Bodo Kirchhoff: „Bericht zur Lage des Glücks“

Selbstmitleidiger Mann auf Reisen

05:36 Minuten
Cover zu "Bericht zur Lage des Glücks"
© Frankfurter Verlagsanstalt

Bodo Kirchhoff

Bericht zur Lage des GlücksFrankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2021

603 Seiten

28 Euro

Von Ursula März · 03.12.2021
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Eine Schöne auf dem Beifahrersitz, eine Verflossene mit ihrem neuen Mann und eine Schulfreundin als späte Liebe: In Bodo Kirchhoffs Roman tummeln sich viele Dramen und Zufälle um einen mittelalten Mann und sein Auto.
Der Ich-Erzähler von Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Bericht zur Lage des Glücks“ unternimmt eine nostalgische Erinnerungsreise. Er fährt in Kalabrien all die Stationen ab, die er vor Jahren mit der Physiotherapeutin Lydia besuchte, als sie noch ein Paar waren. Er erkennt die Restaurants, Sehenswürdigkeiten und die Hotels wieder, in denen sie glücklich waren.

Von Kalabrien nach Mailand

Dem Leser des mit 600 Seiten umfangreichen Romans geht es ähnlich. Auch er befindet sich auf vertrautem Terrain und erkennt das poetologische Inventar wieder, aus dem Kirchhoff seit langem und unermüdlich schöpft: Die Liebe als Thema, Italien als Topos und das Parlando weit schweifender Satzkonstruktionen als Tonlage.
Schon in der Novelle „Widerfahrnis“ aus dem Jahr 2016, für den der Frankfurter Schriftsteller mit Zweitwohnsitz am Gardasee den Deutschen Buchpreis erhielt, entwickelte sich aus diesen Elementen ein literarisches Roadmovie. Ein solches ist auch der „Bericht zur Lage des Glücks“, jedoch in umgekehrter Richtung. Der namenlose Protagonist bewegt sich nicht von Norden nach Süden, sondern von Kalabrien aus in den Norden; erst nach Rom, von da aus nach Venetien und Mailand.

Die Schöne auf dem Beifahrersitz

Er ist ein typischer Kirchhoff'scher Antiheld. Ein orientierungsloser, etwas selbstverliebter und selbstmitleidiger Zweifler. Ein Mann knapp jenseits der Lebensmitte, der privat und beruflich gescheitert ist. Bis vor kurzem war er Redakteur einer christlichen Zeitung. Jetzt versucht er, sich mit Geschichten im Nachtradio über Wasser zu halten.
Auf seiner Italienfahrt ist er allerdings nicht allein. Neben ihm sitzt eine junge, meist schweigende und blendend schöne Afrikanerin im Auto, die von den italienischen Medien gejagt und von der Polizei gesucht wird. Sie ist ein illegaler Flüchtling und ein Mysterium. Auf den Fotos, die Papparazzi von ihr schießen, ist sie nicht zu sehen, ihre Gestalt lässt sich buchstäblich nicht abbilden.

Diverse Dramen um Damen

Außer ihr und Lydia spielt indes noch eine dritte Frau eine entscheidende Rolle im erzählerischen Szenario: Maren. Sie ist Pastorin im Schwarzwald und eine alte Schulfreundin des Ich-Erzählers. Ihr vertraut er die Dramen an, die sich zwischen Kalabrien und Mailand ereignet haben. Es sind nicht wenige.
Unvermutet tauchen Lydia und ihr neuer Mann auf, ein breitbeiniger Wichtigtuer. Die Afrikanerin soll bei einer Modenschau auftreten, springt aber aus dem Fenster und verschwindet für immer im Nichts. Und schließlich begeht der Erzähler noch einen Mord, er erschlägt Lydias Mann mit einem Stein.

Zu viele schicksalhafte Zufälle

Die Präzision, mit der Bodo Kirchhoff Seelenzustände zu schildern vermag, fehlt ihm hier bei der Romankonstruktion. Zu oft bemüht er schicksalhafte Zufälle, um die Handlung voran zu bringen. Zu vieles wirkt dabei unplausibel bis an den Rand des Kolportagehaften.
Dies gilt vor allem für den letzten Romanteil. Er spielt in Afrika, in dem Herkunftsland der verschwundenen Afrikanerin. Der Erzähler sucht nach ihren biografischen Spuren und erhält – eine neue überraschende Wendung – Besuch von Maren, die ihm nachgereist ist und nun zu seiner Liebhaberin wird. Das Interesse, das Bodo Kirchhoff für die mythologischen Zusammenhänge seines Erzählstoffs aufbringt, fehlt ihm für das Narrative.

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