76. Internationale Filmfestspiele
Die Berlinale ist wohl das demokratischste Publikumsfestival – sichtbar in der Stadt und offen für ein Publikum jenseits der Branche © Imago / Stefan Zeitz
Berlinale im Schatten von Cannes und Venedig?

Cannes und Venedig gewinnen im internationalen Filmökosystem immer mehr an Bedeutung. Berlin macht vieles anders. Doch wie wichtig kann die Berlinale bleiben, wenn Aufmerksamkeit, Timing und Preise den Ton angeben?
Wenn die Berlinale am 12. Februar beginnt, stellt sich wieder einmal dieselbe, leicht melancholische Frage: Ist Berlin noch eines der maßgeblichen Weltfestivals – oder vor allem ein liebgewonnenes, politisch aufgeladenes Großereignis mit Kinokarten für alle?
Die kurze Antwort: Die Berlinale ist nicht kleiner geworden. Aber Cannes und Venedig sind größer geworden – strategisch, ökonomisch und vor allem im globalen Film-Ökosystem. Bedeutung im Festivalbetrieb wird heute nicht mehr allein durch Geschichte, Glamour oder cinephile Aura definiert, sondern durch Anschlussfähigkeit – an Märkte, an Streamingplattformen, an globale Öffentlichkeit. Und: an die Oscars.
Inhalt
Wann ist ein Filmfestival „wichtig“?
Es gibt dafür längst relativ nüchterne Kriterien: Welche Filme starten hier ihre internationale Karriere? Welche Produktionen finden hier Verleiher? Welche Regisseurinnen und Regisseure werden hier zu Marken? Und: Welche Filme werden von hier aus zu ernsthaften Oscar-Kandidaten?
In einer Branche, die sich durch Streaming, schrumpfende Kinoerlöse und massive Konzentrationsprozesse neu sortiert, sind Festivals wieder zu Knotenpunkten geworden – als Marktplätze, Talentbörsen und Reputationsmaschinen zugleich. Der Mythos vom Festival als reiner Kunsttempel ist längst passé. Heute geht es um Sichtbarkeit und um den richtigen Moment im Kalender.
Venedig: der richtige Moment im Kalender
Diesen richtigen Moment im Kalender hatte in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren vor allem Venedig konsequent auf seiner Seite. Der Termin im frühen Herbst ist aus Sicht der Branche ideal. Er liegt genau dort, wo Studios, Streamer und Produzenten ihre Awards-Kampagnen hochfahren und wo sich entscheidet, welche Filme überhaupt in den globalen Preiszirkus eintreten.
Diese strategische Lage hat das Festival am Lido gezielt genutzt: In den vergangenen rund 15 Jahren feierten 21 Filme ihre Weltpremiere in Venedig, die später für den Oscar als bester Film nominiert wurden, mehr als bei jedem anderen Festival. In Cannes waren es im selben Zeitraum 14, in Berlin war es lediglich ein einziger Film. Über Jahre hinweg war Venedig damit das Festival, das den Startschuss für Karrieren im „Awards-Modus“ lieferte – verlässlicher als Cannes, klar dominanter als Berlin.
Cannes und die Aufholjagd im Awards-Rennen
Das Kräfteverhältnis zwischen Venedig und Cannes in Bezug auf die Oscars hat sich deutlich verändert. Cannes hat in den vergangenen rund fünf Jahren spürbar aufgeholt. Die Zahl der später für Oscars nominierten Filme, die ihre Premiere im Mai an der Croisette feierten, liegt inzwischen spürbar näher an den Werten Venedigs als noch im Jahrzehnt zuvor.
Entscheidend ist ein zweiter Faktor, der Cannes unabhängig von jeder Statistik strukturell heraushebt: der Markt. Der Marché du Film ist seit Jahrzehnten der mit Abstand wichtigste Umschlagplatz der internationalen Filmindustrie. Hier werden Projekte finanziert, Weltrechte verhandelt, Koproduktionen angebahnt und Karrieren strategisch positioniert.
Für viele Produktionen bringt eine Premiere in Cannes nicht nur Prestige, sondern auch direkte Marktwirkung: globale Presse, internationale Distributionsdynamik und wirtschaftliche Anschlussfähigkeit in einem einzigen, hoch verdichteten Moment. Gerade die Kombination aus wachsender Awards-Relevanz und traditionell überlegener Marktinfrastruktur macht Cannes so stark. Cannes ist nicht nur ein Festival. Cannes ist ein Wirtschaftsknoten.
Die Berlinale als demokratischstes Festival
Die Berlinale gehört weiterhin zu den „Big Three“. Aber mit einem anderen Selbstverständnis. Berlin ist – im besten Sinne – das demokratischste dieser Festivals. Kein anderes Großfestival verkauft so viele Tickets an ein „normales“ Publikum, also an ein Publikum außerhalb der Branchen-Bubble.
