Zukunft des Filmfestivals

Die Berlinale und der Streit um politische Einflussnahme

Ein Mann geht nahe des Potsdamer Platzes an Plakaten der Berlinale vorbei. Nach dem Festival gibt es eine Diskussion über die zukünftige Leitung der Berlinale.
Die Zukunft der Internationalen Filmfestspiele Berlin und von Intendantin Tricia Tuttle ist weiterhin offen. © picture alliance / dpa / Sebastian Gollnow
Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle bleibt vorerst im Amt. Doch es zeigt sich: Versuche der Einflussnahme auf das Festival kommen von verschiedenen Seiten – von der Politik sowie aus der Film- und Kulturszene.
Wieder wird um die Berlinale gestritten, wieder geht es vor allem um den Nahost-Konflikt. Wie es für das Filmfestival und für Intendantin Tricia Tuttle weitergeht, ist noch offen. Die Gespräche über die zukünftige Ausrichtung der Berlinale sollen in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Zudem gibt es eine große öffentliche Debatte über den Umgang mit propalästinensischen Äußerungen auf dem Festival.
Dabei steht die Kritik im Raum, die Politik nutze ihren Einfluss, um kritische Stimmen zum Krieg im Gazastreifen zu „zensieren“. Gleichzeitig positionieren sich Film- und Kulturschaffende aufmerksamkeitswirksam in offenen Briefen oder ähnlichen Stellungnahmen – und versuchen auf diese Weise Druck auf das Festival auszuüben.


Debatte I um Wim Wenders und die Haltung der Jury zum Gazakrieg

Direkt zum Anfang der diesjährigen Berlinale kam es zu einem ersten Eklat. Jurypräsident und Regisseur Wim Wenders wurde nach der Haltung der Jury zum Gazakrieg gefragt. Der Journalist fragte, ob die Jury vor dem Hintergrund, „dass die deutsche Regierung den Völkermord in Gaza unterstützt und Hauptgeldgeber der Berlinale ist, diese selektive Behandlung der Menschenrechte“ unterstütze.
Wenders antwortete, die Jury könne sich nicht auf das Feld der Politik begeben. Filmemacher sollten sich aus der Politik heraushalten, sie seien das Gegengewicht zur Politik.
Die indische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Arundhati Roy kritisiert diese Haltung und sagte darauf ihre Teilnahme an dem Filmfestival ab.
Zudem veröffentlichte die US-Branchenzeitschrift „Variety“ einen Text, in dem rund 80 Filmschaffende der Berlinale eine mangelnde Positionierung im Gazakrieg vorwerfen.
Sie seien entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Auch Wim Wenders wird in dem öffentlichen Brief kritisiert. Festivalleiterin Tricia Tuttle wie auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellten sich hinter Wenders.

Debatte II um Tricia Tuttle und den Umgang mit Äußerungen zum Gazakrieg

Gegen Ende des Festivals geriet dann Festivalleiterin Tricia Tuttle in die Kritik - wegen ihres Umgangs mit propalästinensischen Äußerungen bei der Filmpreis-Verleihung. 
Anlass für die Kontroverse war der Auftritt des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, der für seinen Film "Chronicles from the Siege" mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Er warf der Bundesregierung in seiner Rede vor, "Partner des Völkermords in Gaza zu sein" und fügte hinzu: Der Tag Palästinas werde kommen. Die Palästinenser würden sich dann an jeden erinnern, der für sie gestanden habe – und an jeden, der gegen sie gestanden habe.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal. Die Bundesregierung weist den Völkermord-Vorwurf gegen Israel zurück.
Nach dem Eklat kam der Aufsichtsrat der Berlinale-Trägergesellschaft Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) GmbH zu einer Krisensitzung zusammen. Vorsitzender der Trägergesellschaft ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Auch Weimer übte deutliche Kritik an der Berlinale. Zu einer Ablösung der Intendantin der Berlinale, Tricia Tuttle, kam es jedoch vorerst nicht.
Zahlreiche Filmschaffende solidarisieren sich in einem offenen Brief mit Tricia Tuttle. Die Deutsche Filmakademie warnt vor einem Angriff auf "den Kern eines unabhängigen Filmfestivals".

