neuen Roman erzählt Bov Bjerg von einem Mann, dessen männliche Vorfahren sich allesamt das Leben nahmen. (Ullstein Buchverlag / Gerald von Foris)

Ein Vater reist mit dem kleinen Sohn in seine alte Heimat in der Provinz. Schwer belastet durch seine Kindheit, treiben ihn Suizidgedanken um. Bov Bjerg beschreibt in seinem neuen Roman ein Milieu, das ihm sehr vertraut ist.

Ein Vater unterwegs mit seinem Sohn. Ihre Reise führt zurück in das Hügelland, aus dem der Vater stammt, zu den Schauplätzen seiner Kindheit. Da ist das Geburtshaus, dort die elterliche Hochzeitskirche, hier der Friedhof, auf dem der Freund Frieder begraben liegt. Ständiger Reisebegleiter ist das Schicksal der männlichen Vorfahren, die sich allesamt das Leben nahmen: "Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt."

Der Vater muss erkennen, dass sein Wegzug, seine Bildung und sein Aufstieg keine Erlösung gebracht haben. Der Leser ahnt mit Schrecken, dass der Mann womöglich einen erweiterten Suizid plant, sein Kind mit in den Tod nehmen will.

Die Altlasten nicht an die Kinder weitergeben

Bov Bjergs neuer Roman "Serpentinen" ist harter Stoff. Er erzählt die Geschichte von einem, der auszog, seine Heimatregion und auch seine soziale Schicht zu verlassen, doch immer wieder davon eingeholt wird und in der Schicht, in die er aufgestiegen ist, nie richtig heimisch geworden ist. Das Buch, sagt Bov Bjerg, beschreibe unter anderem, "wie schwer es ist, Kinder so zu erziehen, dass sie nicht für die Kindheit ihrer Eltern büßen müssen". Der Autor, der eigentlich Rolf Böttcher heißt, fügt hinzu: "Ich habe selbst drei Kinder." Die Tötungsphantasien des Vaters zu beschreiben sei ihm "schwer gefallen. Es hat mir nicht gut getan, daran zu arbeiten".

2015 landete Bov Bjerg, der 1965 im schwäbischen Heiningen geboten wurde, mit "Auerhaus" einen großen Erfolg. Der Roman wurde inzwischen verfilmt. Das Buch spiegelt sein eigenes "Coming of Age" auf der Schwäbischen Alb. Der neue Roman sei jedoch keine Fortsetzung, betont er – auch wenn man den Ich-Erzähler tatsächlich für den inzwischen erwachsenen Protagonisten aus "Auerhaus" halten könne.

Fremd in der Schicht, in die er aufgestiegen ist

Ist der Roman das Abbild einer westdeutschen, gesamtgesellschaftlichen Depression? Viele der Mitte bis Ende der 60er-Jahre geborenen Bildungsaufsteiger hätten ähnliche Erfahrungen wie sein Romanprotagonist gemacht, sagt Bov Bjerg: "Dass sie, egal wie hoch sie gestiegen sind, immer fremd sind in dieser Schicht, in die sie aufgestiegen sind. Und das ist eine Erfahrung, die Depressionen natürlich nicht gerade vorbeugt."

Auch der Autor selbst ist so ein Bildungsaufsteiger. "Ich bin bis heute der Einzige in meiner Familie, der aufs Gymnasium gegangen ist und Abitur gemacht hat – und sogar studiert hat." Außenstehende, die nur auf seinen Lebenslauf blickten – Absolvent des Deutschen Literaturinstituts, erfolgreicher Schriftsteller – könnten sich dieses Gefühl des Nicht-zu-Hause-Seins meist überhaupt nicht vorstellen. 

(mkn)

Bov Bjerg: "Serpentinen"
Claassen, 2020, 
272 Seiten, 22 Euro

Bov Bjerg war nach dem Gespräch über seinen Roman weiterhin im Studio. Hören Sie hier die ganze Sendung mit ihm:

Hinweis der Redaktion:
Sollten Sie Hilfe in einer schwierigen Situation benötigen, können Sie sich jederzeit an die kostenlose Hotline der Telefonseelsorge wenden: 0800/1110111.

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