Kaum ein anderes ist so sichtbar in der Stadt verankert. Kaum eines trägt politische Themen, gesellschaftliche Konflikte und internationale Perspektiven so demonstrativ ins Zentrum seines Programms. Das ist keine Schwäche. Es ist eine programmatische Entscheidung. Nur kollidiert diese Entscheidung zunehmend mit den Mechanismen eines globalisierten Preis- und Vermarktungssystems.
Der Kalender ist kein Detail – er ist ein Machtfaktor
Ein struktureller Nachteil der Berlinale liegt im Datum. Der Februar ist aus Sicht der internationalen Industrie ein seltsamer Moment: Die vorangegangene Oscar-Saison ist gerade beendet, die nächste noch nicht eröffnet. Für Produzenten, die auf Sichtbarkeit im Awards-Zyklus setzen, ist Berlin deshalb kein optimaler Startpunkt.
Der Berlinale-Termin ist historisch gewachsen. Aber in einer Branche, die immer stärker auf Kampagnenlogik reagiert, ist der Zeitpunkt ein zentraler Faktor im Wettbewerb.
Auch die Oscars verändern sich
Die Academy hat in den vergangenen Jahren ihr Mitgliederprofil massiv internationalisiert – mehr Frauen, mehr Filmschaffende außerhalb der USA, mehr Stimmen aus Europa, Asien und Lateinamerika. Das Ergebnis ist sichtbar: Internationale Produktionen haben heute realistischere Chancen, auch in der Kategorie Bester Film. Nicht mehr nur im internationalen Wettbewerb, sondern im Zentrum der Preisvergabe.
In der aktuellen Oscar-Saison gilt mit Joachim Triers neuem Film „Sentimental Value“ erstmals seit Jahren wieder ein klar europäisch geprägter Arthouse-Titel als ernst zu nehmender Anwärter auf mehrere Hauptkategorien. Internationalität ist kein Feigenblatt mehr. Sie ist Teil des neuen Mainstreams. Gerade deshalb aber sind jene Festivals im Vorteil, die diesen globalisierten Preiszirkus besonders effizient bedienen können, und das sind derzeit vor allem Venedig und Cannes.
Verliert die Berlinale an Bedeutung?
Die neue Berlinale-Direktorin Tricia Tuttle versucht nicht, diesen Wettbewerb frontal aufzunehmen. Stattdessen verkauft sie das diesjährige Line-up als Investition in die Zukunft: neue Stimmen, neue Handschriften, neue Talente. Berlin als Labor. Nicht als Schaulaufen der etablierten Namen.
Das ist sympathisch. Und mutig. Aber auch riskant. Denn der Eindruck drängt sich auf, dass es in der diesjährigen Ausgabe – noch deutlicher als in den vergangenen Jahren – keine großen internationalen Prestigetitel gibt. Filme, die bereits vorab als globale Ereignisse gehandelt werden. Ob Berlin damit tatsächlich „die Stars von morgen“ entdeckt – oder lediglich das Feld jenen Festivals überlässt, die heute schon über das größte symbolische Kapital verfügen –, wird sich erst im Rückblick zeigen.
Internationale Branchenmedien, Verleiher und Filmkritiker attestieren der Berlinale seit einigen Jahren einen schleichenden Bedeutungsverlust – immer mit einem klaren Bezug auf den internationalen Markt und auf den Preiszirkus. Man kann diese Entwicklung auch anders lesen.
In einer Zeit, in der Festivals immer stärker zu verlängerten Armen von Marketingabteilungen und Kampagnenstrategien werden, bewahrt sich die Berlinale eine gewisse Sperrigkeit. Sie bleibt ein Ort, an dem Filme nicht zuerst als Content-Assets, sondern als gesellschaftliche Kommentare verstanden werden. Als Publikumsfestival besitzt Berlin eine Sichtbarkeit in der Stadt, die Cannes und Venedig in dieser Form nicht erreichen. Und als politisches Festival ist die Berlinale weiterhin ein Resonanzraum für Debatten, die jenseits roter Teppiche stattfinden.
Aber es ist wahr: Die Berlinale steht an einem Scheidepunkt. Sie kann versuchen, im internationalen Prestige-Wettbewerb verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Oder sie kann ihr Profil weiter zuspitzen: als großes, offenes, politisches Publikumsfestival in einer Stadt, die selbst ein permanenter Widerspruch ist. Vielleicht ist das nicht weniger bedeutend, aber es ist eine andere Art von Bedeutung.



























