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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.10.2013

Bewegende Bewegungen

Der Tänzer Niels Robitzky über seine Liebe zum Breakdance

Niels Robitzky im Gespräch mit Joachim Scholl

Breakdance ist wie eine Sprache ohne Worte und seit Jahrzehnten eine jugendkulturelle Ausdrucksform. (AP)
Breakdance ist wie eine Sprache ohne Worte und seit Jahrzehnten eine jugendkulturelle Ausdrucksform. (AP)

Breakdance für Rentner? Niels Robitzky alias "Storm" ist überzeugt, dass er noch Jahrzehnte tanzen wird. In dem Stück "28 Jahre in 28 Minuten" bringt er schon jetzt sein Leben auf die Bühne. Die Breakdance-WM in Braunschweig begleitet er als Jury-Mitglied.

Scholl: Gestern Abend standen Sie noch auf der Bühne, Herr Robitzky, im Staatstheater Braunschweig, mit Ihrem eigenen Stück, "28 Jahre in 28 Minuten". Wie war es denn?

Robitzky: Ach, mir hat es sehr gut gefallen, vor allem, dass ich auch bei den anderen Vorstellungen teilweise zugucken konnte. Das Blöde war dann natürlich, dass ich mich am Schluss dann selber aufwärmen musste, so konnte ich die letzte Darbietung nicht mehr verfolgen.

Scholl: Wie hat das Publikum die Show aufgenommen?

Robitzky: Sehr schön, ja, komplett. Besonders für die Braunschweiger war es ja etwas Neues, so was im Theater zu sehen.

Scholl: Kommen wir gleich noch drauf, auf diese Show. Aber erst mal, Herr Robitzky, wieso nennen eigentlich Breakdancer ihre Kunst B-Boying? Mir war das gar kein Begriff!

Robitzky: Klasse, dass Sie es so erwähnen, ich habe es ja eben mitbekommen. B-Boying ist schon immer der eigentliche Name gewesen für den Tanz, der aus New York kam, Breakdance ist eine Erfindung der Medien. Der Begriff hat bei uns eigentlich so nie stattgefunden, den gab es so gar nicht. Und dadurch ist es natürlich alles sehr schwierig geworden. Mittlerweile müssen wir natürlich mit dem Begriff leben, weil durch die 80er-Jahre, durch die überwältigende Macht der Medien, hatten wir eigentlich gar keine andere Chance. Die anderen Tänze, Popping und Locking, die kommen aus Kalifornien, haben eine ganz andere Geschichte, haben einen ganz anderen Zugang zum Tanz, auch eine ganz andere Musik.

Scholl: Popping, das ist diese Roboterbewegung.

Robitzky: Unter anderem, Roboter ist noch wieder was anderes, aber es geht schon in die Richtung.

Scholl: Was ist Locking?

Robitzky: Locking ist noch wieder etwas anderes, aber, ich sage mal, um das jetzt zu erklären, da müsste ich dann sehr weit gehen. Genauso könnte man ja nicht erklären, wie jetzt Ballett aussieht, am Telefon.

Scholl: Aber auf jeden Fall haben wir gelernt, wenn man Breakdance sagt, outet man sich als Laie. Der Kenner sagt, ich bin ein B-Boyer, ein Locker oder Popper.

Robitzky: Ja.

"Eine Suche nach Identität"

Scholl: Ihr Stück, Herr Robitzky, "28 Jahre in 28 Minuten", behandelt Ihre eigene Biografie und die Geschichte des Tanzes. Wie haben Sie eigentlich angefangen?

Robitzky: Ich habe mich eigentlich schon immer für Tanz interessiert und bin dann Anfang der 80er-Jahre geskatet, Rollerskates und Skateboard. Und ein paar Freunde von mir sind aus Schweden zurückgekommen, da gab es damals ein Summer Camp, wo auch sehr viele Amerikaner waren, in der Zeit haben die alle schon gebreakt. Und da war es dann so, dass, als die wieder zurückgekommen sind, ich zuerst aufgefasst habe, sie würden einfach irgendwelche Stunts machen, um zu zeigen, dass sie die Kontrolle über das Brett eben nicht verloren haben, wenn sie runtergefallen sind, sondern dass sie einfach irgendwelche Sachen am Boden gemacht haben. Sie sind wieder aufgestanden, haben eine Rückendrehung gemacht oder eine Raupe eben, wenn sie vom Brett gefallen sind und auf den Füßen gelandet sind. Sie sind dann mit einem Backslide, was die meisten Leute als Moonwalk bezeichnen, hinter dem Brett hinterher, um wieder raufzuspringen. Das waren die ersten Tricks, die ich gesehen habe, da habe ich das aber noch nicht als Tanz begriffen.

Scholl: Wie alt waren Sie da?

Robitzky: Da war ich 14, das war 1983, Sommer 1983.