Die Berlinale und die Nahost-Kontroversen der vergangenen Jahre

Auch 2024 und 2025 hatten israelkritische Stellungnahmen zum Gazakrieg für Eklats bei der Berlinale gesorgt.
2024 nutzten Preisträger die Bühne für politische Statements im Hinblick auf den Gazastreifen. Das Vorgehen Israels dort wurde kritisiert – ohne dabei die Rolle der Terrororganisation Hamas und die Terroranschläge vom 7. Oktober zu erwähnen. Die Hamas sowie weitere militante Palästinensergruppen hatten an dem Tag mehr als 1.200 Menschen brutal ermordet und mehr als 240 Menschen – darunter Frauen und Kinder – als Geiseln genommen. Die einseitigen Äußerungen sorgten in deutschen Politikerkreisen für Kritik. So hatte die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) erklärt: "Die Statements bei der Bärenverleihung waren erschreckend einseitig und von einem tiefgehenden Israelhass geprägt“.
2025 ging es um eine Rede des iranischen Schauspielers Erfan Shekarriz, die auf der Berlinale vorgetragen wurde. Darin hieß es, Millionen von Palästinensern erstickten unter Israels „Siedlerkolonialstaat“. Deutschland wurde vorgeworfen, einen „Genozid“ an den Palästinensern zu unterstützen. Aus dem Publikum gab es zustimmende Zwischenrufe. Berlinale-Intendantin Tuttle bedauerte damals den Vorfall.

Die Folgen der Nahost-Debatten für die Berlinale

Publizist Philipp Hübl kritisiert gezielt eingesetzte Empörung: Aktivisten nutzten Prominente oder wichtige Ereignisse, um selbst Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Folge: Filmen erhielten weniger Aufmerksamkeit als die Debatte um den Nahost-Konflikt. Die Berlinale sei jedoch Filmfestival - und eben keine politische Diskussionsveranstaltung.  
Akteure aus dem Film- oder Kunstbereich und aus der akademischen Welt neigten zudem dazu, ihren Einfluss – beispielsweise über „offene Briefe“ massiv zu überschätzen. Doch ihr Einfluss auf die Politik sei „homöopathisch“.  
Das „Moralspektakel“ der öffentlichen Positionierung diene häufig allein dazu zu signalisieren, dass sie „auf der richtigen Seite stehen“.  
Die Filmemacherin und Drehbuchautorin Caroline Link fürchtet indes, dass der Berlinale im internationalen Ansehen ein Schaden durch die erneute Nahost-Debatte und die Diskussion um eine mögliche Abberufung Tuttles entstanden sei. 
Dass die Festivalchefin zum Kulturstaatsminister „zitiert werde, um Rechenschaft abzulegen“ sei ungeheuerlich. Ein palästinensischer Filmemacher wie Alkhatib könne auf der Bühne der Berlinale sagen, wozu er steht. Ein Filmfestival dieser Größe müsse dies aushalten. Die Debatte von einer Neuausrichtung des Festivals findet Link„beunruhigend“.

Die Berlinale – Politik und Film

Die künftige Ausrichtung der Berlinale ist derzeit ungewiss. Traditionell gilt sie als politisches Filmfestival. Sie präsentiert sich gezielt als Raum für Debatten, die jenseits roter Teppiche stattfinden und zeigt Filme, die als gesellschaftlich-politische Kommentare verstanden werden wollen. Als Publikumsfestival unterscheidet sie sich zudem deutlich von den Festivals in Cannes und Venedig, bei denen Marketing und Glamour eine viel größere Rolle spielen.
In ihrem Programm setzt die Berlinale auf unterschiedliche Perspektiven. In diesem Jahr beispielsweise auch von israelischen und palästinensischen Filmschaffenden.
Kulturstaatsminister Weimer hatte die Berlinale in diesem Jahr mit rund zwölf Millionen Euro gefördert. Er nennt die Berlinale einen „Ort, an dem Meinungen aufeinanderprallen, wo offen diskutiert wird. Die Bandbreite der politischen Debatte ist enorm groß.“
Weimer sei – wie auch einige andere politische Beobachter – jedoch nicht begeistert darüber, dass die Aufmerksamkeit bei dieser Berlinale mehr auf politischen Fragen lag als auf den Filmen, sagt der Philosoph und Publizist Philipp Hübl. Weimers politisches Anliegen sei (auch) die deutsche Filmförderung, für die die Berlinale eine wichtige Bühne sei. Der Kulturstaatsminister habe sich zudem den Kampf gegen den Antisemitismus ganz oben auf seine Agenda gestellt.
Debatten um den Nahost-Konflikt, um Israelkritik und Antisemitismus haben die Medien- und Kulturbranche schon wiederholt belastet. Beispiele waren neben den jüngsten Berlinalen besonders der Skandal um die Documenta fifteen, auf der antisemitische Kunstwerke gezeigt und die Beschwerden darüber nur schleppend aufgenommen wurden.
Onlinetext: Catherine Shelton

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