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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 16.01.2019

Berlin, Frankfurt, MünchenDas Selbstverständnis jüdischer Museen in Deutschland

Moderation: Winfried Sträter

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Blick auf das Jüdische Museum Berlin: Fassade des Neubaus von Daniel Libeskind in der Abenddämmerung (picture alliance / imageBROKER)
Ein Ort, der Debatten anstoßen will: das Jüdische Museum Berlin. (picture alliance / imageBROKER)

Sollen jüdische Museen immer Holocaust-Museen sein? Dürfen sie in Ausstellungen israelkritische Positionen vertreten? Wie viel Geschichte muss sein und wie viel Zukunft darf sein? Das haben wir die jüdischen Museen in Frankfurt, Berlin und München gefragt.

Der Jüdische Museum Berlin als Hort antiisraelischer Aktivität? So scheint es jedenfalls der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu sehen. Harsch kritisierte er vor einigen Wochen die aktuelle Jerusalem-Ausstellung des Museums: Darin stecke zu viel palästinensisch-muslimische Perspektive.

Mit dieser Kritik löste Netanjahu eine Diskussion über die Aufgaben und das Selbstverständnis jüdischer Museen in Deutschland aus: Welchen Raum soll etwa der Holocaust in der Museumsarbeit einnehmen? Inwiefern sind die Museen einer bestimmten Position verpflichtet? Mit diesen Fragen gehen die Jüdischen Museen in Berlin, Frankfurt/Main und München durchaus unterschiedlich um.

Berlin: "Wir wollen erstarrte Denkmuster aufbrechen"

Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, betont, es sei weder die Aufgabe der Jerusalem-Ausstellung noch des Museums als ganzem, politische Ansichten über Jerusalem zu vertreten. "Das Jüdische Museum Berlin will Debatten anregen und dazu beitragen, diese differenziert zu gestalten – ohne eine bestimmte Sicht zu bevorzugen. Es will erstarrte Denkmuster aufbrechen."

Auch versteht sich das Jüdische Museum Berlin nicht als Holocaust-Museum. Gleichwohl bleibt die Vernichtung der europäischen Juden ein zentrales Thema.

Den Beitrag von Gunnar Lammert-Türk über das Jüdische Museum Berlin können Sie hier nachhören:

Frankfurt: "Diese Stadt ist maßgeblich von Juden geprägt worden"

Während das Berliner Jüdische Museum einen Fokus auf die nationale Ebene hat, steht im Jüdischen Museum Frankfurt "die Lokalgeschichte auf dem Hintergrund des europäischen Judentums" im Mittelpunkt, sagt dessen Leiterin Mirjam Wenzel. "Und zwar deshalb, weil diese Stadt eine so bedeutende Geschichte hat. Sie galt wirklich als ein Zentrum der Gelehrsamkeit, insbesondere in der frühen Neuzeit. Frankfurt ist der Ort, in dem sich im 19. Jahrhundert die verschiedenen Strömungen ausdifferenzieren, in dem die Neo-Orthodoxie entsteht. Diese Stadt ist maßgeblich geprägt worden von Jüdinnen und Juden."

Die Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, aufgenommen anlässlich ihrer Vorstellung am 11.09.2015 im Kulturamt in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)Mirjam Wenzel, Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)

Berühmte jüdische Familien aus Frankfurt am Main wie die Bankierfamilie Rothschild und die Familie von Anne Frank werden deshalb einen großen Platz in der neuen Dauerausstellung bekommen, die gerade konzipiert wird. Sie wird im November mit der Eröffnung eines großen Anbaus am zentralen Museumsstandort am nördlichen Mainufer an den Start gehen.

Den Beitrag von Ludger Fittkau zum Jüdischen Museum Frankfurt können Sie hier nachhören:

München: "Ein wichtiger Ort der Sh'erit ha-Pletah, der Überlebenden"

In München ist das jüdische Museum Teil des neuen jüdischen Zentrums im Herzen der Altstadt. Auch in diesem Museum steht das jüdische Leben in der Region im Mittelpunkt, mit einem Schwerpunkt auf der Nachkriegszeit. Zum Beispiel die Geschichte der jüdischen Displaced Persons: Denn überlebende Juden aus ganz Europa kamen nach dem Krieg als sogenannte "Displaced Persons" nach München, um sich hier auf die Auswanderung vorzubereiten.

Diese Geschichte hat das Museum seit vergangenem Sommer zu einer eigenen Dauerausstellung gemacht – und zwar vor Ort, im heutigen Benediktiner-Kloster St. Ottilien, wo man nun auf einem beschilderten Rundweg die jüdische Geschichte des Klosters erfahren kann. Ein anderer Außenposten des Jüdischen Museums ist die Gedenkstätte im Münchner Olympiapark, ein moderner Bau, der seit 2017 existiert – ebenfalls unterirdisch.

Die Ohel Jakob Synagoge mit dem Jüdischen Museum in München während der Abenddämmerung am 02.04.2009. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)München war nach 1945 ein Anlaufpunkt für die überlebenden Juden: Heute befinden sich Ohel-Jakob-Synagoge (l) und das Jüdische Museum im Zentrum der Altstadt. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Eine wichtige Zielgruppe des Museums sind inzwischen Touristen aus Amerika und Israel, die hier auf ihrer Heritage-Tour die Geschichte ihrer Vorfahren studieren wollen. So ist die Shoa als Zäsur notwendiger Teil der Museumsarbeit, doch im Mittelpunkt stehen die Geschichten davor – und danach. 

Den Beitrag von Tobias Krone über das Jüdische Museum München können Sie hier nachhören:
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