Scholl: Erzählen Sie uns ein bisschen von dieser Anfangszeit, was war das für eine Szene? Also, vor gut 30 Jahren fing es an, und so, wie Sie es gerade beschrieben haben, hat es sich dann rasend schnell verbreitet!

Robitzky: Ich sage mal, gerade als Skater ist man sowieso schon so ein bisschen von Amerika begeistert. Das ist was ganz Besonderes gewesen, auch als ich dann das erste Mal einen Scratch gehört habe im Radio zum Beispiel oder wirklich Graffiti gesehen habe. Also, die gesamte Hip-Hop-Kultur, die da über uns rübergeschwemmt ist, war überwältigend. Und sowieso denke ich jetzt einfach mal so, dass meine Generation sowieso noch sehr auf Identitätssuche war nach dem, was da mit Deutschland passiert ist im Zweiten Weltkrieg, ja.

Scholl: Es war auf jeden Fall erst mal Subkultur, Straßenkunst. Heute ist Breakdance, entschuldigen Sie, wenn ich den Begriff jetzt einfach so generell verwende, längst Teil professioneller Choreografien, wird auf Opernbühnen und Theatern getanzt, steht neben dem klassischen Ballett. Inwieweit hat eigentlich so diese kulturelle Aufwertung oder Emanzipation sich auch auf die Szene und das Tanzen selbst ausgewirkt?

Robitzky: Ich bin natürlich froh, dass sich das so weit etabliert hat. Es geht aber immer noch weiter, ich sage mal, das ist ja auch immer noch Teil meines Struggles. Schwierig ist natürlich, in der Theaterwelt Fuß zu fassen, die sich selbst aufgebaut hat. Also diese ganze Blackbox Theater und so weiter. Für uns war eigentlich immer nur wichtig, dass wir überhaupt tanzen können. Der Begriff Streetdance ist ja, wenn man ihn richtig übersetzen würde, dann müsste man Street eben so behandeln wie das Wort Überall auf Deutsch, und nicht wörtlich mit Straße übersetzen. Ähnlich wie bei Streetwear. Und das bedeutet eigentlich, dass wir vor keiner Bühne haltgemacht haben und auch vor keiner Bühne haltmachen wollen. Und das Theater ist da eigentlich nur eine Instanz, die man da gerne mitnehmen möchte. Aber, dass es wirklich so weit kommen konnte, das ist klar, das hat einer Menge Arbeit bedurft.

Scholl: Breakdance, morgen wird in Braunschweig der inoffizielle Weltmeister gekürt. Wir sind im Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Niels Robitzky. Als "Storm" wurde er zu einem der wichtigsten Breakdance-Künstler in Deutschland. Braunschweig ist an diesem Wochenende fest in den Händen der Breakdancer oder der B-Boyer, es ist das größte Branchentreffen sozusagen weltweit. Morgen wird der inoffizielle neue Weltmeister gekürt. Sie sind in der Jury, Herr Robitzky! Wie wichtig ist so ein Treffen, wie wichtig ist so ein Battle of the Year? Ist das richtig ernster Sport oder mehr Spaß?

Robitzky: Das ist beides. Ich kann mittlerweile immer noch nicht sagen, ob es jetzt Spaß oder Ernst ist. Das ist mein Leben, das ist meine Passion. Und für Leute, die wirklich mit dem Herzen dabei sind und die ihre Passion gefunden haben in dem Tanz, bedeuten besonders die Battle of the Year und natürlich der internationale Austausch sehr, sehr viel. Hier kommen die besten Crews zusammen durch die Vorausscheidungen, wo sie überall auf der ganzen Welt teilgenommen haben. Ich weiß gar nicht, wie viel Leute in die Volkswagenhalle kommen, es sind über 10.000 normalerweise. Aber für uns ist eben gar nicht so wichtig, was vor dem Publikum passiert, sondern was hinter den Kulissen passiert. Jetzt auch nicht unbedingt der Backstage-Bereich. Battle of the Year hat für uns ja schon angefangen. Es hat gestern angefangen und es zieht sich durch bis Sonntagmorgen.

Scholl: Aber was heißt das, was hinter den Kulissen passiert, was ist denn da so wichtig?

Robitzky: Eigentlich ist der dialogische Austausch wesentlich wichtiger als das, was auf der Bühne passiert. Das bedeutet, dass man sich natürlich auch grundsätzlich weiterbildet, dass man guckt, was sind die neuen Nuancen, wer sind die neuen Stars, was passiert hier, was passiert da, was sagen die Alten dazu. Hier ist auch einer von der Rock Steady Crew, Ken Swift, der eben auch seit 1978, 1979 schon tanzt. Er ist auch in der Jury und es ist ganz klar, dass jeder, der irgendwo auch nur eine Frage hat, und die hat jeder, zu Kenny geht und ihn fragt, was er davon hält, einfach nur, um sich selbst zu legitimieren, zu gucken, ob man auf dem richtigen Weg ist.

