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Lesart | Beitrag vom 30.07.2020

Berliner Archiv für Schwarze LiteraturZeugnisse einer Geschichte in Bewegung

Von David Siebert

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Die in Berlin lebende Autorin Sharon Otoo posiert am 05.07.2016 in Berlin. Mit der doppelbödigen Geschichte über ein Ei, das nicht hart werden will, hat die in Berlin lebende Autorin den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Foto: Paul Zinken/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Zu den wichtigsten Vertrteterinnen afrodeutscher Literatur gehört Sharon Otoo, die 2016 den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Durch Autorinnen wie Olivia Wenzel, Jackie Thomae oder Sharon Dodua Otoo sind Schwarze Autorinnen und Autoren in der deutschen Literaturszene präsenter geworden. Das EOTO-Archiv in Berlin beherbergt eine einzigartige Sammlung Schwarzer Literatur.

Ein ehemaliges Ladenlokal in Berlin-Wedding. Heute ist hier der Verein EOTO untergebracht – ein Treffpunkt und Selbsthilfe-Projekt der afrodeutschen Communities in Berlin, erklärt Afrikawissenschaftler und Autor Philipp Khabo Koepsell: "Weil wir auch Kurse, Workshops, Nachhilfeprogramme haben, und viele andere Sachen, die von den Leuten geschaffen werden, die es nutzen."

Herzstück des Vereins ist aber eine große Bibliothek, die Koepsell mitleitet: Rund um Arbeitstische mit Computern und einer Sitzecke mit Sofas reihen sich an den Wänden meterlang Regale, bis zur Decke vollgepackt mit Büchern – der Großteil von Schwarzen Autoren:

"Wahrscheinlich sind es 8000, Bücher und Zeitdokumente", schätzte Koepsell. "Hier an der Seite haben wir Romane von A bis Z. Aber dann haben wir auch Kategorien, die du in keiner anderen Bibliothek finden würdest: Nämlich zum Beispiel Kolonialismus und Unabhängigkeit, das als ganzes Regal, inklusive Apartheid, Versklavung et cetera. Aber auch: Geschichte Afrikas, Geschichte Amerikas im Plural, Geschichte Europas, das heißt dann aber auch Geschichte Schwarzer Menschen in Europa."

Zusammengetragen von einer Gruppe Afrodeutscher

Zusammengetragen wurden die Bücher ab den 1970er-Jahren von einer Gruppe Afrodeutscher um die Aktivistin Vera Heyer. In deutschen Buchläden war Schwarze Literatur damals noch Mangelware: "Es war halt so, dass es vielleicht diese drei üblichen Verdächtigen gab zu der Zeit: Toni Morrison, Alice Walker und vielleicht noch Chinua Achebe. Aber es gab natürlich noch viel mehr. Das war alles noch vor der Zeit des Internets, du konntest nicht googeln: Schwarze Literatur. Das heißt, die Vera Heyer hat sich die Aufgabe gemacht, diese Bücher zu finden und hat auch lange Listen zusammengestellt von auf dem deutschen Buchmarkt erhältlichen Büchern und hat diese Bücher auch gesammelt."

Zum Beispiel afrikanische und afrodiasporische Klassiker wie Ngugi wa Thiongo, James Baldwin oder Frantz Fanon. Das EOTO-Archiv ist aber auch eine Fundgrube in Sachen Schwarzer Literatur aus Deutschland. Bereits 1908 erschien hierzulande die kolonialismuskritische Zeitschrift "Elolombe ya Kamerun", "Die Sonne von Kamerun".

"Die hat diesen Mittelweg gewählt zwischen den deutschen Kaiser zu preisen und gleichzeitig aber auch zu erwähnen, wie schlimm die Zustände in den deutschen Kolonien eigentlich waren, hinsichtlich der Prügelstrafe et cetera", erläutert Koepsell.

Schon in der Weimarer Republik aktiv

In der Weimarer Republik gründeten sich dann verschiedene schwarze kommunistische Gruppen: "Die haben eine Zeitschrift herausgebracht namens 'The Negro Worker', wurde in Hamburg publiziert, aber die war für den internationalen Markt gedacht. Die wurde auch an Seeleute weitergegeben und ging wirklich um die ganze Welt."

Dass im Nationalsozialismus Tausende Schwarze Menschen in KZs umgebracht wurden, andere ins Exil gehen oder sich verstecken mussten, erfährt man im EOTO-Archiv in diversen Autobiografien afrodeutscher Holocaustüberlebender wie zum Beispiel Gert Schramm oder Theodor Wonja Michael.

Im Nachkriegsdeutschland meldeten sich aber auch ganz andere schwarze Communities zu Wort, berichtet Koepsell: "Da gibt es zum Beispiel verschiedene Underground-GI-Magazine aus den frühen 70er-Jahren und die waren sehr kritisch, sehr 'underground', die haben Deserteure unterstützt. Eins davon zum Beispiel, 'The Voice of the Lumpen', von Lumpenproletariat, war tatsächlich das Sprachrohr der Black Panther Party unter den Schwarzen amerikanischen GIs in Westdeutschland. Das würden wir dazu zählen zu Schwarzer deutscher Geschichte."

Ein Meilenstein war dann 1986 der Sammelband "Farbe bekennen", in dem afrodeutsche Autorinnen, die meist einen weißen und einen Schwarzen Elternteil hatten, den alltäglichen Rassismus in Deutschland sezierten. Unter ihnen die Lyrikerin May Ayim: "Wir haben zum ersten Mal einen Begriff für uns entwickelt, nämlich afrodeutsch, um nicht weiter diesen Begriffen wie 'Mulatte', 'Mischling', 'Neger' usw. ausgesetzt zu sein. Ich bin zwar in dem Gefühl aufgewachsen, dass ich hier lebe, hier geboren bin, aber dass ich eines Tages hier weg muss: Weil die erste Frage immer ist: 'Woher kommen Sie?' und die zweite ist: 'Wann gehen Sie zurück?'. Und deutsch kann man eh nicht sein mit einer schwarzen Hautfarbe."

Schreibwerkstätten und Workshops

Um auch heute Schwarze Stimmen in Deutschland zu fördern, organisiert EOTO Schreibwerkstätten, Spoken Word-Workshops und ein alljährliches Literaturfestival. Zudem hat der Verein den Comic "Tayos Weg" veröffentlicht, der Jugendlichen die Geschichte Schwarzer Präsenz in Deutschland erklärt – ein Thema, sagt Koepsell, das kaum in Schulbüchern auftauche und immer noch zu wenig erforscht sei: "Dass Leute in die Archive gehen, richtig buddeln, alte Fotoalben auf dem Flohmarkt kaufen und in Kirchenarchive gehen und was in der Missionarsgeschichte finden über schwarze Menschen die so und so nach Deutschland gekommen sind, das ist eine gewaltige Arbeit und das tun sehr wenig Leute, tatsächlich."

May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz (Hg.): "Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte"
Orlanda Verlag, Neuauflage 2020, 308 Seiten, 18,50 Euro

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