Bitcoin-Mining

Die Stromfresser von Plattsburgh

08:04 Minuten
Rechner zum Krypto-Minen.
Als Plattsburgh ein Rechenzentrum einrichtete, hoffte der Bürgermeister, dass sich IT-Unternehmen ansiedeln, die Arbeitsplätze schaffen. Doch dann kamen die Krypto-Miner. © picture alliance / AP Photo / Adirondack Daily Enterprise / Griffin Kelly
Von Thomas Reintjes · 19.04.2022
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In dem US-amerikanischen Plattsburgh kommt die Enerige aus einem Wasserkraftwerk am Niagara-Fluss und ist billig. Das hat Bitcoin-Miner angezogen. Ein Ärgernis für die Bewohner des Ortes.
Plattsburgh ist ein kleines Städtchen ganz im Norden des Bundesstaats New York, kurz vor der kanadischen Grenze. Rund 20.000 Menschen wohnen hier. 2016 begann Plattsburgh, das Interesse von Unternehmen zu wecken, die hier Rechenzentren bauen wollten.
Colin Read dachte an Google, Facebook, IBM oder ein ähnliches Unternehmen, das bestimmt viele Jobs für Ingenieure schaffen wird. Als die Rechenzentren entstanden, wurde Colin Read Bürgermeister von Plattsburgh. Dann stellte sich heraus: Die Rechenzentren sind Bitcoin-Minen.

Krypto-Boom in Lateinamerika: Bitcoin statt Gold

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Fünf bis zehn Prozent der weltweiten Rechenkapazität des Bitcoin-Netzwerks seien in seinem Städtchen installiert worden, schätzt Colin Read. Als Finanz- und Wirtschaftsprofessor an der örtlichen Universität kennt er sich im Thema aus. Er hat auch berechnet, wieviel Einnahmen diese Rechner generierten, die in einem verlassenen Ramschladen in einem Einkaufszentrum installiert worden waren. Fünf bis zehn Millionen Dollar – pro Monat.
Das funktioniert so: Alle zehn Minuten werden im Bitcoin-Netzwerk die neuesten Transaktionen gebündelt. Es wird ein neuer Block von Transaktionen an die bisherige Kette von Transaktionsblöcken angehängt. Daher auch der Begriff Blockchain. Der neue Block muss aber bestimmten Kriterien genügen. Zusätzlich zu den Transaktionen muss der Block einen gewissen Zahlenwert enthalten, um vom Netzwerk akzeptiert zu werden. Der Computer, der als erster einen Zahlenwert findet, mit dem sich ein gültiger Block ergibt, darf diesen Block an die Blockchain anhängen. Dafür gibt es eine Belohnung in Form von neu erzeugten Bitcoins. Deshalb heißt dieser Prozess Mining – oder Schürfen.

Billiger Strom für Bitcoin-Minen

Weil beim Mining jeden Tag Bitcoins im Wert von Hunderttausenden von Dollars ausgeschüttet werden, werden Hunderttausende von Rechnern darauf angesetzt, als erster einen neuen Block zu generieren. Deshalb verbraucht Bitcoin so viel Strom. Deshalb kamen die Miner nach Plattsburgh in New York, denn hier ist Strom so billig, wie fast nirgendwo sonst, sagt Colin Read. Nämlich keine zwei Cent pro Kilowattstunde.
Der Billigstrom kommt aus einem Wasserkraftwerk am Niagara-Fluss. Aber die Plattsburgher bekommen nur ein gewisses Kontingent von dem Wasserkraftwerk. Ist es erschöpft, müssen sie teuren Strom an der Börse kaufen. Die Bitcoin-Miner verbrauchten nun so viel Strom, dass die Stromrechnungen der Bürgerinnen und Bürger sich vervielfachten. Vor allem im Winter, denn der eigentlich billige Strom wird auch zum Heizen genutzt. Der Bürgermeister, Colin Read, musste handeln.

Keine Jobs, keine Steuereinnahmen

An kalten Wintertagen, wenn die Temperatur unter fünf Grad Celsius bleibt, sollten die Miner einen Teil ihrer Abwärme recyceln, also anderswo zum Heizen einsetzen. Seitdem wollte sich kein Bitcoin-Mining-Unternehmen mehr in Plattsburgh ansiedeln – trotz des billigen Stroms. Colin Read kann damit gut leben, denn weder hätten die Rechenzentren die erhofften Jobs gebracht, noch habe die Stadt von Steuereinnahmen profitiert.
Das System Bitcoin bietet den Minern keinen Anreiz, nachhaltig zu wirtschaften oder gar klimaneutral zu werden. Denn sie haben keine Kunden. Sie schürfen Bitcoins nur für sich selbst. Solange sie einen Ort mit weniger Regularien finden, stellen sie ihre Computer dort auf. Nicht ohne Grund wurden die Regale mit den Mining-Rechnern in den vergangenen Jahren oft in Container eingebaut, die sich leicht an einen anderen Ort transportieren lassen, wenn dort der Strom billiger oder die Auflagen geringer sind.
Das ändert sich jedoch mittlerweile, sagt Denis Rusinovich aus Berlin. Er berät Bitcoin-Miner und investiert in sie. Bitcoin-Mining werde stationärer, sagt er, und Nachhaltigkeit wichtiger. „Wir Miner wollen wachsen und dafür müssen wir Kapitalgeber finden. Kapital kommt von Institutionen und die müssen Umwelt- und Sozialstandards gerecht werden.“

Kryptowährungen ohne hohen Stromverbrauch

Dabei steht Bitcoin auch in Konkurrenz zu anderen Kryptowährungen. Die funktionieren oft auch ohne exorbitanten Stromverbrauch. Beim Bitcoin dient die eingesetzte Rechenleistung zum Sichern der Integrität der Transaktionen. Proof-of-work heißt das Prinzip im Fachjargon. Eine Alternative ist proof-of-stake: Dabei sollen Kapital-Einsätze garantieren, dass niemand die Blockchain manipuliert. Die zweitgrößte Kryptowährung, Ethereum, plant den Umstieg von proof-of-work zu proof-of-stake. Der Energieverbrauch für das Generieren neuer Ethereum-Blöcke soll dadurch um mehr als 99,9 Prozent fallen.
Denis Rusinovich glaubt aber, dass Bitcoin-Mining auch mit proof-of-work umweltfreundlich werden kann. „Tauchkühlung wird kommen, wo die Maschinen vereinfacht gesagt in einem Bad stehen. Die Wärme geht dann nicht mehr in die Luft, sondern wird genutzt, zum Beispiel für Fisch-Farmen oder generell zum Heizen“, sagt er. „Ich denke, da geht die Entwicklung hin.“
In Plattsburgh, wo der Strom jetzt wieder billiger ist, haben sich einige Einwohnerinnen und Einwohner von den Bitcoin-Unternehmen im Ort inspirieren lassen. Als Heizung für zu Hause verwenden sie jetzt kleine Mining-Rechner. Die sind genauso ineffizient wie ihre fest installierte Elektroheizung, aber werfen mit etwas Glück auch noch ein paar Dollar ab.

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