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Breitband | Beitrag vom 12.09.2020

Berichterstattung über Konflikte auf Lesbos"Man sitzt nie zusammen"

Martin Gerner im Gespräch mit Vera Linß und Marcus Richter

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Ein Junge hält im November 2019 im Camp Moria ein Baby auf dem Arm. (Getty Images / Anadolu Agency / Ayhan Mehmet)
Die unhaltbaren Zustände in Moria waren schon lange bekannt. (Getty Images / Anadolu Agency / Ayhan Mehmet)

Die unwürdigen Lebensbedingungen im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos waren immer wieder Thema in den Medien. Doch die Konflikte zwischen den Akteuren vor Ort würden zu wenig analysiert, sagt der Journalist Martin Gerner.

In der Nacht zum Mittwoch wurde das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos durch Brände zerstört – die Bilder der Brand-Katastrophe gingen um die Welt. Die unwürdigen Lebensbedingungen in Moria waren immer wieder Thema in den Medien, aber meist dann, wenn es dort zu Konflikten kam. Zwischendurch flachte das Medieninteresse ab, obwohl das Drama weitergeht.

Wie ist die Berichterstattung über Moria zu bewerten? Der Journalist und Dokumentarfilmer Martin Gerner hat längere Zeit auf Lesbos recherchiert und rät internationalen Medien, auch die griechischen Medien und Quellen in die Recherche und Berichterstattung über Moria einzubeziehen: "Das geschieht zum Teil, aber das ist noch ausbaufähig."

Rechte in den Medien überrepräsentiert

Zudem fordert Gerner, stärken zu trennen zwischen Rechten und Neonazis auf der einen Seite, "die eine deutliche Minderheit sind, die aber medial sehr eingefangen werden", und der stillen Menge auf der anderen Seite.

Von internationalen Medien fordert er interkulturell sensibel zu agieren. Er spricht in diesem Zusammenhang von "kultureller Verwirrung" vor Ort – zwischen den Einheimischen, NGOs und Flüchtlingen, wo viel Angst und Vorurteile übereinander vorherrschen. Es fehle die Zusammenarbeit, eine Art "runder Tisch": "Man sitzt eben nie zusammen."

Behörden und Medien sollten zusammenarbeiten

Über die sozialen Medien werden Konflikte weiter geschürt. Martin Gerner sieht hier die Politik und Medien in der Verantwortung, Informationen zu streuen. Es fehle beispielsweise in der aktuellen griechischen Debatte die Frage nach Corona-Schnelltests für die Flüchtlinge: "Da müssen eigentlich Behörden und Medien Hand in Hand arbeiten."

(Privat)Martin Gerner (Privat)Martin Gerner ist freier Autor, Korrespondent und Dozent. Er berichtet von der Balkanroute und aus Konflikt- und Krisengebieten wie Afghanistan und dem Irak. Sein Dokumentarfilm "Generation Kunduz. Der Krieg der Anderen" wurde weltweit ausgezeichnet. Im Dezember erscheint sein Hörfunk-Feature über die Konflikte auf Lesbos.

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