Blinde Museumsberaterin

"Knifflige Situationen erhöhen den Abenteuerfaktor"

29:44 Minuten
Eine blinde Besucherin ertastet ein Objekt in Gestalt eines Spitzkrautkopfes.
Eine Führung für blinde Menschen im Museum. Es sei schade, wenn ihnen nur taktil erfahrbare Kunst zugänglich gemacht werde, sagt Annalena Knors. © picture alliance / Marijan Murat
05.11.2021
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Infolge einer Erbkrankheit ist Annalena Knors als Kind erblindet. Heute berät sie Kultureinrichtungen dabei, möglichst inklusiv zu werden. Zu ihrem Alltag gehört es, wildfremde Menschen um Hilfe zu bitten – sie macht dabei fast nur gute Erfahrungen.
Annalena Knors ist blind. Aber wenn ihr Zug mal wieder auf einem anderen Gleis einfährt, bringt sie das nicht aus der Fassung. Chaos auf dem Bahnhof ist für sie ein Alltagsklassiker: "Knifflige Situationen erhöhen den Abenteuerfaktor."
Immer wieder Menschen anzusprechen, auf deren Hilfe man angewiesen ist, kostet Annalena Knors viel Energie. Grundsätzlich aber habe sie noch keine schlechten Erfahrungen gemacht, erzählt Gesa Ufers Lieblingsgästin der Woche in "Plus Eins". Im Gegenteil. "Wenn jemand einen ganz aufrichtig um Hilfe bittet, dann habe ich das Gefühl, das ist wie ein kleiner Vertrag."
Unangenehm seien nur die Momente, sagt sie, in denen die Menschen, die sie anspricht, einfach wortlos vorbeigingen. Aber das könne auch daran liegen, dass diese sie wegen Kopfhörern im Ohr schlicht nicht gehört hätten. Dann heißt es für Annalena Knors: sich aufrappeln und weiter fragen.

Inklusion im Museum

Als Museumsmanagerin und Mediatorin berät Annalena Knors heute Kulturinstitutionen, wie sie ihre Einrichtungen für möglichst viele Menschen zugänglich machen können. Dabei endet Inklusion nicht an der Rampe für Rollstuhlfahrende. Wenn beispielsweise blinden Menschen nur taktil erfahrbare Kunst zugänglich gemacht wird, sei das schade, denn die Highlights sind häufig andere. Und um sich nach dem Museumsrundgang über die erlebte Kunst austauschen zu können, müssen alle Zugang zu den gleichen Inhalten haben.
Das Thema Sprache und Behinderung ist ein weites Feld. Sagt man nun eigentlich "Handicap", "Beeinträchtigung" oder doch besser "besondere Begabung"? Adina Hermann vom Netzwerk "Sozialhelden", das sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt, ist dafür, schlicht von "Behinderung" zu sprechen – auch um das Wort positiv zu besetzen und nicht dem Mobbing auf dem Schulhof zu überlassen.
Außerdem, erklärt Adina Hermann, sind schlicht Rechte auf Sozialleistungen mit dem Terminus "Behinderung" verbunden. Am Ende gilt für Adina Hermann allerdings die simple Regel: Wir sollten über Menschen so sprechen, wie wir möchten, dass auch über uns gesprochen wird.
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