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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.12.2016

Berliner Tafel-Vorsitzende Sabine Werth"Arme Menschen sparen zuerst am Essen"

Sabine Werth im Gespräch mit Ulrike Timm

Die Sozialpädagogin Sabine Werth (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Die Sozialpädagogin Sabine Werth (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Eigentlich sollte die Berliner Tafel zur Verbesserung der Obdachlosensituation beitragen. Doch inzwischen erreichen Sabine Werth und ihre Mitstreiter 125.000 Menschen pro Monat. "Im Gespräch" erklärt die Vorsitzende des Vereins, warum die Tafel viel mehr ist als eine Ausgabe von Essen und warum die unabhängige Finanzierung der Tafel unabdingbar ist.

Sabine Werth war die erste private Anbieterin für Familienpflege in Berlin, mittlerweile arbeitet sie seit 30 Jahren in diesem Bereich. Bekannt wurde sie als Gründerin der Berliner Tafel e.V., ebenfalls der ersten dieser Art. Was mit einer Initiative zur Verbesserung der Obdachlosensituation in Berlin begann, hat sich heute zu einem Netzwerk aus über 900 Tafeln in ganz Deutschland ausgeweitet und etabliert. In Berlin werden pro Monat 660 Tonnen Lebensmittel verteilt und damit 125.000 Menschen erreicht - Menschen mit wenig Geld, soziale Einrichtungen und Kinder.

Doch bei allem Erfolg ist Sabine Werth wichtig, dass die Berliner Tafel e.V. nicht versorgen will, sondern nur unterstützen. Dabei spielt auch die Vermittlung der Wertigkeit von Lebensmitteln eine große Rolle. Außerdem geht es um Begegnungen.

"Wir möchten, dass die Familien wieder eine Chance haben, zusammen zu essen. Diese Chance ist in vielerlei Hinsicht in den letzten Jahren vertan worden, zum einen weil die soziale contra-Familienentwicklung so ist. Alle essen immer irgendwann, sie essen nicht mehr zusammen, sie haben keinen Familienverbund mehr. ( ... ) Aber ganz oft ist es auch so, dass die Lebensmittel für das gemeinsame Essen gar nicht da sind. Und da hoffen wir drauf, dass die Familien auch wieder zu Hause zusammen essen, und deshalb sind wir ganz bewusst keine Suppenküche."

Die studierte Sozialpädagogin, die selbst einmal arbeitslos war, weiß, wie schnell man in ein soziales Loch fallen kann. Darum reagiert sie auf Kritiker, die ihr eine "Vertafelung der Gesellschaft" vorwerfen und meinen, sie würde mit ihrer Arbeit das Elend weniger sichtbar machen und dem Staat die Arbeit abnehmen, die dieser doch leisten müsste, mit der Aussage:

"Die Realitäten sind so, dass es viele arme Menschen in unserem Land gibt, und dass ein paar Lebensmittel den Leuten überhaupt nicht aus der Armut helfen, sondern dabei, ein angenehmeres Leben zu leben. Es ist altbekannt, dass die Leute an den Lebensmitteln sparen, wenn sie wenig Geld haben, und so haben sie die Möglichkeit über uns Lebensmittel zu bekommen."

Die Hilfsarbeit der Tafeln macht auf Missstände aufmerksam, vor allem auf die Armut. Ohne Tafeln, wäre ihrer Meinung nach auch die öffentliche Diskussion über die Armut nie so in Gang gekommen.

Demut lernen 

"Ich habe durch die Tafel sehr viel gelernt in den letzten 24 Jahren. Vor allem Demut. Es ist erschreckend, wie viele Lebensmittel weggeworfen werden. ( ... ) Wenn wir den aktuellsten Studien folgen, dann werden über 50 Prozent aller Lebensmittel in Privathaushalten weggeworfen."

Sie ist froh darüber, dass die Firmen mittlerweile alle sehr gerne spenden: "Da hat sich etwas durchgesetzt." Am liebsten wäre ihr natürlich, dass gar keine Lebensmittel mehr verschwendet würden, dann hätten sie zwar auch nichts mehr zu verteilen, aber das würde sie in Kauf nehmen.

"Bei allem, was wir tun, hoffen wir. Wir können nicht sicher sein, dass die Lebensmittelverschwendung gänzlich dahin geht. Wir können auch nur hoffen, dass die Armut zurückgeht. Es sind alles nur Hoffnungen – aber es ist eben das Tun für die Hoffnung."

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