"Breakdancer seit fast drei Jahrzehnten"

Scholl: Wenn eine Kunst in die Jahre kommt, also von der Avantgarde dann auch, wenn man so will, zum Klassischen wird, dann gibt es immer Verzögerung oder es gibt auch Stillstand. Was würden Sie sagen, wie tanzt denn so der Nachwuchs? Geht das immer noch weiter nach vorn, welche Entwicklung gibt es so, bleibt es weiter spannend?

Robitzky: Dadurch, dass wir den ständigen dialogischen Austausch haben, haben wir natürlich auch die Möglichkeit, jetzt nicht nur von einem Kompromiss zu leben, den sich irgendeiner ausgedacht hat, so wie es ja in den meisten Tanzarten ist, sondern, dass wir uns eigentlich grundsätzlich ständig wiedererfinden. Das bedeutet, sobald irgendetwas Neues erscheint, kann diese neue Nuance eingearbeitet werden, entweder in sein eigenes Teil, oder kann was komplett Neues auslösen.

Scholl: Sie sind jetzt 44 Jahre alt, Herr Robitzky. 30 Jahre, kann man sagen, auf dem Boden und den Brettern. Sie lehren jetzt B-Boying, alle möglichen Tanztechniken. Das Stück gestern soll das letzte Mal gewesen sein, dass Sie aufgetreten sind, richtig?

Robitzky: Nur das Solo, das ich gestern gespielt habe.

Scholl: Nur das Solo, die "28 Jahre".

Robitzky: Das ist das letzte Mal gewesen. Ja, das Solo nennt sich "28 Jahre in 28 Minuten", mittlerweile müsste es dann "30 Jahre in 30 Minuten" heißen.

Scholl: Wie haben Sie denn bei der Erarbeitung dieses Stücks und dieser Choreografie über Ihre eigene Geschichte und die Geschichte des B-Boying/Breakdance nachgedacht?

Robitzky: Der ausschlaggebende Grund war eigentlich, dass ich einen Sohn geboren habe. Das heißt, meine Frau hat ihn geboren, vor sieben Jahren. Und ja, wenn man ein Kind bekommt, dann denkt man sowieso, dann schwirrt das ganze vergangene Leben noch mal vor einem ab und man überlegt sich, was habe ich denn jetzt damals gemacht, als ich so alt war wie mein Sohn jetzt und so weiter. Und das war eigentlich die große Überlegung.

Scholl: Und wann spielen Sie das Video ihm vor und sagen, guck mal, das hat Papa gemacht?

Robitzky: Nein, er ist dabei. Er spielt nicht direkt im Solo mit, aber er kommt am Schluss dann auch immer auf die Bühne. Das Stück hat er mindestens fünfmal geguckt und ihm gefällt es, er freut sich jedes Mal wieder.

Scholl: Und jetzt verlässt der alte Meister sozusagen den Tanzboden. Mit ein bisschen Wehmut?

Robitzky: Na, ich verlasse ja nur den Tanzboden mit "28 Jahre in 28 Minuten", alles andere bleibt ja bestehen. Also, ich werde weitermachen, das ist überhaupt keine Frage. Es werden noch andere Stücke folgen, das ist auch keine Frage. Wie lange ich das machen kann, habe ich keine Ahnung, aber ich denke mal, gerade dadurch, dass ich mich in den letzten 17 bis 20 Jahren hauptsächlich auf Popping konzentriert habe, das ist dann schon fast in die Richtung aktives Stretching, also mein persönliches Yoga. Ich hoffe, dass ich das noch machen kann, wenn ich 80 bin!

Scholl: Dann sind Sie ein schönes Beispiel dafür, dass also man nicht unbedingt aus der Jugendkultur rausfallen muss, weil natürlich B-Boying und Breakdance wird sehr, sehr stark mit Jugendkultur verbunden. Aber wir werden also auch die rüstigen Rentner dann breakdancen sehen?

Robitzky: Wir sind da ja die Guinea Pigs, ich gehöre ja in Europa zur ersten Generation, und an mir macht sich dann alles aus und guckt dann, wie lange man das durchhalten kann am Schluss. Aber ich denke, da brauchen wir uns keine Sorgen machen. Also, mit uns wächst dann natürlich auch die Kultur und dann wächst hoffentlich auch das Verständnis dafür, dass es eben keine Jugendkultur mehr ist irgendwann.

Scholl: Niels Robitzky. Als "Storm" kennt ihn die Breakdance-, B-Boying-, Popping- und Locking-Hip-Hop-World, morgen sitzt er in der Jury der Battle of the Year, der Breakdance-Weltmeisterschaft in Braunschweig. Viel Vergnügen dabei wünschen wir, Herr Robitzky!

Robitzky: Alles klar.

Scholl: Alles Gute Ihnen und schönen Dank für das Gespräch!

Robitzky: Gut, tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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